Dolores Schmidinger: "Sie lehnen mich ab oder sie lieben mich"

16. Dezember 2009, 19:18
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Sie ist die Komik in Person, obwohl ihr privat oft alles andere als zum Lachen war. Die Wiener Kabarettistin über Höhenflüge, Bruchlandungen und Neustarts - ein Porträt

Ihre Stimme ist unverkennbar. Etliche Köpfe drehen sich herum, als Dolores Schmidinger hereinkommt. "Bitte simma doch per Du - ich fühl mich sonst wie Achtzig!", wünscht sich "die Dolly" und nimmt einen Capuccino, "mit a bisserl mehr Milch".

Die Kabarettistin, Schauspielerin, Liedermacherin, Chansonette und Regisseurin ist das Erzählen gewöhnt. Seit vielen Jahren plaudert sie in ihren Solo-Programmen aus dem Nähkästchen, nutzt Autobiografisches und Selbstbeobachtetes als Basis für Gags und Pointen. Aktuell ist die echte Wienerin gleich zweimal zu erleben: als schräge Zeichenprofessorin in Stefan Slupetzkys "Der Fall des Lemming" und als Selbsthilfegruppenobfrau in ihrem neuesten Eigen-Programm "Endlich suchtfrei!".

"Ich bin wieder da!"

Das Skurrile, das Komödiantische, zuweilen auch das Derbe ist es, das ihre Fangemeinde so an ihr schätzt. Das komische Talent ist ihr Markenzeichen, begleitet sie wie ein "zweites Ich" - auch wenn ihr abseits von der Bühne oft alles andere als zum Lachen war: Eine schwierige Elternbeziehung, Alkohol, Bulimie, Tabletten machten ihr über viele Jahre das Leben schwer. Beruflichen Höhenflügen folgten Bruchlandungen, Faux-pas, Durststrecken - und immer wieder Neustarts. Heute ist sie auch privat "endlich suchtfrei": "Dass ich es immer wieder nach oben schaffe, durchzieht mein Leben", sagt Schmidinger. "Es ist bitter, wenn die Zuschauerzahlen weniger werden, aber es kam auch immer wieder ein Hype, ein 'Ich bin wieder da!', das macht mir so schnell keiner nach."

Theaterkind

Schmidingers Vater, ein Volksopernsänger, nahm sie schon als Kind oft ins Theater mit: "Wann immer ich dort hindurfte, hat mich das fasziniert - ich bin mit Operetten großgeworden." Die Schule ("eine schreckliche Klosterschule") hat sie wenig interessiert, umso mehr dafür die Schauspielerei: "Mein erster Freund hatte eine Kabarettgruppe, mit der wir durch Pfarrsäle tourten und natürlich war ich dort die Lustigste." Das fiel auch Gerhard Bronner auf, zu dem die Gruppe damals selbstbewusst zum Vorsprechen kam: "Zu den anderen meinte er, sie seien noch nicht reif für die Bühne, zu mir sagte er: 'Wenn'st 18 bist, kannst wiederkommen' - was ich auch gemacht hab." 

Erste Profi-Schritte

Im "Neuen Theater am Kärntnertor" (heutiges stadtTheater walfischgasse) machte Dolores Schmidinger 1964/65 schließlich ihre ersten Schritte auf die kabarettistische Profibühne: "Ich hab dort viel gelernt, aber es war eine absolute Männerriege. Frauen waren nur Aufputz und wurden auch nicht sehr nett behandelt. Ich musste mit meiner pummeligen Figur ganz furchtbare Revueposen machen, aber meine Rolle war gut und ich hab mich damit profiliert - da waren sie dann alle bös, die Komiker."

Das schauspielerische Rüstzeug holte sich "Dolly" in der Wiener Schauspielschule Krauss, mit 20 schrieb sie ihre ersten Liedertexte, was heute noch zu ihren Lieblingsaufgaben zählt, und heiratete ihren ersten von vier Männern, den englischen Musiker Dai King ("mein Lebensmensch"). Mit ihm feierte sie 1971 mit dem Programm "Gurken haben keine Tränen" im Wiener Konzerthaus auch ihren ersten großen Erfolg: "Er hat den schwarzen, englischen Humor mitgebracht und ich die Kreisler-Tradition - daraus entstand ein ganz spezielles Programm, eine skurrile Mischung aus Volksliedern und Folk, die beim Publikum sehr gut ankam."

"Ich bin schwer einzuordnen"

Als in den 80er-Jahren der Austro-Pop aufkam, ebbte der Erfolg des Duos langsam ab. Dolores Schmidinger widmete sich wieder verstärkt dem Fernsehen und dem Theater, spielte seit den 70er-Jahren auch Musical und Operette, war Mitglied des Theaters in der Josefstadt, des Volkstheaters und der Kammerspiele. "Ich musste mich nicht entscheiden, welche Sparte ich einschlagen soll, ob Film, Fernsehen oder Theater - die Angebote kamen von selbst, denn ich war ungewöhnlich, ich bin nicht in ein Klischee zu pressen", sagt die Künstlerin. "Das ist vermutlich aber auch der Grund, warum ich heute wenig Film und Fernsehen mache und wenn, dann Nebenrollen spiele: Ich bin schwer einzuordnen, so stromlinienförmige Frauen wie Kommissarinnen, das spielt's bei mir nicht. Und ich hab auch nie geschleimt, das kommt noch dazu."

