Zerrbild Schweiz

2. Dezember 2009, 18:47
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Das Selbstbild und das Fremdbild der Schweiz stimmen schon lange nicht mehr überein

Die Schweiz ist laut allen Umfragen und internationalen Ranglisten das Land mit der höchsten Lebensqualität und mit einem der größten Pro-Kopf-Einkommen in der Welt. Mit ihrer betörend schönen Landschaft stand die Marke Schweiz für Weltoffenheit, eine im Alltag hervorragend funktionierende Direktdemokratie, Respekt für Minderheiten. Ein Modell des inneren Friedens und der Freiheit im Zusammenleben von vier Sprachen und Kulturen, urdemokratisch und mit einer toleranten Grundhaltung. Zugleich war die Schweiz auch seit eh und je ein Ort der Zuflucht für Flüchtlinge.

Auch ich gehöre zu jenen tausenden Menschen, die 1944/45 das Inferno der Pfeilkreuzlerherrschaft in Budapest mit einem Schweizer Schutzpass überlebt haben. Erst später erfuhren wir, wie schäbig der Vizekonsul Karl Lutz, der auf eigene Faust fast so viele Menschen wie Raoul Wallenberg gerettet hat, von der Bürokratie der Eidgenossenschaft behandelt wurde.

Im Zweiten Weltkrieg im Schatten des Dritten Reiches erwies sich die Schweiz als Meister des unauffälligen Lavierens. Viele Juden und Flüchtlinge wurden gerettet, noch mehr an die NS-Schergen ausgeliefert. Die Banken haben das Vermögen der ermordeten Juden erst Mitte der 90er Jahre den Erben zurückerstattet.

Als langjähriger Wiener Korrespondent der liberalen Zürcher Tageszeitung Die Tat hatte ich aber auch jenen mutigen Kollegen Alfred A. Häsler kennengelernt, der bereits 1967 eine Tat-Serie, später ein Buch mit dem oft zitierten Titel „Das Boot ist voll" über das klägliche Versagen der Flüchtlingspolitik der Schweiz verfasste. Der seit 1938 (zur Rettung seiner jüdischen Ehefrau) in Zürich in ärmlichen Verhältnissen lebende große österreichische Schriftsteller Robert Musil schrieb die bittere Notiz in sein Tagebuch: „Die Schweizer haben keinen Respekt vor dem Fremden! Darum auch ihr Misstrauen gegen den Fremden, ausgenommen er imponiert durch Reichtum, jeder andere Fremder ist ein Zigeuner."

Hat nun das überraschend massive Votum für das Minarettverbot (nicht des Baus von Moscheen, von denen es 150 gibt) diese hässliche Fratze der Engstirnigkeit, Ängstlichkeit und des Abschottungswillen in einem Land mit einem 22 Prozent betragenden Ausländeranteil (davon knapp ein Viertel Muslime) wieder vor aller Welt bestätigt? Das Selbstbild und das Fremdbild der Schweiz stimmen schon lange nicht mehr überein. Der rechtskonservativen nationalen Schweizerischen Volkspartei (SVP) gelang es, die diffuse Angst (auch von feministischen Frauengruppen) vor islamischen Parallelgesellschaften mit unterdrückten Frauen, aber auch vor der starken Zuwanderung, vor allem in den ländlichen Gebieten durch populistische Stimmungsmache maximal auszunützen. Klar gegen die Initiative wurde übrigens gerade in den urbanen Zentren gestimmt, wo der Anteil der Muslime relativ hoch ist.
Die Bevölkerung entschied ganz anders als die politische Führung, die Medien und die Wirtschaft es gewünscht hätten. Eine sich in tiefer Identitätskrise befindliche Gesellschaft protestiert durch den Minarettverbot gegen den befürchteten Vormarsch der Islamisierung, aber auch gegen Überfremdung durch Ausländer. Ein Alarmsignal weit über die Grenzen der Eidgenossenschaft hinaus. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2009)

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