Ein echter Wiener geht nicht unter

    2. Dezember 2009, 14:52
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    Wunderteam-Mitglied Karl Sesta gilt als Verkörperung des schlag­fertigen Originals, das sich auch von Nazis nicht den Mund ver­bieten ließ. Doch auch Sesta passte sich an

    Schon als Wunderteam-Spieler wurde Karl Sesta (eigentlich Sesztak), genannt »der Blade«, als Inbegriff des »goscherten Wieners« betrachtet. Der gelernte Schmied trat neben dem Fußballjob auch als Amateurringer und Wienerlied-Sänger auf und brillierte »beim Heurigen und am Wirtshaustisch ebenso wie am Fußballfeld« (Matthias Marschik). Das wussten auch die Nationalsozialisten. Als es kurz nach dem »Anschluss« galt, Ängste der Fußballanhänger über einen Umbau des Wiener Fußballs zu zerstreuen, beschwichtigte der Völkische Beobachter: »Ist es notwendig, denen, die von einem Verschwinden der ›liebenswürdigsten Sportnation der Welt‹ reden, zu beweisen, dass die Wiener ihren Sindelar, den ›Papierenen‹, ihren Karli­ Schäfer (bekannter Eiskunstläufer, Anm.), ihren ›bladen‹ Sesta behalten werden. Oder dass der Wiener Fußball ebensowenig aussterben wird wie der Wiener Walzer?«

    Subversiver Charakter?

    Der Mitropacup-Sieger 1936 wurde von den Nazis für die Propaganda eingespannt, war in den Zeitungen bei der Volksabstimmung und als Erntehelfer zu sehen. In der Erinnerung nach 1945 wurden solche Bilder aber von kolportierten Akten der Renitenz überlagert. So erzählte der Austria-Geschäftsführer Egon Ulbrich später, Sesta habe in den Märztagen 1938 »wegmüssen«, da er dem neuen Regime nicht genehm gewesen sei. Das Neue Wiener Abendblatt berichtete allerdings am 19. März 1938, dass Sesta gemeinsam mit Walter Nausch, Sindelar und den beiden Nationalsozialisten Hermann Haldenwang und Johann Mock interimistisch die Mannschaftsaufstellung der Austria übernommen hätte. Als Beleg für Sestas Widerständigkeit wird neben seinem Torjubel im »Versöhnungsspiel« vor allem eine Sperre herangezogen, die ihm im Jänner 1939 aufgebrummt wurde. Bei einem Gastspiel der Austria Ende Dezember 1938 gegen Hertha Berlin war es zu einer Rauferei gekommen. In den Zeitungen wurde von »aufsehenerregenden Umständen« und »Rummelboxkämpfen« berichtet. Ex-Ringer Sesta wurde zunächst für sechs Wochen gesperrt. Doch dann »prüfte« Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten persönlich das Urteil und sprach scheinbar eine Verdoppelung der Strafe aus. Die näheren Umstände bleiben im Dunkeln. Im Nachhinein wurde die Sperre oft mit einem angeblichen »Götzzitat« Sestas gegenüber Reichstrainer Herberger oder dem »Sportführer« selbst in Verbindung gebracht, das aber manchmal auch ins Vorfeld der WM 1938 verlegt wird.

    Sesta kriegt's gebacken

    Bereits am 22. April 1938 war das Ende des Profifußballs in der »Ostmark« beschlossen worden. Damit stand auch Sesta per Saisonende am 30. Juni 1938 ohne Brotberuf da. Fußballbegeisterte Nazi-Funktionäre sorgten jedoch bei vielen Fußballern für neue Anstellungen. »Schasti« Sesta wurde wie sein Freund »Sindi«, der im August ein Kaffeehaus »arisiert« hatte, zum Gewerbetreibenden: Am 13. September 1938 richtete er ein Ansuchen an die sogenannte Vermögensverkehrsstelle, eine Filiale der Hammerbrot-Bäckerei im neunten Wiener Gemeindebezirk zu »arisieren«. Der Fußballstar gab dabei Folgendes an: »Betätigte mich als Ringkämpfer mit Erfolg und wurde dann Fußballspieler. Durch meine besondere Begabung zu diesem Sport wurde ich Berufsfußballer. In dieser Zeit konnte ich sehr große Erfolge auf mein Konto buchen. Ich konnte es auf die unerhört hohe Zahl von 53 internationalen Spielen bringen und spielte in dem sogenannten Wunderteam, wie gewünscht wurde als rechter oder linker Verteidiger. Durch die Einstellung des Profi­fußballs bin ich seit 1. Juli 1938 ohne Stellung. Ich habe Mutter und eine Braut zu erhalten. Politisch habe ich mich bei keiner Partei betätigt, bei den Wahlen am 10. April habe ich mich mit einem eigenen kleinen Auto, das ich inzwischen verkauft habe, als Wahlhelfer beteiligt.«
    Das Geschäft gehörte dem Wiener Juden Josef Brand, der sein Gewerbe bereits Ende April 1938 zurücklegen musste. Zunächst hatten die Hammerbrot-Werke versucht, die Filiale mitsamt Mietrechten, Einrichtung und Lager um 4.000 Reichsmark anzukaufen. Brand erhielt vom Mutterkonzern 370 RM auf die Hand. Doch die »Arisierungsbehörde« segnete den Deal nicht ab, und so machte der geflohene Josef Brand, vertreten durch seinen Bruder Fritz, am 23. September 1938 einen »Kaufwerber« namhaft: Karl Sesta. Am selben Tag wurde in der Kanzlei des Rechtsanwalts Bruno Eckerl der Kaufvertrag zwischen »Herrn Josef Brand, jüdischblütig, Kaufmann, derzeit im Ausland« und »Herrn Karl Seszta, deutschblütig, Wien 11.« abgeschlossen. Der Kaufpreis für die Bäckerei, die 1937 einen Umsatz von 52.000 RM aufgewiesen hatte, wurde inklusive Inventar und Warenlager auf 2.300 RM gedrückt. Interessantes Detail: Eckerl war für den Austrianer kein Unbekannter, denn am 11. Oktober 1938 wurde der ­Jurist »Vereinsführer«, das heißt Präsident der Violetten. Daneben blieb er als Rechtsanwalt tätig und vertrat beispielsweise den »arischen« Portier des israelitischen Tempel- und Schulvereins in Favoriten gegen dessen ehemaligen Arbeitgeber.