Auf ihre Rolle als Hausmeisterin Josefine "Fini" Blahovec in der Kult-Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter" wird sie auch heute noch oft angesprochen - und das nicht nur von "Omas", die ein Autogramm wollen, sondern auch von den Enkerln: "Das Publikum altert nicht mit mir, sondern es gehen auch junge Leute in meine Programme, das freut mich unglaublich: Mich kennen Menschen von 12 bis 80. Andererseits polarisiere ich aber auch sehr: Entweder die Leute lehnen mich total ab oder sie lieben mich."

Mutterrolle

Eher unbekannt ist Dolores Schmidinger in der Rolle als Mutter zweier Töchter, Therese und Sophie, heute 30 und 27 Jahre alt. "Ich war nicht die tollste Mutter, denn ich konnte keine Grenzen setzen", verrät die Schauspielerin. "Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen war nicht leicht. Ich habe sie viel ins Theater mitgenommen, was sich wiederum auf die Schulmoral ausgewirkt hat. Zum Glück hatte ich eine Freundin, die sich dann um sie gekümmert und mich damit sehr entlastet hat. Ich habe noch immer ein schlechtes Gewissen, denn die Mädchen wollten eine Mama haben, die da ist. Das Verhältnis zu meinen Töchtern heute ist aber ein sehr gutes. Wir sagen alle drei: Ich war eben die beste Mama, die ich sein konnte."

Life is a cabaret

1988 wagte sich Dolores Schmidinger erstmals an ein eigenes Kabarett-Programm. Der große Durchbruch als Kabarettistin gelang ihr wenig später mit den beiden feministischen Programmen "Mit den Waffe(l)n einer Frau" (1990) und "Die nackte Matrone 2 1/2" (1992), die ihr ausverkaufte Häuser bescherten.

Als größten Misserfolg ihrer Karriere bezeichnet Schmidinger heute das Programm "unartig" (2005), in dem sie sich mit der Sado-Maso-Szene auseinandersetzte: "Ich glaube, das ist das letzte Tabu. Man muss beim Kabarett immer aufpassen, dass sich die Leute wiedererkennen, dass sie ein Aha-Erlebnis haben, und bei diesem Programm ist das Publikum ausgestiegen, obwohl das Konzept gut war. Ich dachte mir 'Das werden sie schon schaffen', aber ich habe die Leute da überschätzt; sie konnten das Geschehen auf der Bühne nicht nachvollziehen. Auch die Medien sind damals gegen mich zu Kreuze gezogen, das war eine sehr schmerzliche Erfahrung."

Raus damit!

Unter "schmerzliche Erfahrung" fällt auch ihre jahrzehntelange, schwere Bulimie, die Schmidinger in ihrem 1998 erschienen Buch "Raus damit!" verarbeitet hat. "Die Krankheit war ein Ausdruck meiner unglücklichen Jugend", sagt sie heute. "Ich war damals schwer am Alkohol, habe getrunken seit ich 15 war. Das hat mir geholfen, meine großen Ängste und meine Schüchternheit zu überwinden. Dazu kamen später Tabletten und dann, Mitte 20, das Kotzen." Ihre größte Stärke, die Komik, war auch Überlebensstrategie für ihre Angstneurose: "Ich wollte es erstens meinem Vater beweisen, der ein wirklich guter Komiker war, und zweitens wollte ich von den Leuten Liebe bekommen - das ist mir gelungen, indem ich die Menschen zum Lachen brachte."

Damals habe es nur noch keinen Namen für "das Kotzen" gegeben: "Das war ein völliges Tabu. Ich bin da reingerutscht, weil eine hübsche, schlanke Frisörin vom Theater so nebenbei erzählt hat: 'Wenn ich beim Heurigen zu viel gegessen habe, stecke ich den Finger in den Hals'. Das wirkte auf mich bestechend." Ihr selbst habe nur die Therapie geholfen, da herauszukommen. Heute habe sie "wesentlich mehr Lebensqualität als mit 25", sagt Schmidinger. Ihr Buch habe viele Frauen ermutigt, sich als bulimiekrank zu outen und noch immer würden sie Frauen um Rat fragen: "Es scheint noch immer ein Tabu zu sein, obwohl die Krankheit schon fast in jeder Talkshow thematisiert wurde, was ich für sehr gut halte."

Solo unterwegs

In ihren Kabarettprogrammen steht Dolores Schmidinger meist solo auf der Bühne, unterstützt von Pianist Bernhard von Ham. Dabei sei sie durchaus auch ein "Teamplayer", nur: "Die heimischen Kabaretthirsche denken nicht daran, mit mir ein Doppelprogramm zu machen. Nicht jetzt, weil ich 'nicht so ziehe', aber auch nicht zur Zeit meiner großen Erfolge Anfang der 90er-Jahre. Dabei hat es mit Andrea Händler in den 'Alltagsgeschichten' ja sichtlich sehr gut funktioniert."

