Truppenaufstockung wäre nicht nötig

2. Dezember 2009, 17:43
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Obama scheint weiter einer Strategie verhaftet zu sein, die Kaida/Taliban/Aufstand gleichsetzt

Washington/Wien - Im Vorfeld der Entscheidung von US-Präsident Barack Obama für den „Surge" in Afghanistan standen sich in dessen Umfeld, vereinfacht gesagt, zwei Lager gegenüber: jenes, das die Bedürfnisse der US-Armee in Afghanistan an einer Verstärkung der Counter-Insurgency (Aufstandsbekämpfung) maß, und das andere, das für eine Konzentration auf Counter-Terrorism (Terrorismusbekämpfung) plädierte.

Da Obama in seiner Rede ausdrücklich die von George Bush ererbte US-Position wiederholt, man würde in Afghanistan für die Sicherheit des Westens vor Al-Kaida kämpfen, könnte man meinen, er selbst sei auf der Counter-Terrorismus-Linie - die jedoch laut ihren Vertretern keine Truppenaufstockung, sondern nur einen Strategiewechsel erfordert hätte. Dabei wären die vorhandenen Truppen anders eingesetzt worden, gezielt gegen Al-Kaida-Reste auf beiden Seiten der afghanischen-pakistanischen Grenze und nicht gegen das, was allgemein unter „Taliban" läuft, wohinter sich jedoch nach Expertenmeinung immer mehr ein paschtunischer Aufstand verbirgt.

Obama, der die Truppen aufstockt, scheint also weiter einer Strategie verhaftet zu sein, die Kaida/Taliban/Aufstand gleichsetzt. Laut der Counter-Insurgency-Doktrin von US-General David Petraeus beträgt ein effizientes Verhältnis von Soldaten und Zivilbevölkerung 20 bis 25 auf tausend: So errechnet sich (wenn man nur die 15 Millionen Paschtunen nimmt) die Zahl von bis zu 80.000 zusätzlichen Soldaten, die der US-Oberkommandierende in Afghanistan, Stanley McChrystal, gefordert hat. Da Obama jetzt nur 30.000 schickt, prognostizieren Kritiker aus beiden Lagern - den einen ist der „Surge" zu gering, die anderen wollen keinen -, dass man damit nicht auskommen und mit weiteren Aufstockungswünschen des Militärs zu rechnen sein wird.

Laut Analysten wie dem US-Politologen William Polk ist 30.000 eine Zahl, die den Militärs ermöglichen wird, im Falle eines Misserfolgs der Politik die alleinige Schuld zuzuweisen (wobei die 30.000 zusätzlichen Mann die oberste Grenze einer nur geringen Aufstockung darstellen). Polk erinnert an die Post-Vietnam-Rhetorik, gemäß der das Militär „verkauft" worden sei. Für ihn ist es deshalb die schlechteste Option von allen, die Obama gewählt hat. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2009)

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    Obama wird 30.000 zusätzliche US-Soldaten nach Afghanistan schicken.

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