Kaliningrad besinnt sich seiner Vergangenheit

01. Dezember 2009 18:03

Debatte über Wiedereinführung des alten Namens Königsberg – Furcht vor Germanisierung bei den Kommunisten

Wenn Artjom Chatschaturow in die Tasten haut, dann bleibt vorübergehend die Zeit stehen. Der Klang der Orgelpfeifen erfüllt dumpf hallend und vibrierend das sonst schmucklose und karge Innere des Doms von Kaliningrad, der russischen Exklave an der Ostsee, dem früheren Königsberg. Für den Domorganisten Chatschaturow ist der Dom auf der Kneiphof-Insel "der schönste Arbeitsplatz der Welt" . Die Seiten der goldgeschmückten Orgel zieren barocke Posaunenengel. In der Mitte drei Stockwerke hohen Musikinstruments steht eine Marien-Skulptur.

Der Wiederaufbau der im zweiten Weltkrieg zerstörten Backsteinkathedrale wurde sowohl mit deutschen als auch russischen Spendengeldern finanziert. Die rund drei Millionen Euro, die der Nachbau der 1721 von Joshua Mosengel gebauten Domorgel kostete, wurden auf Initiative des ehemaligen Präsidenten Wladimir Putin vom Kreml zur Verfügung gestellt.

Russisch-orthodoxe Kirche

Ironischerweise soll der damalige Spender nun helfen, den Königsberger Dom unter das Kuratel der russisch-orthodoxen Kirche zu stellen. Der Moskauer Patriarch Kyrill I. bat den jetzigen Premierminister, ihn bei seinen Bemühungen zu unterstützen, den Königsberger Dom unter das Dach der russisch-orthodoxen Kirche zu überführen. Laut russischen Medien hat es der Patriarch auf das wertvolle Grundstück der Kneiphof-Insel, auf der der Dom steht, abgesehen.

Chatschaturow kann der Übernahme "seines" Doms durch die russisch-orthodoxe Kirche wenig abgewinnen. "Hier ist doch alles voller katholischer Symbolik" , sagt der Absolvent des berühmten Tschaikowski-Konservatoriums in Moskau. Seit mehr als zwei Jahren lebt er schon in Kaliningrad, die russische Hauptstadt fehlt ihm kein bisschen: "Die Stadt ist kleiner, die Luft ist besser und die Leute freundlicher" .

Es weht ein anderer Geist durch Kaliningrad, ist auch Alexej Laleko, der vor dem Königsberger Dom, DVDs an Touristen verkauft, überzeugt. "Wir leben in deutschen Häusern, essen deutsche Gerichte und haben eine deutsche Vergangenheit" , meint der 49-Jährige. Die Beziehung von Kaliningrad zu Russland vergleicht Laleko mit der Großbritanniens zu Europa. "Auch wir sind eine Insel" , sagt der Kaliningrader mit den ukrainischen Wurzeln.

In den vergangenen Jahren hat eine langsame Rückbesinnung auf die reiche, ostpreußische Vergangenheit stattgefunden. Der Kaliningrader Gouverneur Georgi Boos versucht, die Region besser zu vermarkten und als Tourismusdestination zu etablieren. Das Problem ist nur, dass die potenziellen Touristen die Stadt nur als Königsberg und nicht Kaliningrad kennen. Immer wieder flammt daher die Debatte auf, ob man der Stadt nicht ihren ursprünglichen Namen zurückgeben sollte.

Neue Fahrt bekam die Diskussion als sich der Kaliningrader Oberbürgermeister Felix Lapin im Frühling für eine Umbenennung der Gebietshauptstadt in Königsberg aussprach. Auch Boos kann sich die Wiedereinführung des alten Namens grundsätzlich vorstellen: "Ich bin nur gegen eine Umbenennung von oben. Das muss schon die Bevölkerung wollen." Kategorisch gegen eine Umbenennung sind allerdings die Kommunisten, Veteranen und Russisch-Nationalen, die ein Komitee gegen die Regermanisierung Kaliningrads gegründet haben.