Gerade beim Kabarett sei aber auch die Männerseilschaft sehr eng - und "die Quote" noch lange nicht erreicht, auch wenn es bereits einige sehr gute Kabarettistinnen gebe: "Bei uns in Österreich ist es besonders traurig - die sind alle unter ferner liefen, obwohl sie ganz was anderes verdienen. Andrea Händler und ich werden immer wieder gefragt, warum es so wenige Frauen im Kabarett gibt: Weil ein 13-jähriges Mädchen sich nicht übers Wuchteldrucken definiert, um anzukommen - die Klassenkasperl sind selten die Mädels. Die Männer machen dann ein Maturakabarett oder gründen eine Band und so wird der Grundstein gelegt." Dazu komme, dass die Komik an sich traditionell männlich besetzt sei: "Ein brutal-simples Beispiel: Wenn ein Mann auf der Bühne die Hose verliert, lacht das Publikum - wenn das einer Frau passiert, ist es noch immer eher peinlich."

"Töchter können mehr"

In den 80er-Jahren hat sich Dolores Schmidinger auch politisch für die Interessen der Frauen stark gemacht: "Johanna Dohnal hat mich damals für die Aktion 'Töchter können mehr' als Künstlerin rekrutiert, wo man in Schulen Vorträge gehalten hat, dass Mädchen nicht nur Frisörin oder Verkäuferin werden sollen - was heute, welch Fortschritt!, noch genauso passiert (lacht). Nur die theaterspielende Vorzeigefrau wollte ich aber nicht sein, ich wollte es ordentlich machen, habe mich deshalb in die frauenpolitische Materie eingearbeitet und bin der SPÖ beigetreten. Das war aber nicht nur ein Mitschwimmen auf der feministischen Welle, sondern aus einem natürlichen Gerechtigkeitssinn heraus, dass ich mich in der Frauenpolitik engagiert habe."

Seit damals habe sich zum Glück doch einiges verändert: "Ich glaube, dass der Macho eine aussterbende Rasse ist - zumindest gibt mann sich Mühe, Stereotypen wie 'Eine Frau kann nicht einparken' nicht mehr laut zu sagen, auch wenn sie es sich noch denken. Am Wirtshaustisch wird es wahrscheinlich noch eine Zeit dauern, bis eine Frau in einer Männerrunde zu Wort kommt, aber es ist, anders als in den 70er-Jahren, zumindest bereits möglich." (Isabella Lechner/dieStandard.at, 7. Dezember 2009)

  • Dolores Schmidinger: "Dass ich es immer wieder nach oben schaffe, durchzieht mein Leben." Das Skurrile, das Komödiantische, zuweilen auch das Derbe ist es, das
ihre Fangemeinde so an ihr schätzt: "Mich kennen Menschen von 12 bis
80. Ich polarisiere aber
auch sehr: Entweder die Leute lehnen mich total ab oder sie lieben
mich."
    foto: andreas guenter

    Dolores Schmidinger: "Dass ich es immer wieder nach oben schaffe, durchzieht mein Leben." Das Skurrile, das Komödiantische, zuweilen auch das Derbe ist es, das ihre Fangemeinde so an ihr schätzt: "Mich kennen Menschen von 12 bis 80. Ich polarisiere aber auch sehr: Entweder die Leute lehnen mich total ab oder sie lieben mich."

  • Der große Durchbruch als Kabarettistin gelang der Wienerin mit den feministischen Programmen "Mit den Waffe(l)n einer Frau" (1990) und "Die nackte Matrone 2 1/2" (1992). Meist steht sie solo auf der Bühne, unterstützt von Pianist Bernhard von Ham.
    foto: andreas guenter

    Der große Durchbruch als Kabarettistin gelang der Wienerin mit den feministischen Programmen "Mit den Waffe(l)n einer Frau" (1990) und "Die nackte Matrone 2 1/2" (1992). Meist steht sie solo auf der Bühne, unterstützt von Pianist Bernhard von Ham.

  • "Ich bin schwer einzuordnen, so stromlinienförmige Frauen wie
Kommissarinnen, das spielt's bei mir nicht", begründet die Künstlerin ihre selten gewordenen Fernsehauftritte. Aktuell ist sie im Film und auf der Bühne zu erleben: als schräge Zeichenprofessorin in Stefan Slupetzkys "Der Fall des Lemming" und als Selbsthilfegruppenobfrau in ihrem neuesten Eigen-Programm "Endlich suchtfrei!".
    foto: lukas beck

    "Ich bin schwer einzuordnen, so stromlinienförmige Frauen wie Kommissarinnen, das spielt's bei mir nicht", begründet die Künstlerin ihre selten gewordenen Fernsehauftritte. Aktuell ist sie im Film und auf der Bühne zu erleben: als schräge Zeichenprofessorin in Stefan Slupetzkys "Der Fall des Lemming" und als Selbsthilfegruppenobfrau in ihrem neuesten Eigen-Programm "Endlich suchtfrei!".

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