"Nicht in Opferrolle drängen lassen"

2. Dezember 2009, 18:11
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Elham Manea, muslimische Politologin an der Uni Zürich, erklärt Klaus Bonanomi, dass die Zustimmung der Schweizer zum Minarettverbot Wasser auf die Mühlen islamischer Fundamentalisten sei

STANDARD: Wie haben Sie reagiert, als Sie von dem Ja der Schweizer zum Minarettverbot erfuhren?

Elham Manea: Ich war überrascht und schockiert. Ich hatte mit einem knappen Resultat gerechnet. Ich denke, viele Menschen in diesem Land haben Angst oder sind verbittert, weil sie sich nicht ernstgenommen fühlen. Diese haben mit Ja gestimmt, obwohl es ihnen eigentlich nicht um Minarette ging.

STANDARD: Was sagen Sie dazu, dass offenbar viele fortschrittliche Frauen mit Ja gestimmt haben?

Manea: Das deprimiert mich besonders. Das Ja zum Minarettverbot ist ein Backlash. Die Lage der aufgeklärten Muslime und Musliminnen wird nun noch schwieriger. Das Votum ist Wasser auf die Mühlen der Fundamentalisten. Sie werden versuchen, es für ihre Zwecke instrumentalisieren. Sie werden sagen, der böse Westen sei gegen die Muslime. Doch wir dürfen uns nicht in eine Opferrolle drängen lassen. Die große Mehrheit der Muslime in der Schweiz ist gut integriert und akzeptiert die Schweizer Rechtsordnung. Das müssen wir noch viel besser erklären. Wir müssen uns stärker sicht- und hörbar machen, immer und immer wieder.

STANDARD:  Hätten Sie dies nicht schon früher tun müssen?

Manea: Doch, wir haben den Fehler gemacht, dass wir zu wenig aktiv waren. Wir haben es zugelassen, dass sich die Diskussion bloß um negative Auswüchse wie Zwangsheiraten, die Scharia oder islamistischen Terror drehte. Diesem negativen Image des Islam sind wir zu wenig stark entgegengetreten. Es gibt nicht den Islam. Der Islam ist unendlich vielseitig. Hinzu kommt, dass es sehr wenig Forschung, sehr wenig gesicherte Fakten darüber gibt, wie die Muslime in der Schweiz leben. Das muss besser untersucht werden. Gestützt auf solche Fakten können dann konkrete Integrationsmaßnahmen eingeleitet werden. Nur so können Ängste abgebaut werden.

  • ZUR PERSON: Elham Manea, geboren in Ägypten als Tochter eines jemenitischen Diplomaten, studierte in Kuwait, Washington, Sanaa und Zürich. 2009 erschien ihr Buch „Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte". Manea ist Vorstandsmitglied im Schweizer Forum für einen fortschrittlichen Islam.
    foto: privat

    ZUR PERSON: Elham Manea, geboren in Ägypten als Tochter eines jemenitischen Diplomaten, studierte in Kuwait, Washington, Sanaa und Zürich. 2009 erschien ihr Buch „Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte". Manea ist Vorstandsmitglied im Schweizer Forum für einen fortschrittlichen Islam.

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