Die Deutschen, die nach dem zweiten Weltkrieg aus Kaliningrad vertrieben wurden, sind nun auch wieder willkommen. Während die Kommunisten eine Regermanisierung befürchten, freut sich Alexander Blinow, der Bürgermeister von Jantarnij, dem früheren Palmnicken, über die Rückkehr der Deutschen: "Sie kommen als Investoren. Das ist für uns überhaupt kein Problem, ganz im Gegenteil: Wir laden sie sogar dazu ein." Die Einladung gilt allerdings nur für Unternehmer, die ihr Geld in der Region investieren wollen. Private haben keine Möglichkeit, in Kaliningrad Grund und Boden zu erwerben.

Einer, der wiedergekommen ist, ist Ludwig Becker, der Nachfahre von Moritz Becker, der im 19. Jahrhundert das Bernstein-Kombinat in Palmnicken gegründet hatte. Becker hat ein Museum, ein Hotel und ein Cafe in Jantarnij gebaut. "Ich bin hier geboren. Becker auch. Wir sind Landsleute" , sagt Blinow. (Verena Diethelm aus Kaliningrad, DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2009)

Kommentar posten
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Adolf Ogi
28.12.2009 19:38
Königsberg

war ein unrühmliches Nest von notorischen Deutschnationalen mit einer germanischen Kolonistenmentalität die die Buren in Südafrika noch wie philanthropische Lämmchen ausschauen lässt. Wenn heute aber eine nostalgietriefende Doku nach der anderen im deutschen Fernsehen läuft, ist das höchst bedenkliche Stimmungsmache von der eh-scho-wissen-Seite.

Sieh an
22.01.2010 08:32
...dann geben sie doch ihren deutschen/österreichischen Pass ab!

...Kaliningrad wird russisch bleiben, auch wenn es wieder Königsberg heißen sollte... also was soll das?

Luky Pozzo
10.12.2009 16:17
Journalismus, besinne dich des Wahrheitsgehalts

"Verena Diethelm aus Kaliningrad" - zeitgenössischer Journalismus eben, von "Spiegel", "Profil" bis "Zeit" alles dasselbe.

Und das geht so:

1.) Verbinde die 2, 3 Punkte, die 1,2,3 Begegnungen auf der Straße hergeben, mit den Linien deiner eigenen Journalistenüberzeugung zu einem Gebilde.

2.) Dazu noch eine Prise Andeutungen und ein paar Auffettungen durch - nur scheinbar...! - zufällige Begleitumstände: "Bleibt vorübergehend die Zeit stehen", "steht eine Marien-Skulptur", "das wertvolle Grundstück der Kneiphof-Insel", "die potenziellen Touristen kennen die Stadt nur als Königsberg".

3.) Ein suggestiv-emotionalisierender Schluss: "Ich bin hier geboren. Becker auch. Wir sind Landsleute".

4.) Und fertig ist er, der Artikel!

NONE
03.12.2009 15:31

Hintergründig geht es um die Wirtschaft.

Was kann Russland schon bieten? Es wird zwar wie verrückt in Moskau investiert, was haben die anderen Regionen davon? Langfristig werden sie Richtung Westen schauen, und Königsberg ist eben viel näher am Westen als Moskau. Und das spiegelt sich ebenso in der Mentalität wieder.

Viktorh
03.12.2009 19:34
ach wirklich ?

Bei meinem Besuch im letzten Sommer stellte sich das aber noch etwas anders dar:

Vorrangig fallen neue architektonische Monströsitäten ins Auge, die die imperiale Größe Russlands darstellen sollen. Und auf dem Lande leben die Menschen in Ruinen, machen Raubgrabungen an und in den mittelalterlichen Ordenskirchen (die nebenbei bemerkt seit 1525 protestantisch waren!). Die ungebildete Masse glaubt oft noch, sie demontierten faschistische Architektur, wenn sie die traurigen Überreste plündern, um Ziegel für Wodka zu verkaufen.

