Der Mann, dem nichts peinlich ist

02. Dezember 2009 18:18
  • Artikelbild
    Foto: polyfilm

    Achtung, dieser Mann spricht direkt zur Kamera, und er führt nichts Gutes im Schilde: US-KomikerLarry David in Woody Allens neuer Komödie "Whatever Works"  – ab Freitag, 4.12.,  im Kino

In Woody Allens Komödie "Whatever Works" spielt Larry David einen unverbesserlichen Misanthropen, in der US-Sitcom "Curb Your Enthusiasm" sich selbst als Provokateur - der US-Komiker im Porträt

Wien - Gestreifte Shorts, das Hemd leicht schlampig aus der Hose hängend, Glatze und Brille - und dann dieser missmutige, genervte Gesichtsausdruck, dieser provokante, leicht erregte Ton in der Stimme: Sagen wir, Boris Yelnikoff, irgendwo in den 60ern, ist nicht der ideale Zeitgenosse, wenn man seine gute Laune behalten will. Er gehört nämlich zu jenen Leuten, die überall stets nur das Schlechte sehen. Dass Menschen zu Restauranttoiletten irgendwann auch automatische Spülungen dazuerfinden mussten, das spreche beispielsweise eindeutig gegen sie.

Yelnikoff ist die schillernd misanthropische Hauptfigur aus Woody Allens neuem, mittlerweile 70. Film, "Whatever Works" - dem ersten, den er nach längerem Europa-Aufenthalt wieder in New York gedreht hat. Der Stoff stammt ursprünglich aus den 70ern, Allen hatte das Buch für Zero Mostel geschrieben. Dass der nun wie maßgeschneidert einem anderen Komiker passt, das ist, vielleicht, schon der größte Coup dieses Films.

Larry David, Miterfinder von Seinfeld, hat mit seiner Sitcom "Curb Your Enthusiasm" (dt. etwa: Zügle deinen Enthusiasmus) eine unverwechselbare Form entwickelt, die ihn zum kulturellen Phänomen werden ließ: Er spielt eine Variante seiner selbst, einen stinkreichen und ebenso arbeitsscheuen Autor - mittlerweile schon in der siebten Staffel (hierzulande per DVD begleitbar). Sein schlimmstes Ich? "Mein b-e-s-t-e-s Ich!" , brüllt David im Standard-Interview durchs Telefon.

Auch in Whatever Works ist David zur Kenntlichkeit entstellt: "Das mag für Sie jetzt wie eine große Überraschung klingen: Aber all diese eher unangenehmen Eigenschaften von Boris besitze ich auch. Und ich kenne aus meiner Familie Leute, die so wie er sind. Und Menschen, mit denen ich Schach gespielt habe - so wie Boris zu Beginn des Films -, die genauso denken wie er, zur gleichen Selbstüberschätzung neigen. Sie sind alle so arrogant. Nur erfährt das keiner."

Stoff für mehr als ein Leben

David, 1947 geboren, Sprössling einer jüdischen Familie aus Brooklyn, ist mit New York ähnlich eng verbunden wie der um zwölf Jahre ältere Allen. Seine Kindheit nennt er stets einen Glücksfall, war sie doch eine Goldgrube für seinen Humor: "Brooklyn hat für Komiker lange Tradition. Mein Neighbourhood bot beste Voraussetzungen, um miteinander auf der Straße ins Gespräch zu kommen. Auf den Straßen tummelten sich die mannigfaltigsten Persönlichkeiten - das gab Material für mehr als ein Leben ab."

Auch die Figur des Boris profitiert davon. Seine zynische Weltanschauung, seine notorische Besserwisserei - als ehemalige Koryphäe für Quantenphysik pudelt er sich ständig auf -, prallt in "Whatever Works" auf eine naive 21-jährige Südstaatenschönheit (Evan Rachel Wood), die ihm das Schicksal vor die Haustüre weht. Dass ihr der griesgrämige Alte gefällt, sie sich gar in ihn verliebt, ist nur eine der mit leichter Hand hingeworfenen Wendungen dieses Films. Keine Identität scheint darin so gefestigt, um nicht vom liberalen Geist dieser Stadt allmählich verändert zu werden.

Ist Boris der Einzige, der untherapierbar bleibt? David verneint: "Boris verändert sich durch seine Ehe. Gewiss, der Mann hat seine Überzeugungen - am Ende sagt er aber, er habe nicht das schlechteste Jahr durchlebt. Für einen normalen Menschen ist das nicht viel, für Boris heißt es: Er muss echt glücklich gewesen sein."

Für David, der mittlerweile in Los Angeles lebt, lag die Herausforderung woanders. Erstens musste er nach New York zurückkehren ("Diesen Geisteszustand war ich nicht mehr gewohnt!" ), zweitens Unmengen an Dialogen lernen ("Es war ein ziemlicher Kraftakt. Ich bin ja eigentlich recht faul." ). Eine der besonderen Charakteristika von Curb Your Enthusiasm ist es ja, dass die bis in hysterische Höhen reichenden Dialoge abgesehen von einem lose skizzierten Plot völlig improvisiert sind.

In der Serie schlittert Davids alternative Persona von einem Missgeschick ins nächste. Politische Inkorrektheiten werden nicht bewusst begangen, sie passieren einfach - Spontanität korrespondiert bei ihm auf unheilvolle Weise mit Unaufrichtigkeit, und beides verträgt sich schwer mit dem gesellschaftlichen Konsens. "Ich denke, die Basis des menschlichen Miteinanders ist Kommunikation", sagt David dazu. "Und es braucht nur ganz wenig, eine kleine Abweichung, und alles geht schief. Menschen sprechen danach 40 Jahre lang nicht mehr miteinander."

