Schöner wohnen im All

1. Dezember 2009, 19:16
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Ambitionierte Pläne in der kommerziellen wie zivilen Raumfahrt stellen nicht nur Techniker, sondern auch Architekten und Designer vor neue Herausforderungen

Es klingt wie Science-Fiction, soll aber früher oder später Realität werden: die Eröffnung des ersten Hotels im All. Eher früher, nämlich bereits 2012, wollen die in Barcelona ansässigen Architekten des Galactic Suite Space Resort die ersten Gäste in einer modularen Raumstation 450 Kilometer über der Erdoberfläche empfangen - was Experten allerdings für unrealistisch halten, da es noch keine Anzeichen für einen Baubeginn gibt und auch die Investoren bisher im Dunkeln blieben.

Dafür gibt es schon jede Menge spektakuläre Designs und Visualisierungen des extravaganten Resorts, das im Endausbau vier Alltouristen und zwei Crew-Mitglieder in fünf Modulen beherbergen soll. Laut Galactic Suites haben bereits 46 Interessen einen Dreitagesausflug in den Orbit gebucht. Reisekosten: drei Millionen Euro, 15 Sonnenaufgänge pro Tag und ein achtwöchiges Training auf einer tropischen Insel inklusive. Bis ein eigenes Raumschiff gebaut ist, nehmen die Alltouristen eine russische "Sojus"-Fähre zur Anreise.

Das futuristisch anmutende Projekt ist nur eines innerhalb der jungen, aber florierenden Industrie der privaten Raumfahrt. So hat die Firma Bigelow Aerospace bereits zwei aufblasbare Lebensraum-Module, die auf einer Nasa-Technologie basieren, zu Testzwecken in den Orbit geschickt. Vorläufig bleibt aber die Internationale Raumstation ISS die einzige "Unterkunft" im All - nicht unbedingt eine besonders luxuriöse.

Seit 2001 mit Dennis Tito der erste von bisher sieben Weltraumtouristen die ISS besuchte, wetteifert eine Handvoll von Unternehmen darum, wohlhabenden Space-Freaks zu einem Trip ins All zu verhelfen. Im vergangenen Juni wurde der Grundstein für den Spaceport America in New Mexico gelegt, von wo aus Richard Bransons Firma Virgin Galactic ab 2011 sein von Philippe Starck designtes SpaceShipTwo mindestens 100 Kilometer in die suborbitale Bahn befördern will. 300 Buchungen liegen bereits vor, der Preis pro Ticket liegt bei 140.000 Euro. Ähnliches hat die europäische EADS-Tochter Astrium vor, die ab 2012 Alltouristen zu den Sternen schickt, mit Interieur von Designer Marc Newson an Bord.

"Hier geht es vor allem um Branding, nicht so sehr um die spezielle Expertise der Designer", meint Barbara Imhof, Weltraumarchitektin aus Wien, die ihr Architekturstudium mit einem Master of Space Studies und diversen Projekten in Zusammenarbeit mit Nasa und Esa erweitert hat. Um dem noch wenig bekannten Berufsfeld des Space-Architekten mehr Profil zu geben, hat Imhof gemeinsam mit dem Kurator Kurt Zweifel das Symposium "Architektur jenseits des Erdhorizonts" initiiert, das heute, Mittwoch, in Kooperation zwischen Architekturzentrum Wien und der Forschungsförderungsgesellschaft FFG stattfindet.

Extreme Bedingungen

"Die extremen Bedingungen stellen Architekten vor ganz neue Anforderungen", schildert Imhof. "Wo es früher um Materialien und Formen ging, werden heute neben psychologischen Faktoren auch Fragen des Umgangs mit Energie und Ressourcen wichtiger."

Schließlich werden 40 Jahre nach der Mondlandung auch in den internationalen Raumfahrtagenturen Pläne für eine neuerliche Landung von Menschen am Mond und Missionen zum Mars gewälzt. Die Weltraumarchitekten stehen bereits in den Startlöchern: Es gilt, die Lebensqualität auf den Reisen durchs All und auf fernen Planeten hochzuhalten und für physisches wie psychisches Wohlbefinden zu sorgen in einem Raum, wo es selbstverständliche Dinge wie Luft, Wasser, Essen oder einen Mistkübel nicht gibt. Dafür fallen viele durch die Schwerkraft bedingte Einschränkungen weg.

Auch ein kleines Land wie Österreich habe Chancen, sich auf dem Gebiet der Weltraumarchitektur zu profilieren, meint Imhof. Eben haben sie und ihr Team vom Büro Liquifer mit Unterstützung der Agentur für Luft- und Raumfahrt der FFG ein "Deployable Gate" entwickelt, eine faltbare Rückzugskabine für Raumfahrer, die zur Erholung individuell angepasst werden kann. Der Simulation dient ein vom Österreichischen Weltraumforum und der Uni Innsbruck entwickelter Raumanzug, mit dem zukünftige Marsmissionen vorbereitet werden sollen.

Mit Branson & Co will es das burgenländische Ingenieursbüro Orbspace aufnehmen und ebenfalls ein suborbitales Raketenfahrzeug entwickeln. Werden Geldgeber gefunden, könnte es in drei bis vier Jahren einen Prototyp von "Infinity" geben, ist Orbspace-Geschäftsführer Aron Lentsch überzeugt. Einstweilen wird im Rahmen des heimischen Weltraumprogramms Asap des Infrastrukturministeriums an der Entwicklung von Antriebssystemen gearbeitet. "Der Knackpunkt in der bemannten Raumfahrt ist der Raumtransport", sagt Lentsch. "Die einzige Lösung für die Krise der institutionellen Raumfahrt ist ein freier Markt." (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2009)

 

Architektur jenseits des Erdhorizonts, Symposium und Podiumsdiskussion, 2. Dezember, 18 Uhr, Architekturzentrum Wien im Museumsquartier.

  • Fit im Orbit: schwerelos Rad fahren und schwimmen in einer Kugel, gefüllt mit Wasserblasen - so stellen sich die Architekten von Galactic Suite den Spa-Bereich vor.
    foto: galactic suite

    Fit im Orbit: schwerelos Rad fahren und schwimmen in einer Kugel, gefüllt mit Wasserblasen - so stellen sich die Architekten von Galactic Suite den Spa-Bereich vor.

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