Ein Krieg aus freien Stücken

2. Dezember 2009, 18:51
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Obama hat den von George W. Bush geerbten Krieg endgültig zu seinem eigenen gemacht - Von Christoph Prantner

Schon vor ein paar Monaten haben politische Beobachter den Konflikt in Afghanistan als „Obamas Krieg" bezeichnet. Jetzt, nach der Rede des US-Präsidenten in Westpoint, trifft das tatsächlich zu. Barack Obama, der am kommenden Donnerstag in Oslo den Friedensnobelpreis verliehen bekommt, hat den von George W. Bush geerbten Krieg endgültig zu seinem eigenen gemacht. Nach einer ähnlich lautenden Rede im März und monatelangem Abwägen hat der Oberkommandierende der US-Streitkräfte, der als naiver Peacnik verschrien war, beschlossen, dass er definitiv Blut vergießen will. Es ist ein Wendepunkt in dieser jungen Präsidentschaft, weil Obama den Konflikt in der Lesart vieler eher aus freien Stücken eskaliert als aus Notwendigkeit, wie es Richard Haass, der Chef des renommierten Thinktanks Council on Foreign Affairs und frühere Berater beider Bush-Präsidenten in einem vieldiskutierten Buch (War of Necessity, War of Choice) formuliert.

Die Entscheidung ist riskant für Barack Obama. Denn es gibt viele Unwägbarkeiten, die seine Strategie fatal beeinflussen können: Wird der afghanische Präsident Hamid Karsai hinreichend kooperieren? Tragen die Europäer tatsächlich einen entsprechenden Teil der Lasten? Was geschieht inzwischen im instabilen Pakistan? Reicht es aus, eine Taktik gegen Aufständische zu fahren und bloß die urbanen Zentren sowie die wichtigsten Verkehrsverbindungen im ganzen Land zu kontrollieren? Werden sich maßgebliche Regionalmachthaber einkaufen lassen? Und vor allem: Warum sollten sich die Taliban und „das Krebsgeschwür Al-Kaida" (Obama) vor einer Offensive schrecken, die ohnehin bereits 2011 zu Ende gehen wird?

Die Antworten auf diese Fragen werden nicht nur bestimmen, ob die Operation erfolgreich ist und deren Ziele - keinen sicheren Hafen für Al-Kaida zulassen, den Taliban das Heft aus der Hand nehmen und die afghanische Regierung stärken - erreicht werden. Sie werden ab jener Minute, in der Obama den letzten Satz seiner Westpoint-Rede beendet hat, auch über seine Wiederwahl im Jahr 2012 entscheiden. Vor allem dieser Hintergrund ist eine Dimension, die für die Auslegung von Obamas Strategie beachtet werden muss. Das Abzugsdatum im Sommer 2011 hängt also eher mit dem spätestens dann beginnenden Wahlkampf zusammen als mit militärischen Erwägungen und Fakten aus dem Feld.

So gesehen wird nicht mehr ausschließlich die Freiheit des Westens am Hindukusch verteidigt, wie es einmal so pathetisch hieß, sondern auch eine zweite Amtszeit für Barack Obama. Wenn er ab 2013 im Weißen Haus weitermachen will, kann er sich weder jetzt einen Abzug und das Eingeständnis einer Niederlage in Afghanistan leisten noch in zwei Jahren. Das würden die amerikanischen Wähler trotz aller Kritik an Kosten und Sinnhaftigkeit des Einsatzes nicht verzeihen - und das wissen Obama und die Wahlstrategen in seinem Team genau.
Aus dieser Perspektive ist der US-Präsident quasi zweifach in der mitunter doch recht unerquicklichen Ebene angewandter Realpolitik angelangt. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2009)

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