"Musiktheater soll lebendig sein!"

2. Dezember 2009, 18:44
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Am Montag hat Verdis "Macbeth" an der Staatsoper Premiere. Regisseurin Vera Nemirova und Dirigent Guillermo García Calvo im Interview

Nemirova und  Calvo sprachen mit Daniel Ender über ihre Zusammenarbeit.

Standard: Frau Nemirova, Sie haben Verdis "Macbeth" schon 2003 in Bonn als machtpolitische Parabel gezeigt. Sehen Sie ihn jetzt bei Ihrer neuerlichen Annäherung anders?

Nemirova: Das war damals mein erster Verdi, und ich war von der Wucht dieser Musik überwältigt. Weil es in Bonn war, habe ich sehr standortbezogen inszeniert - als Zentrale der Macht, weil ja Bonn früher Hauptstadt war. Im leerstehenden Bundestag zu spielen, ging aus Kostengründen nicht, also haben wir das Konzept irgendwo da angesiedelt. Jetzt habe ich mich völlig davon entfernt und bin ganz neu an das Stück herangegangen. Es war nicht einfach, eine Kehrtwendung auszuprobieren, eine andere ästhetische Richtung war aber unheimlich spannend.

Standard: Für Sie, Herr Calvo, ist es die erste Begegnung mit dem Stück, und außerdem sind Sie kurzfristig eingesprungen. Ins kalte Wasser?

Calvo: Ich beneide Vera, dass sie das Stück schon gemacht hat. Es ist angenehm, wenn man viel Zeit hat, sich vorzubereiten, über das Ganze nachzudenken. Das war jetzt bei mir nicht der Fall, aber es ist auch so schön. Ich liebe beides, wenn ich viel Zeit habe, aber auch, wenn es sehr schnell sein muss.

Standard: Was waren Ihre ersten Eindrücke von der Probenarbeit?

Calvo: Dadurch, dass alles sehr kurzfristig war, hatten wir kaum Gelegenheit, uns besser kennenzulernen. Aber ich bin flexibel und finde es sehr spannend, was Vera macht. Da sie eine konkrete Idee von dem Ganzen hat, kann ich mich anpassen. Wenn ich finde, dass etwas einen Sinn hat, bin ich immer bereit, Neues zu probieren. Wir machen etwa die Erscheinungen mit drei Frauenstimmen.

Nemirova: Da die Hexen sozusagen die Erscheinungen als Theater spielen, ist das Teil ihrer Aufführung. Ich habe mit Calvo gesprochen, ob er die Idee mittragen würde und bin Gott sei Dank auf offene Ohren gestoßen. So selbstverständlich ist das nicht.

Calvo: Ja, wir sind manchmal zu sehr in unserer Welt als Musiker, aber es wäre ignorant von mir zu sagen: "Nein, die Partitur ist so, und man darf nichts anders machen." Musiktheater soll lebendig sein! Was mich nervt, ist, dass die Hexen immer alles wissen und dass sie so locker sind, weil sie alles wissen. Eigentlich empfinde ich das als Parallele zu den Rheintöchtern im Rheingold - die wissen auch immer alles, wie eine Art weibliche Weisheit. Mich als Mann stört das.

Nemirova: Ja, das nervt, oder? (lacht) Ich habe gedacht, sie sind Autorinnen oder engagierte Journalistinnen, die irgendwo hingehen, ihr Leben riskieren und auf Verhältnisse aufmerksam machen, die nicht stimmen, auf Katastrophen, die eintreffen werden. Menschen, die nicht aufhören, in der Vergangenheit zu wühlen, um Missstände für die Zukunft aufzudecken. Unbequeme Leute und Stacheln in der Gesellschaft.

Standard: Es wird ja auch eine Banda geben. Wie weit darf man denn Opern verändern?

Nemirova: Wenn man die Stücke für die Zukunft bewahren will, muss man sich ins Verhältnis dazu setzen. Das ist fast wie in einer Beziehung zu einem Menschen, dass man, wenn man sich mag, aufeinander Einfluss nimmt. So ist es auch, wenn man an ein Werk herangeht, das man liebt. Man verändert es, man packt es an - auf liebevolle Weise. Aber es geht nicht darum, etwas in seiner Ganzheit zu dekonstruieren. Ich vertraue wirklich auf die alten Geschichten.

Standard: Inwieweit kann ein Dirigent auf die Inszenierung reagieren? Klingt es anders aufgrund der szenischen Interpretation?

Calvo: Natürlich. Es hat keinen Sinn, eine Partitur zu Hause intensiv zu lernen, ohne zu wissen, was auf der Bühne passiert. Atmosphäre und Charaktere sind immens wichtig. Da muss man berücksichtigen, was szenisch geschieht.

Nemirova: So entsteht ein Ganzes, es klafft kein Riss zwischen Orchestergraben und Bühne, und es laufen nicht zwei Spuren, sondern es entsteht etwas Homogenes.

Standard: Spielen Sie das Ballett, das für Paris entstand und nie in Wien gespielt wurde, und das Finale aus der Florentiner Fassung auch aus Gründen der Homogenität?

Calvo: Dieses Ballett passt stilistisch sehr gut zum Stück, im Gegensatz zur französischen Fassung von Don Carlos. Auch das ist zwar tolle Musik, aber im Vergleich zur sonstigen Sprache im Stück bleibt es irgendwie fremd. Aber bei Macbeth passt es sehr gut. Und beim Finale gefällt mir die Fassung, die wir machen, viel besser, weil sie kürzer und spannender ist.

Nemirova: Dieses Parlando von Macbeth am Ende statt dem üblichen martialischen Chor ist für mich ein utopisches Moment in dieser sonst so düsteren Geschichte: Da ist ein Mann, der merkt, er hat sein Leben verspielt, und keiner wird ihm auch nur eine Träne nachweinen. Da ist also ein Menschwerdungsprozess vonstattengegangen, und zumindest Verdi erteilt ihm die Absolution. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.12.2009)

 

  • "Es hat keinen Sinn, eine Partitur zu studieren, ohne zu wissen, was szenisch geschieht."  Vera Nemirova und Guillermo G. CalvoZu den Personen: Vera Nemirova, geboren 1973 in Sofia, studierte in Berlin Musiktheater-Regie, assistierte bei Ruth Berghaus und war Meisterschülerin von Peter Konwitschny. Ihre Inszenierungen wurden mehrmals von der "Opernwelt"  nominiert.Guillermo García Calvo, geboren 1978 in Madrid, studierte in Wien und arbeitet seit 2003 als Korrepetitor und Dirigent an der Staatsoper. 2007 war er Assistent von Christian Thielemann in Bayreuth.
    foto: newald

    "Es hat keinen Sinn, eine Partitur zu studieren, ohne zu wissen, was szenisch geschieht."  Vera Nemirova und Guillermo G. Calvo

    Zu den Personen:

    Vera Nemirova, geboren 1973 in Sofia, studierte in Berlin Musiktheater-Regie, assistierte bei Ruth Berghaus und war Meisterschülerin von Peter Konwitschny. Ihre Inszenierungen wurden mehrmals von der "Opernwelt"  nominiert.

    Guillermo García Calvo, geboren 1978 in Madrid, studierte in Wien und arbeitet seit 2003 als Korrepetitor und Dirigent an der Staatsoper. 2007 war er Assistent von Christian Thielemann in Bayreuth.

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