Risiko Beißmaschinen: Am Verbot führt kein Weg vorbei

1. Dezember 2009, 19:21
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Wer ein Kleinkind hat und einen Hund hält, geht ein schwer kalkulierbares Risiko ein, das sich bei Kampfhunden markant vergrößert - Es hilft kein Hundeführerschein, sondern nur ein Verbot - Von Michael Amon

Inkompetente Hundehalter und vermeintliche Tierschützer ignorieren Tatsachen: Im Rudel diszipliniert der Leitwolf die Welpen, indem er ihnen "über die Schnauze" beißt. Er umfasst Kopf und Schnauze des Welpen von oben, der Biss wird dank Beißhemmung nur angedeutet, da mental gesunde Welpen sich unterwerfen. Kleinkinder beherrschen diese Unterwerfungsgeste nicht, bisher "friedliche" Kampfhunde werden zu Tötungsmaschinen, weil die Beißhemmung gezielt und über Generationen abgezüchtet wurde.

Zur Unkenntnis gesellt sich der verantwortungslose Umgang mit Kampf- und Problemhunden. Als vor vier Wochen unsere Neufundländerin starb, suchte ich auf der Homepage des Wiener Tierschutzvereins einen Hund. Ein Schockerlebnis: 80 Prozent Kampfhunde bzw. Kampfhundmischlinge. Von Bullterriern über Mastiffs bis zum Dogo Argentino ist alles zu bekommen, was das Psychopathenherz erträumt. 90 Prozent der anderen Hunde sind schwer gestört. Apart die Beschreibung eines Bullterriers: "Eine ganz Liebe und Freundliche, versteht sich nicht mit anderen Tieren." Deutsche Dogge: "Nicht zu Kleinkindern." Der Rassestandard der Dogge sagt: "Freundlich, liebevoll und anhänglich, besonders gegenüber Kindern." Prost, Mahlzeit!

Von fast 90 vorgestellten Hunden sind drei oder vier "alltagstauglich", der Rest gehört eingeschläfert, weil zu gefährlich, unberechenbar oder sonst wie schwer gestört. Hier werden aus falsch verstandener Tierliebe Hunde angeboten, die eine Gefahr sind (egal ob man sie Hundekennern gibt oder "Laien").

Die Behauptung, es gäbe keine Kampfhunderassen, ist Unsinn. Man kennt sie genau: die ganze Bullterrier-Brut, Rottweiler, Dobermann etc. Der Vergleich mit dem Schäferhund, laut Statistik am bissfreudigsten, verfälscht das Bild, verwischt bewusst die Grenze zwischen Kampfhunden und Hüte- bzw. Hirtenhunden.

Der Schäfer als Hütehund ist nicht aufs Zerfleischen aus, sondern beißt normalerweise "nur" ins Wadel (schlimm genug) - solange er nicht "angeschärft" wird. Das geschieht auf jenen Abrichteplätzen, wo die Leute lernen sollen, die Tiere unter Kontrolle zu halten. Selbsternannte Fachleute treiben dort groben Unfug. Unsere Neufundländerin teilte ein "Experte" zum "Agility-Training" ein (für Hunde dieser Größe gesundheitsschädlich) und wollte sie auf den "Mann abrichten", wegen der Autonomie dieser Rasse brandgefährlich. Diese Leute sollen Hundeführerscheine ausstellen und Hundehalter ausbilden?

Bei Kampfhunden gibt es kein Restrisiko, sie sind das Risiko, egal wie gut der Hundehalter sich auskennt. Kampfhunde gehören verboten und nicht auf zwei Stück je Person beschränkt, der Hundeführerschein ist angesichts autoritär gestörter Figuren blanker Unfug.

Ein Neufundländer, wie ich ihn hatte, ist seit Jahrhunderten (Lord Byron!) auf Friedfertigkeit gezüchtet. Den kann man selbst mit bösem Willen kaum zur Kampfmaschine machen, im Kern bleibt er gutmütig. Bei Rottweiler, Dobermann, Dogo Argentino ist es genau umgekehrt. Nicht umsonst fallen die auch im eigenen Rudel Menschen, meist Kinder oder Kleinkinder, an.

Kampfhunde verzeihen nicht den geringsten Fehler, und die unterlaufen immer, auch erfahrenen Hundehaltern, wie der letzte Fall in Niederösterreich beweist. Dass ein professioneller Hundeführer seinen Privathund im Haus hält und den Diensthund (Wochen vor dem Vorfall eingeschläfert) von der Familie separiert im Zwinger, ist ein solcher Fehler. Damit bekommt der Rottweiler einen Sonderstatus, den er noch ausweiten will - eine programmierte Katastrophe (offen bleibt, ob die Großmutter eine Hundeart führen konnte, die oft nur einen Befehlsgeber akzeptiert).

Wenn ein ausgebildeter Hundeführer der Polizei ein solches Tier nicht unter Kontrolle halten kann - was sollen da Haltungsbeschränkungen oder Führerscheine? Manchmal helfen nur Verbote. Wie will man kontrollieren, ob ein "Kampfhund" scharf gemacht worden ist? Mittels Praxistests in Form des berühmten "Freibisses"?

Es stimmt: Meist ist nicht allein der Hund, sondern auch der Mensch am anderen Ende der Leine dubios. Gerade bei Kampfhunden hängen aber an beiden Enden der Leine Problemfälle. Nach meiner Beobachtung ist ein Großteil der Kampfhundehalter psychopathisch veranlagt und genießt die Furcht der Leute. Der Rest sind Ahnungslose, die nicht wissen, was sie tun. Dazu zählen jene Leute vom Wiener Tierschutzverein, die massenhaft Kampfhunde anbieten, anstatt die Menschheit von diesen Killern zu befreien. Das soeben beschlossene (NÖ) und das kommende Hundegesetz (Wien) bleiben auf halbem Weg stehen, zur Lösung des Problems tragen sie nichts bei. Schlagzeilen über Kampfhunde werden im Repertoire der Lokaljournalistik bleiben. (Michael Amon/DER STANDARD, Printausgabe, 2. Dezember 2009)

Zur Person

Michael Amon lebt als freier Schriftsteller in Wien und Gmunden, zuletzt erschien von ihm die Essaysammlung "Und sie lügen doch" im Molden Verlag. Er ist als Kleinkind zeitweilig neben einem Bernhardiner aufgewachsen.

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