Das Theater mit der kleinen Landwirtschaft

2. Dezember 2009, 18:53
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Sechs junge Performanceteams aus Österreich, Deutschland und der Schweiz befassen sich mit dem "Schock" - Brut zeigt sie alle

Zwei der Teams beim Festival Freischwimmer stammen aus Österreich.

Soll ich wieder aufs Land ziehen? Dies haben die Rabtaldirndln in ihrer letzten Arbeit gefragt. Antwort: Wir wissen es nicht. Es ist einerseits wunderschön. Aber was sich am Land abspielt, sieht in dem von Speck und Schnaps lukullisch eingerahmten neuen, interaktiven Diavortrag namens Aufplatzen ziemlich beängstigend aus. Es platzen dort, im steirischen Rabtal, nämlich nicht nur Kürbisköpfe.

Zum Glück aber: Das Rabtal (mit einem a) gibt es gar nicht. Es ist eine Erfindung. Das Rabtal ist das imaginäre Territorium der aus der Steiermark stammenden Rabtaldirndln. Fünf Frauen, die im Idyll von Wiese, Wald und Ackerland eine Schänke betreiben - samt kleiner Landwirtschaft. Sie sind vif und kennen sich beim Ausfüllen der EU-Förderanträge bestens aus. Ein immenser Vorteil vor Ort.

Das Idyll ist in Aufplatzen Untersuchungsgegenstand und verliert in dem von handfesten Kommentaren begleiteten Diavortrag über Land und Leute auf harte Weise seine Maskierungen. Eine kleine Jause entschädigt für so manche Desillusionierung. Künstlersubjekt (Rabtaldirndln) und Kunstobjekt (Rabtaldirndln) verschmelzen dabei. Mit Aufplatzen hat sich das im Umfeld des Theater im Bahnhof großgewordene Quintett (Rosi Degen, Bea Dermond, Barbara Carli, Gudrun Maier und Gerda Strobl) für das diesjährige Freischwimmer-Festival qualifiziert. Bereits im Vorjahr waren sie im Brut zu Gast, diesmal spielen die Rabtaldirndln schon in der Liga außergewöhnlicher Off-Produktionen des deutschen Sprachraums.

Freischwimmer ist eine von den fünf internationalen Koproduktionshäusern Gessnerallee Zürich, Sophiensäle Berlin, Kampnagl Hamburg, Forum Freies Theater Düsseldorf und Brut Wien getragene Plattform für junge Theater- und Performancekunst. Diesmal sind mit den Rabtaldirndln und der Gruppe Nadaproductions (siehe Artikel unten) gleich zwei österreichische Formationen dabei.

Thom Luz: Innenwelten

Das Leitmotiv des diesjährigen Freischwimmer-Festivals heißt "Schock". Die ausgewählten sechs Produktionen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz gastieren ab heute, 3. Dezember, im Brut. Sie suchen in künstlerisch gänzlich unterschiedlichen Positionen nach Formen, Ausdrucksmöglichkeiten und Folgeerscheinungen von Schockzuständen - und das in einer Welt, die von sich behauptet, nichts könne sie mehr schockieren. Können Schockzustände aus der Starre reißen, oder manövrieren sie uns ganz im Gegenteil in die Handlungsunfähigkeit? Oder beides? Und wie kommen wir da wieder raus?

Fragen, denen auch der Schweizer Thom Luz auf der Spur war. Im Zentrum seiner Arbeit Schutz und Rettung steht ein Mensch und sein Krisenreaktionsvermögen. Luz widmet sich in der surrealistischen Performance - Untertitel: Ein Musikabend in stabiler Seitenlage - ganz der Person Aloïse Corbaz'. Die Schweizer Künstlerin (1886-1964) lebte ausschließlich in psychiatrischen Anstalten. Dort hat sie ein aus Zeichnungen und Texten zusammengesetztes Werk hervorgebracht, das später zu den wichtigsten Positionen der Art Brut gezählt wurde. Luz zeigt, wie sich die Innenwelt eines Menschen gegen die unaufhaltsame Sinnlosigkeit der Realität stemmt. In Träumen, Spielen und Selbstbefragungen generiert der mit seinen 27 Jahren schon sehr gefeierte Thom Luz Inhalte dieses Konflikts. Fünf Akteure tragen ihn auf breiter Bühnenfront aus: "Bin ich männlich?", "Bin ich schon 50 plus?", "Bin ich ein schwedischer König?", "Ich will nicht mehr leben, auf Wiedersehen, alles Gute, Salut!"

Schutz und Rettung besteht aus enigmatischen Szenenfolgen (nach einem sich wiederholenden Muster), deren Gewalt sich zwischen den Sätzen, im Ungesagten und im Unsichtbaren zeigt, vor allem auch in der Musik von Mathias Weibel. In der enormen atmosphärischen Dichte erinnert die filigrane, dünnwandige Performance gar an Christoph Marthalers Kunst. Auch Thom Luz ist Musiker. Mit seiner Indie-Band My Heart Belongs to Cecilia Winter gibt er auch ein Release-Konzert.

Schockmomente auf einer fiktiven Reise nach Bagdad behandelt schließlich das Ensemble von Konsortium und Konsorten. Und die Gruppe Turbo Pascal lässt das Publikum über den wirklichen Worst Case entscheiden. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.12.2009)

 

Thom Luz, Brut im Künstlerhaus, 3./4. 12. 19.00
 Rabtaldirndln, Brut im Konzerthaus, 3.-5. 12. 21.00
 Konsortium und Konsorten, Brut im Konzerthaus, 7./8. 12. 19.00
 Turbo Pascal, Brut im Künstlerhaus, 7./8. 12. 21.00

 

  • Wenn das Heu einmal in den Ballen steckt, können auch die Rabtaldirndln pausieren. Die Performerinnen aus der Steiermark gehen dann in ihre Waldschänke
 
    foto: f. sattler


    Wenn das Heu einmal in den Ballen steckt, können auch die Rabtaldirndln pausieren. Die Performerinnen aus der Steiermark gehen dann in ihre Waldschänke

     

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