Das hochkomische Resultat könnte man als Studie menschlicher Umgangsformen sehen, die das brüchige Fundament der sozialen Ordnung entlarvt - und wenn es nur darum geht, schneller an einen Tisch im Restaurant zu kommen. David: "Es gibt doch ganz vieles, was nicht ausgesprochen wird - nur aufgrund sozialer Etikette. Ich gebe zu, es ist sehr befreiend, Dinge sagen zu können, die sich die meisten Menschen denken, aber nicht zu sagen trauen." (Dominik Kamalzadeh
/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.12.2009)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
1 2
Hidetora
06.12.2009 19:07
70.Film?

Kleiner Research Fehler: Woody Allen hat bei bisher 40 Kinofilmen Regie geführt und nicht 70.
Ansonsten: guter Artikel und vor allem guter Film.
Empfehlenswert!

Gschamster Diener, Herr Direktor!
05.12.2009 22:28

Hab den Film jetzt zweimal gesehen (das erste mal im Kino), und ich war ab Minute eins ausgezeichnet unterhalten.
Der Charakter des Boris Y. geht Larry David zwar nicht ganz so einfach durch wie er selbst in 'Curb Your Enthusiasm', aber mit diesem Ensemble an Schauspielern und dem genialen Witz Allens kann man das getrost hinnehmen.

8.5/10

Möter
03.12.2009 23:54
Leon

Get in that a$$ Larry! Throw the Snickers bar on the floor. All that kind of $hit!

Karl Radek
03.12.2009 13:57
Nie wieder Woody Ellen

nach seinem letzten film, der seine Dämlichkeit schon im Titel offenbarte ("Vicky Christina Barcelona"), hab ich geschworen, mir nie wieder ein Machwerk von ihm anzusehen. daran werde ich mich halten.

Knochenmann
04.12.2009 10:02

"Love & Death" ist super.

Jingoist
03.12.2009 17:34

VCB war wirklich unmenschlich schlecht. So stelle ich mir einen Rosamunde Pilcher Film auf ORF2 vor. Sentimentaler Kitsch für Hausfrauen und Pensionistinnen.

Huffi
03.12.2009 17:17
Hey, ich fand

Vicky Christina Barcelona war echt ein super Film.

Und der Trailer zu Whatever works war sehr vielversprechend. Werd ihn mir auf jeden Fall anschaun!

henryandjune
03.12.2009 14:07

danke für diese immens wichtige mitteilung!

Karl Radek
03.12.2009 15:07

wichtig genug, das sie darauf replizieren ;-)

hinz kunz
03.12.2009 16:21

Die Antwort war immerhin um Welten besser als ihre zwei Postings. Ob Sie sich jetzt persönlich Woody Allen Filme ansehen oder nicht ist wirklich allen herzlich blunz'n.

Vor allem weil Sie Ihre fundierte Meinung auf einem von insgesamt 70 Woody Allen Filmen basieren.

Sortini
03.12.2009 12:44
Larry David,

an a55hole and swan killer :-)

03.12.2009 19:27

da hat jemand "curb your enthusiasm" geschaut :)

Kräuterpfarrer Escobar
03.12.2009 11:06
Do you respect wood?

Do you?

pustekuchen
03.12.2009 18:54

Yes, I do respect wood! But this is a low grade wood. I guess you could say that I discriminate amongst wood.
;-)

archimed
03.12.2009 10:46
Woody ist spitzenmäßig!

Es gibt keinen ernsthafteren Komiker zur Zeit als Allen!

Ich mag es, wie er menschliches Versagen und Scheitern auf eine äußerst skurrile Art und Weise auf die Leinwand bringt.
Sicher wieder ein außergewöhnlicher Film, ich freu mich schon auf die Vorstellung heute Abend....

Krokodil am Klavier
03.12.2009 10:26

Hab ihn schon gesehen, sehr zu empfehlen!

johann weissmueller
03.12.2009 09:37

was hätte man mit diesem witzigen, lebensweisen, einfach großartigen mann doch für ein tolles interview führen können..

Alex17
03.12.2009 02:16
pretty, pretty, pretty good...:-)

Gschamster Diener, Herr Direktor!
03.12.2009 01:46

Larry David in einem Woody Allen-Film? Es wird scheinbar wieder mal Zeit für's Kino. CYE ist seit Jahren eine meiner liebsten Serien, da kann ich fast nicht anders. Yeah yeah yeah.

Longyearbyen
 
03.12.2009 00:22
Schwach, schwächer, am schwächsten

sind die beste Beschreibung der letzten drei Filme des Woody Allen. Auch ein Genie ist vor Alterseinfalt nicht gefeit. Wer sich aber mit konstruierter Kommerzware zufrieden stellen lässt und sich LD unbedingt unter seinem üblichen Niveau geben will, soll sich "Whatever works" anschauen. Für mich war dieser Film einfach nur peinlich und eines Woody Allen unwürdig.

superwuzzler
02.12.2009 23:41
was für eine kombination!

mrjazzman
02.12.2009 21:09

"Mein Neighbourhood bot beste Voraussetzungen"
Ernsthaft? Also ich bin ja keiner von den fanatischen AnglizismenjägerInnen, aber irgendwann wird es lächerlich

duke box
07.12.2009 20:47

darauf kann ich auch ganz easy verzichten.

Gino
 
02.12.2009 20:22

Freu mich schon aufs kino!

Jim Kirk
02.12.2009 19:11

Der beste woddy allen film seit langer zeit.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.