    Keine Bedenken gegen den »Indifferenten«


    Sesta bekam am 18. November 1938 die Genehmigung zur »Arisierung« der Bäckerei. Von seinem angegebenen Barvermögen in Höhe von 800 Reichsmark bezahlte er 500 RM »Arisierungsauflage« an die Vermögensverkehrsstelle. Bei der Einzahlung des Kaufpreises auf das Sperrkonto von Josef Brand sprangen die Hammerbrot-Werke hilfreich ein - vielleicht, weil der Wunderteam-Verteidiger einen guten Werbeträger für den ehemaligen Musterbetrieb des Roten Wien abgab. Sesta konnte den Kaufpreis in Teilbeträgen abstottern.
    Für die »Arisierung« war neben einem »Abstammungsnachweis«, den der prominente Fußballer aber nicht liefern konnte, eine Einschätzung seiner politischen Einstellung notwendig. In den Stellungnahmen der NSDAP-Kreisleitung von 31. Oktober und 14. November 1938 hieß es, es lägen »keine Bedenken« vor, und es sei »nichts Nachteiliges« über Sesta bekannt. Die Gauleitung Wien befürwortete am 16. November 1938 sein Ansuchen. Im Akt der Vermögensverkehrsstelle findet sich allerdings noch eine letzte politische Beurteilung des Gaupersonalamts vom 16. Jänner 1939, kurz nach dem Skandalspiel von Berlin. Darin hieß es nun: »Genannter hat sich im früheren System indifferent verhalten.«
    Sestas fußballerische Karriere endete nicht mit seinem neuen Bäckereibetrieb. Nach der Einberufung zur Wehrmacht blieb er im Team des Luftwaffensport­vereins Markersdorf aktiv, der mit einer Reihe ehemaliger Profis 1943/44 in der Oberklasse spielte. Im großdeutschen Nationalteam kam Sesta ab 1941 noch zu insgesamt drei Länderspielen.

    Nach 1945

    Österreichs erste Länderspiele nach der Befreiung sollten die letzten des beinahe 40-jährigen Sesta werden: Im August 1945 lief der nunmehrige Vienna-Spieler zweimal gegen Ungarn ein und beendete mit 44 Einsätzen seine Karriere im A-Team. Auch auf Vereinsebene klang die lange Laufbahn des »Bladen« aus. Im Dezember 1946 wechselte der Spielertrainer von Helfort zu Hochstädt, zur selben Zeit musste er der Stadt Wien eine Meldung über das von ihm entzogene Vermögen erstatten. Die Restitution der Bäckerei zog sich bis 1953 hin. Am 6. Oktober einigten sich Josef Brand als Rückstellungswerber sowie Karl Sesta und die Hammerbrot-Werke als Rückstellungsgegner vor dem Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien mittels eines Vergleichs: Brand, mittlerweile Angestellter in Boston, erhielt sein Geschäft zurück und verzichtete auf die Auszahlung der nach der »Betriebsentjudung« erwirtschafteten Erträge. Sesta und Hammerbrot sahen dafür von einem Ersatz ihrer Aufwendungen und einer Rückzahlung des Kaufpreises ab.
    Die Abschaffung des Berufsspielertums 1938 bedeutet in moralischer Hinsicht keine Entschuldigung für die »Arisierung« jüdischer Betriebe durch Sindelar, Sesta und mutmaßlich eine Reihe weiterer Profikicker, sie liefert aber einen strukturellen Erklärungsansatz. Und der österreichische Hang zur Heldenverehrung und zum ­Anekdotischen ist wohl die Ursache dafür, dass die Schattenseiten ausgeblendet blieben und der 1974 verstorbene Sesta lieber als »ein Wiener Original und auch durch Nazi-Methoden nicht zum Schweigen zu bringendes Urviech« (Johann Skocek, Wolfgang Weisgram: »Das Spiel ist das Ernste«)­ in Erinnerung behalten wurde.
    (David Forster & Georg Spitaler, Mitarbeit: Alexander Nebel)

    Die Autoren danken Peter Eppel, Matthias Marschik, Martin Niklas, Berthold Unfried und Manuel Swatek für Material und Hinweise.

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