Der Erhalt des Königsberger Doms ist eine rühmliche Ausnahme, während der Verfall überall sonst gnadenlos voranschreitet.

raspel
03.12.2009 08:43
Königsberg

Wenn aus Leningrad wieder St. Perterburg wurde, warum dann nicht auch Königsberg. Genaugenommen ist ja Ostpreussen immer noch ein Protektorat, gehört also gar nicht zu Russland.

Jürgen Rembremerding
 
03.12.2009 09:21
Grenau genommen ist es kein Protektorat, sondern

russisches Staatsgebiet.

Andrew Jones
14.12.2009 11:05
Grenau!

deiml
03.12.2009 02:18

so wie ich das sehe ist der vorschlag gut gemeint, hilft aber nur den radikalen auf deutscher wie russischer seite. die einen träumen von den grenzen anno 38` die anderen schlagen daraus kapital und malen den teufel an die wand.

abgesehen von dem thema, kalinningrad/königsberg hat das potenzial sich zu einem positivbeispiel für ganz russland zu entwickeln. das neue tor zu europa werden und wirtschaftlich, gesellschaftspolitisch und kulturell das muster für die entwicklung russlands im 21 jhdt abgeben, das ist doch mal eine vision.

Anschauungsunterricht Leben
02.12.2009 23:27
Kant, Hilbert, Hoffmann,...

Dort war einst viel großer Geist beheimatet. Nein, ihrer Königsberger Vergangenheit brauchen sich die Kaliningrader wirklich nicht zu schämen.

h h h
03.12.2009 11:51

dieses königsberg gibt es nicht mehr und es wird auch nicht zurückkommen. kaum eine stadt wurde jemals so verändert wie königsberg...

Aguirre74
02.12.2009 23:37

Die Kaliningrader haben aber keine königsberger Vergangenheit. Die Einheimischen wurden vertrieben oder umgebracht. Was aus Russland zuzog hat mit der Königsberger Kultur so viel zu tun, wie die Türken mit den Byzantinern. Naja, eigentlich sogar noch weniger.

Anschauungsunterricht Leben
03.12.2009 00:39
Natürlich hat so gut wie keiner der dort jetzt lebenden Bevölkerung irgend eine familiäre Beziehung zu den dort einst ansässigen historischen Persönlichkeiten - aber das ist ja überall so

Egal wie sie aktuell heißt, die Geschichte von Immanuel Kant wird für immer mit der Stadt Königsberg verbunden sein. Wenn ich dort lebte, würde mich jedenfalls ein spezielles Gefühl überkommen, wenn ich daran dächte, dass die Straße auf der ich gerade gehe zu Kants berühmten täglichen Spaziergang gehörte. Oder über die Brücken des Königsberger Brückenproblems, aus dessen Lösung die Graphentheorie entstand. Unabhängig davon, ob meine Großeltern zB aus der Ukraine stammen. Natürlich schafft die Sprache eine gewisse Distanz, aber das löscht die Geschichte nicht aus.

Genauso wie ich es in Wien genieße, bspw die Cafés in denen sich der Wiener Kreis und die Literaten getroffen haben (die ja auch nicht alle Österreicher waren), besuchen zu können

Jürgen Rembremerding
 
03.12.2009 08:26
"Wenn ich dort lebte, würde mich jedenfalls ein spezielles Gefühl überkommen, wenn ich daran dächte, dass die Straße auf der ich gerade gehe zu Kants berühmten täglichen Spaziergang gehörte"

Sie Straße gibt es auch nimmer! Dafür hat der sowjetische "Wiederaufbau" schon gesorgt:

Das ist der Kneiphof mit dem Dom:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia... gsberg.jpg

So sieht es heute aus:

http://www.timediver.de/img/Reise... g_Dom1.jpg

Der Dom steht völlig isoliert im Nichts:

http://canitz.org/wp-conten... f-2006.jpg

Kants Königsberg ist einfach weg!

Andrei Tchoubrikov
04.12.2009 09:22
Dafür hat der sowjetische "Wiederaufbau" schon gesorgt

Ach, und der II. Weltkrieg hatte damit ueberhaupt nichts zu tun ?

