"Froh, dass es vorbei war"

1. Dezember 2009, 18:00
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Graz verzichtete auf Nachnutzung des Kulturjahres 2003

Jahre später gestand der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl ein: "Es war wahrscheinlich ein Fehler, nicht schon früher darüber nachzudenken, was nach dem Kulturhauptstadtjahr passiert." Und dann standen sie eben da, die Prachtbauten des Kulturjahres 2003: das Kunsthaus, die Stadthalle, die Murinsel und die Listhalle.

Wolfgang Lorenz, ORF-TV-Programmchef und ehemaliger 2003-Intendant ist noch heute, sechs Jahre danach, irritiert über die Grazer Ignoranz. Lorenz im Gespräch mit dem Standard:"Unser Auftrag war: Macht ein möglichst fesches Jahr. Dann ist die Politik irgendwie draufgekommen: Ja hallo, das läuft ja gut, wär doch klass, wenn das Spuren hinterließe." Es sei aber, moniert Lorenz, weder organisatorisch noch budgetär "auch nur irgendwie" vorgesorgt worden.

Sein damaliges Team habe der Stadt Graz nachdrücklich ein Folgekonzept ans Herz gelegt, was die Stadtregierung aber abgelehnt habe. Lorenz: "Bis zu einem gewissen Grad war die Grazer Politik erleichtert, dass der Ausnahmezustand von 2003 wieder beendet und alles vorbei war und sich alle wieder hinlegen konnten."

Das Fazit der Stadtpolitik: 2003 sei im Grunde eine Katastrophe, gewesen, es sei kein Geld mehr da, die Stadt habe sich überhoben. Was letztlich etwa die freie Kulturszene mit gekappten Budgets zu spüren bekam. Man habe die Folgen ihm angelastet, sagt Lorenz: "Ausgeblutet ist die Stadt aber durch die neue Stadthalle, den Bahnhofsumbau, oder die Listhalle. Alles gut und schön, aber das war von mir nicht bestellt. Das hatte mit der Kulturhauptstadt nichts zu tun. Wir haben sogar Geld an die Stadt zurückgegeben."

Die Stadt hätte sich, sagt Lorenz, der Frage widmen müssen: "Warum hat Graz 2003 anders getickt und wie stellen wir uns die Stadt für die Zukunft vor. Man hätte die Ergebnisse von 2003 evaluieren müssen und auf dieser Basis ein langfristiges Modell für Graz entwerfen können." Graz habe wohl auch "Angst vor der Größe" gehabt. (Walter Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 12. 2009)

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