"Nicht mit dem Rad auf einer Autobahn"

1. Dezember 2009, 20:43
posten

Das Zentrum für Innovation und Technologie will die kreativ-innovative Medienszene Wiens an den Markt heranführen

Mit ZIT-Geschäftsführer Claus Hofer sprach Peter Illetschko.

* * *

STANDARD: Das Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) feiert nächstes Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Sie sind angetreten, um Innovation an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft zu fördern. Haben sich die Herausforderungen in all diesen Jahren geändert?

Hofer: Im Detail sicher. Der Markt hat sich ja verändert, wir sind auch mitgewachsen. Wir fördern nicht mehr ausschließlich Ideen für neue Technologien, wir unterstützen auch neue Ideen im Dienstleistungsbereich. Zum Beispiel wurde kürzlich ein Unternehmen gefördert, das ein umfassendes Unterstützungskonzept für pflegende Angehörige entwickelt. Darüber hinaus haben wir unser Förderangebot um Beratungsleistungen ergänzt, auch um Probleme von Gründern, die auf die Technologie setzen und den Markt nicht mitdenken, zu verhindern. Die muss man in dieser Phase abholen.

STANDARD: Welche Leistungen bieten Sie darüber hinaus an?

Hofer: Ein Beispiel ist die Technologieberatung. Hier sucht das ZIT für Unternehmen in seinem Netzwerk nach optimalen wissenschaftlichen Partnern zur Lösung technischer Fragestellungen. Oder WienWin: Die innovativen Produkte und Dienstleistungen, die wir fördern, wollen wir auch der öffentlichen Verwaltung schmackhaft machen. Unsere bisher jüngste Idee ist der Content-Award für Wiener Medienschaffende. Denn es ist heute eine der größten Herausforderungen im Medienbereich, die vorhandenen technologischen Spielräume mit passenden Inhalten zu befüllen. Man sollte auf sechsspurigen Autobahnen nicht mit dem Rad fahren.

STANDARD: Das heißt?

Hofer: Die Eigenschaften einer Technologie müssen bei der Gestaltung des Inhalts berücksichtigt werden. Es reicht nicht aus, neue Technologien mit altem Content zu bespielen. Ich werde niemals elektronisch Leo Tolstojs Krieg und Frieden lesen wollen. Eine Kurzgeschichte mit interaktiven Elementen vielleicht schon.

STANDARD: Sprechen Sie diese Szene nicht auch mit dem Media Call an?

Hofer: Ja. Beim Content-Award werden fertige Dinge in die Auslage gestellt. Der Call Media Vienna setzt davor an. Bei diesem Förderwettbewerb bekommen Unternehmen für die Umsetzung ihrer innovativen Projektideen signifikante finanzielle Unterstützung. Mit dem aktuellen Call Media Vienna setzen wir einen Schwerpunkt auf die technologisch und inhaltlich besonders interessanten Bereiche Games, Bewegtbild und mobiles Internet. Das Potenzial ist da.

STANDARD: War es einfach, in der Kulturstadt Wien zu vermitteln, dass Medien ein Wirtschaftsfaktor sind?

Hofer: Letztlich macht das auch den Reiz aus: einen kulturellen Wert für die Wirtschaft interessant zu machen. Ein Beispiel: Wien hat eine international wahrgenommene Videokunstszene. Viele dieser Visual Artists haben einen starken künstlerischen Anspruch und erkennen gleichzeitig, dass ihre Arbeit auch eine wirtschaftliche Bedeutung hat. So wurde vor kurzem ein Wiener VJ-Team von Nokia beauftragt.

STANDARD: Es scheint also eine recht erfolgreiche Szene zu geben. Was fehlt?

Hofer: Die Risikokapitalgeber fehlen. Venture-Capital fehlt aber nicht nur in Wien, sondern in ganz Europa. Das ist ein Phänomen, mit dem auch Gründer in anderen Ländern zu kämpfen haben. Ich glaube, es ist eine Kulturfrage. Hierzulande hat die Unterstützung von Wissenschaft und Forschung durch private Geldgeber keine Tradition, in den USA schon. Die öffentliche Hand kann und soll dieses Manko aber nicht zur Gänze kompensieren.

STANDARD: Welche Schwerpunkte wird das ZIT nächstes Jahr setzen? Wieder Medien?

Hofer: Nicht nur, aber auch. Wir werden darüber hinaus in einem Call nach förderbaren Ideen für die Stadt 2020, vor allem in den Bereichen Energie, Verkehr und Gesundheit, suchen. Daneben werden auch Informations- und Kommunikationstechnologien, die ebenfalls ein Stärkefeld in Wien sind, wieder ein Thema im Förderbereich sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2009)

 

Zur Person
Claus Hofer (42) ist seit 2003 Geschäftsführer des Zentrums für Innovation und Technologie (ZIT), der Technologieagentur der Stadt Wien.

  • ZIT-Chef Claus Hofer hält viel von der Wiener Medienszene. Besonders im Bereich Spieleentwicklung gebe es besonders viel Potenzial.
    foto: rené van bakel

    ZIT-Chef Claus Hofer hält viel von der Wiener Medienszene. Besonders im Bereich Spieleentwicklung gebe es besonders viel Potenzial.

Share if you care.