Das Mobiltelefon parliert auch Türkisch

1. Dezember 2009, 20:45
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Wiener Unternehmen entwickeln Sprachprogramm fürs Handy und Web-TV-Beiträge in Gebärdensprache

Dass der Aktionsradius von Umut Ozans Mutter nur noch vom Inhalt ihres Portemonnaies begrenzt ist, verdankt sie letzten Endes dem Call Media Vienna 2007. Noch bis Anfang dieses Jahres vermied die türkische Frau, die in Bielefeld lebt, tunlichst eine Bus- oder Taxifahrt. Einkäufe musste sie, wenn überhaupt, zu Fuß erledigen, Besuche bei weiter entfernt wohnenden Freunden fielen fast ganz aus. "Sie konnte zwar damals schon ein bisschen Deutsch sprechen, hatte aber Angst, sich nicht gut genug ausdrücken zu können, um auch tatsächlich dort anzukommen, wo sie hinwollte", erzählt ihr Sohn Umut.

Heute zückt die 50-jährige Dame einfach ihr Handy und ruft die mobile Lernsoftware Linguamo des österreichischen IT-Unternehmens system five auf. Auf dem Display erscheinen dann für das jeweilige Szenario passende deutsche Sätze, die sie sich per Tastendruck vorlesen lassen kann, erst auf Türkisch, dann auf Deutsch.

Auch Arztbesuche oder Gänge zum Amt scheut Umuts Mutter nicht mehr. "Das funktioniert natürlich auch mit Übersetzungen für deutsche Touristen, die die Türkei bereisen - und allgemein mit vielen anderen Sprachen", sagt Robert Traussnig, einer der Mitentwickler von Linguamo. Eine Lektion des Wiener Lernprogramms kann gegen eine Gebühr im Centbereich direkt auf das eigene Mobiltelefon geladen werden. "Das ist so einfach, wie einen neuen Klingelton zu kaufen", sagt Traussnig.

Ungleich schwerer war allerdings der Beginn der Entwicklung des mobilen Lernprogramms.

"Unmöglich umzusetzen" sei ihr Projekt, mussten sich Traussnig und seine Kollegen bei der Suche nach möglichen Fördergeldern erklären lassen. Erst der Call brachte den Durchbruch: "Ohne die Gelder, die wir im damaligen Förderwettbewerb gewonnen haben, gäbe es das Programm höchstwahrscheinlich heute gar nicht", schildert der Unternehmer.

Nachdem ihnen die Jury den Zuschlag erteilt hatte, hatten sie nicht nur genug Geldmittel, um sofort mit der Umsetzung ihrer Idee zu beginnen, sondern auch das große Glück, gleich einen Investor zu finden. "Besser hätte es kaum laufen können", sagt Traussnig. Er will sich mit der neusten Ausbaustufe des Sprachtrainings auch für den aktuellen Call Media Vienna 2010 bewerben. Er plane eine erweiterte Linguamo-Version für Multimedia-Handys wie etwa das iPhone oder Googles G1.

Generell zugelassen sind laut Call-Ausschreibung des Wiener Zentrums für Innovation und Technologie (ZIT) kleine und mittelgroße Unternehmen sowie Unternehmensgründer aus Wien, "die Produkt-, Dienstleistungs- oder Verfahrensinnovationen in den Bereichen Bewegtbild, mobiles Internet und/oder Games entwickeln und diese wirtschaftlich verwerten wollen." Gerade in diesem Sektor sind den letzten Jahren viele neue Firmen gegründet worden. Mittlerweile zählt das ZIT mehr als 50.000 Beschäftigte in rund 2000 Medienunternehmen in Wien. "Der Medienbereich gehört damit zu den dynamischsten Bereichen der Wiener Wirtschaft", sagt Claus Hofer, ZIT-Geschäftsführer (siehe Interview).

Innovationskraft ausschöpfen

Da der Großteil dieser Betriebe allerdings noch jung ist und damit nur wenige Mitarbeiter und oft noch weniger Kapital hat, sei die Förderung dieser Branche besonders wichtig, um die Innovationskraft und damit das wirtschaftliche Potenzial künftig noch besser auszuschöpfen, sagt Hofer (siehe auch Interview auf dieser Seite).

"Wir schreiben bereits schwarze Zahlen", freut sich Georg Tschare, Geschäftsführer von signtime.tv, einem Internet-TV-Sender, der Beiträge in Gebärdensprache produziert und auch einer der Gewinner des 2007er-Calls war. Trotz ihrer offenbar guten Idee, sagt Tschare, wären aber auch sie ohne Förderung und Beratung des ZIT auf der Strecke geblieben. Denn Fernsehen in Gebärdensprache zu produzieren sei nicht trivial, sagt Tschare. Ein Problem ist zum Beispiel die Ausleuchtung.

Zu starke Schattenbildung und unscharfe Kontraste können schnell dazu führen, dass die Zuschauer nicht mehr eindeutig die Anzahl von angezeigten Fingern erkennen können. "Damit wird die Aussage undeutlich. Das ist vergleichbar mit Bild- oder Tonrauschen bei herkömmlichen Medien", sagt Tschare. Signtime.tv habe die Hürden der Testphase überstanden und laufe seit Mitte des Jahres im Vollbetrieb. Trotz der Möglichkeiten, die eine Förderung im Rahmen des Calls bietet, warnt Tschare jedoch davor, Projekte "mit der Brechstange so zu biegen, dass man die Kriterien erfüllt."

Aber selbst gute Ideen haben trotz Förderung keine Garantie auf Erfolg, wie Jürgen Koprax, einer der Köpfe hinter dem eben- falls 2007 ZIT-prämierten Projekt youXcity, erfahren musste. Die Jury war begeistert, und auch die technische Umsetzung seiner Internet-Bürgerbeteiligungsplattform sei gelungen. Unterteilt in zehn verschiedene Kategorien wie Wohnen, Kultur oder Ausgehen, können User hier ihre persönlichen Plätze auf einem digitalen Stadtplan markieren, beschreiben und ihre Meinung dazu festhalten.

Letztendlich fanden sich aber nur 150 User, die mitmachen wollten. Koprax musste das Projekt begraben.

Doch er habe enorm viel gelernt, sagt der Jungunternehmer. Er arbeite bereits an neuen Ideen - für die sich bereits Interessenten fanden. "Insofern kann auch ich sagen: Meine Bewerbung für den Call hat viel gebracht", sagt er. (Denis Dilba/DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2009)

 

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