Des Kanzlers große Kuppelshow

2. Dezember 2009, 17:56
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Sein Vize hat ihn unter Zugzwang gebracht: In der Wiener Hofburg trat Werner Faymann an, um den Nimbus des Regierungschefs zurückzuerobern. In einer Rede kultivierte der Kanzler seine Stärke: alle umarmen, (fast) niemandem wehtun

Das Rot ist verwaschen. Zwischen Orange und Gelb changiert das Licht, das gedämpfte Spots auf Stuck, Fresken und Marmorsäulen werfen. Doch gerade den Eindruck der Beliebigkeit will der Gastgeber an diesem Morgen im Festsaal der Hofburg ausräumen. Eine große Rede soll der Nation beweisen: Der echte Regierungschef ist er, der Sozialdemokrat Werner Faymann.

Unter Zugzwang gebracht hat ihn Vizekanzler Josef Pröll, der sich in einer geschickten Ansprache als Tabubrecher inszeniert hatte. Nichts blieb dabei dem Zufall überlassen, in Prölls Redemanuskript waren sogar die Betonungen markiert. Trotz imperialen Ambientes legte es Faymann auf einen bodenständigeren Gegenentwurf an. Zur Vorbereitung zog er sich in den Schatten des Dachsteins zurück, Nahestehende versicherten mit einer Mischung aus Respekt und Skepsis: "Der Kanzler schreibt sich seine Rede selbst."

"Wir begrüßen Bundeskanzler Werner Faymann" , haucht eine Frauenstimme, als würde sie einen Kandidaten für die Kuppelshow Herzblatt ankündigen. Gemäß der gebotenen Hierarchie - Präsident, Kardinal, dann der Rest der Welt - heißt der SPÖ-Chef seinerseits die Würdenträger im Saal willkommen, ehe er für 70 Minuten zu reden beginnt, ohne allzu oft in die Vorlage auf dem Pult zu blicken. Keinen seiner zentralen Slogans lässt Faymann aus: Miteinander statt gegeneinander, genug gestritten, weniger versprechen, mehr halten; sogar ein Fünf-Punkte-Programm, Erfolgsrezept im Wahlkampf, steht wieder im Angebot. Authentisch ist sie, die Rede, und deshalb weitgehend pointenfrei.

Wie Pröll schleudert Faymann dem Publikum zum Auftakt eine Zahl entgegen, doch bei ihm geht es nicht um Budgetdefizite und Schuldenmilliarden. "Alle sieben Minuten kommt in Österreich ein Kind auf die Welt" , sagt der Kanzler, um im nächsten Atemzug "Respekt und Menschenwürde" statt "Gier und schnellen Profit" einzumahnen. Später wird er beklagen, dass Leistung oft nur in Geld gemessen werde: Auch ein Arbeitsloser, der nach der x-ten Bewerbung immer noch die Energie für einen neuen Versuch aufbringe, habe etwas geleistet.

Lange dauert das Pflichtprogramm, die obligate Bilanz nach einem Jahr Regierung würden auch die in der ersten Reihe platzierten ÖVP-Minister unterschreiben. US-Außenministerin Hillary Clinton würde gerne einmal "zum Ausruhen" kommen, erzählt Faymann: "weil Österreich ein Land sei, in dem es keine Probleme gibt."

Da muss sogar der Kanzler widersprechen. "Zu viele weiße Flecken auf der Landkarte" konstatiert er, als es um die Versorgung Pflegebedürftiger geht - ein mit zwei Milliarden dotierter Generationenfonds soll die Lücken schließen. 80Prozent der Akademikerkinder, aber nur 20 Prozent der Arbeiterkinder besuchten eine höhere Schule, kritisiert Faymann weiters - aus dem Mund eines Sozialdemokraten klingt das wie ein mea culpa. Eines seiner Gegenmittel: mehr Plätze in Ganztagsschulen.

Ein neues Arbeitsmarktpaket, eine umgekrempelte Forschungsförderung sowie (längst versprochene) Reformen für mehr Effizienz komplettieren die Faymann'schen fünf Punkte. Keinen Millimeter wagt sich der SPÖ-Chef in der heiklen Frage höherer Steuern auf Vermögen weiter: Trotz Drucks aus den eigenen Reihen bleibt er bei der Minimalvariante, Aktienspekulationen und Finanztransaktionen zu besteuern - Letztere im europäischen Gleichklang. Auch auf die Frage, wie das explodierende Budgetdefizit später wieder abgebaut wird, gibt Faymann keine neuen, sondern nur vage Antworten.

Manche Zuhörer haben auch andere Passagen vermisst: Nicht alle 12.500 Internet-User, die den Kanzler via Livestream sehen wollten, bekamen die ganze Rede mit - schuld waren technische Pannen.

Keine Unwägbarkeiten gab's für die 1000 Gäste in der Hofburg - weder im Guten noch im Schlechten. "Was hat Sie überrascht?" , war die meistgestellte Frage, nachdem Faymann das Podium geräumt hatte. Die für viele repräsentative Antwort des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl: "Gar nix, um ehrlich zu sein. Aber das ist auch kein Wunder." (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2009)

 

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