Wo Humankapital gebildet wird

1. Dezember 2009, 20:20
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Bildung hat stärkere Folgen für die Demografie als bisher gedacht: So leben gut Gebildete länger und haben weniger Kinder

Eine internationale Konferenz ging in Wien erstmals systematisch den mitunter überraschenden Entwicklungen nach.

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Die Konferenz hieß schlicht "Bildung und Demografie". Doch das, was die internationalen Experten aus 20 Ländern da referierten, barg nicht wenig Brisanz - zumal für Österreich und die leidige Hochschuldiskussion.

Wolfang Lutz, international renommierter Demograf und Hausherr der Tagung, brachte es im Gespräch mit dem Standard am Rande der Konferenz so auf den Punkt: "Wenn hier nicht massive Anstrengungen im Hochschulsektor unternommen werden, stehen wir in 20 Jahren mit unserer Bildungsstruktur schlechter da als viele Entwicklungsländer, die sich in den vergangenen Jahren bemüht haben." Und: "Wir müssen wirklich schauen, dass wir die Zukunft nicht verschlafen."

Eigentliches und einzigartiges Ziel der Konferenz sei es gewesen, zwei Disziplinen zusammenzubringen, die sich bisher kaum kooperiert hätten, so der Direktor des mitveranstaltenden Instituts für Demografie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: "Die Demografie hat sich nicht um die Bildungswissenschaften, und die Bildungswissenschaften haben sich nicht um die Demografie gekümmert."

Wie sich Bildung auswirkt

Dabei gibt es gerade an der Schnittstelle der beiden Fächer zahlreiche spannende Fragen: Wie wirkt sich das Bildungsniveau auf die Entwicklung des Geburtenverhaltens aus? Oder: Wie stark sind die Einflüsse der Bildung auf die Lebenserwartung? Obwohl der demographische Wandel als eines der derzeit gesellschaftlich relevantesten Themen gilt, fehlen vielfach detaillierte Analysen und Modelle.

Wie wichtig die Bildungsdimension in demografischen Modellen ist, wurde bei der Konferenz nicht zuletzt anhand von Zahlen über afrikanischen Ländern deutlich: In Staaten wie beispielsweise Äthiopien haben Frauen ohne Schulbildung mit sechs Kindern rund dreimal so viel Nachwuchs wie Frauen, die die Sekundarschule abgeschlossen haben.

Aber auch in Ländern wie Österreich zeigen sich gravierende Unterschiede zwischen den mehr und weniger Gebildeten: So ist beispielsweise der Anteil der stark Übergewichtigen je nach Alter bei Menschen mit höchstens Pflichtschulabschluss fast dreimal so hoch wie unter Hochschulabsolventen.

Dass Akademikerinnen bei uns weniger Kinder haben, stimme zwar zum Teil auch noch, so Lutz. An einigen skandinavischen Ländern, in den Niederlanden oder Frankreich sei absehbar, dass sich dieser Zusammenhang aber auch wieder umkehren kann: "Dort haben die Gebildeteren mehr Kinder", so Lutz.

Mittlerweile sei selbst bei uns sei Licht am Ende des Tunnels absehbar: "Es zeigt sich, dass jüngere Frauen aufgrund verschiedener Erleichterungen mit der Doppelbelastung Beruf und Familie mittlerweile auch bei uns besser umgehen können." Akademikerinnen haben ihre Kinder zwar später, weil sie ihr Studium beenden und beruflich Fuß fassen wollen. "Wenn sie dann eine Familie gründen, wollen sie dann meistens aber auch zwei Kinder."

Lutz und seine Kollegen an der ÖAW bzw. vom mitveranstaltenden IIASA in Laxenburg wagten aber auch Prognosen, wie sich das Humankapital in 120 Ländern bis 2050 entwickeln wird. Und da gibt es vor allem für Länder in Südostasien rosige Aussichten: Staaten wie Südkorea, Singapur oder Taiwan, die vor nicht einmal einem halben Jahrhundert noch ähnlich unterentwickelt waren wie Kenia, haben ganz intensiv auf Heranbildung des Humankapitals gesetzt und sind dabei, Europa in diesem wichtigen Wirtschaftsfaktor zu überflügeln.

Asien überholt Europa

"Mittlerweile sind junge Frauen in Singapur oder Südkorea besser ausgebildet als in den meisten Ländern Europas", sagt Lutz. "Über ein Drittel bis zur Hälfte der Frauen haben dort bereits eine akademische Bildung. Das ist mehr als bei uns in Österreich." Dabei sei die Hälfte ihrer Mütter überhaupt nicht in die Schule gegangen.

Ganz schlecht hingegen schaut es für einige afrikanische Länder aus, wo die Bildungsanstrengungen sogar zurückgefahren wurden.

Und Österreich? "Österreich ist im Moment stagnierend", so Lutz. Es habe zwar in den 1960er-Jahren eine Expansion der tertiären Bildung gegeben. "In den letzten Jahren hat sich diesbezüglich aber wenig getan." Heute würden wir zwar noch von den Anstrengungen der Vergangenheit profitieren. Doch ohne massive Investitionen stehe zu befürchten, dass in zwanzig oder dreißig Jahren selbst Länder wie Thailand oder Brasilien besser dastehen. Dabei sind Hochschulabschlüsse Voraussetzungen dafür, um unseren höheren Lebensstandard zu bewahren.

Schließlich hat die Demografie im Verbund mit den Bildungswissenschaften auch in der Frage der Immigration einige Empfehlungen parat: "Unsere Wirtschaft braucht heute keine gänzlich ungebildeten Zuwanderer mehr. Man tut niemandem einen Gefallen, wenn man die ins Land holt", so Lutz. Und im Hinblick auf die bereits im Land befindlichen Zuwanderer zeige sich, dass mehr Bildung der beste Weg sei, um sie besser zu integrieren. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2009)

 

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    In einigen Ländern Südostasiens wie Singapur oder Südkorea sind junge Frauen mittlerweile besser ausgebildet als in Österreich, das in Sachen Hochschulbildung seit Jahren stagniert.

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