Wenn man heute die "deutsche Geschihte Kaliningrads (fruehrt Koenigsberg)" auf die Fahnrn schreibt, dann bitte auch die "Gruendungsgeschichte Koenigsbergs (frueher Kralowez)" erwehnen. Da hat wohl jemand den germanischen Drang-nach-Osten und die Unterdrueckung mit "Feuer und Schwert" vergessen, oder leidet am Stockholm-Syndrom.

Ueberspitzt, aber dennoch zu beruecksichtigen...

Jürgen Rembremerding
 
07.12.2009 21:16
Tatsache ist, dass Bauwerke, die den Krieg überlebt haben,

wie z.B. die Reste des Schlosses und die Ruinen der Altstadt bewusst geschleift wurden!

Girgl Galgenstein
05.12.2009 08:52
Bis 1949 hatte die Stadt nichts mit Russland am Hut

Der Name Kralowecz wurde von den Polen verwendet, als Königsberg an den polnischen König infolge des Friedens von Torn tributpflichtig wurde. Gegründet wurde die Stadt vom Deutschorden.

Girgl Galgenstein
05.12.2009 00:09
Der Name Kralowez kam erst später

als Königsberg der polnischen Krone tributpflichtig wurde. Gegründet wurde sie vom Deutschorden. Was auch immer, eines gilt auf alle Fälle: mit Russland hatte diese Stadt bis 1945 nichts zu tun.

-Nathan-
 
03.12.2009 18:36
alles preußisch-dt. mußte weichen um der komm.-russichen Gloria Platz zu machen.

Anschauungsunterricht Leben
03.12.2009 13:12
Das wusste ich nicht

...das ist natürlich ewig schade.

Vielleicht gibt es ja doch noch die eine oder andere Sache die man retten oder wiederherstellen kann, aber ich glaube da muss man sich dann schon eine Grundsatzfrage stellen: Will man mit der Geschichte der Stadt Touristen anlocken? Dann braucht es auch ein klares Bekenntnis zu dieser Geschichte. Wenn nicht (was durchaus auch verständlich wäre), dann würde auch eine Umbenennung keinen Sinn machen, und man sollte sich halt eine andere Marketingschiene suchen. Nur als Beispiel könnte man sich Richtung Baltikum orientieren oder was auch immer (auch wenn dort nicht gerade das große Geld zu Hause ist), oder man setzt halt überhaupt auf andere Wirtschaftszweige als den Tourismus...

Jürgen Rembremerding
 
02.12.2009 23:33
Es ist ja nicht "ihre" Vergangenheit, denn sonst müssten

sie diese Debatte nicht führen!

Anschauungsunterricht Leben
02.12.2009 23:46

Guter Punkt. Aber im Grunde geht's ja sowieso nur um Tourismus-Marketing hier - und für viele natürlich auch um Symbolik. Finde den Ansatz gut, dass das (wenn überhaupt genug Interesse besteht) nur das Volk entscheiden können sollte.

Aguirre74
03.12.2009 07:59

Wenns darum geht, dass denn Deutsche zuziehen, ist die Geschichtsliebe ohnehin schnell erloschen (investieren ja, herkommen nein). Somit ist es Marketing und sonst gar nichts. Wenn man bedenkt, wie die Stadt vor 1939 aussah und wie sie jetzt aussieht, dann soll jeder selbst beurteilen, wer dort das Andenken an Kant besser gewahrt hat. Fazit: einen Krieg zu viel verloren.

Anschauungsunterricht Leben
03.12.2009 13:17

Da müssen sie die Deutschen ja für ziemlich naiv halten, wenn sie glauben, dass sie nur aufgrund des Namens der Stadt dort investieren würden. Ich dachte, dass man mit der Umbenennung in erster Linie Touristen anlocken will, was mMn kein dummes Konzept wäre. Ich persönlich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, mir so eine geschichtsträchtige Stadt anzusehen - und wenn die russischen Einflüsse dort mittlerweile dominieren macht mir das auch nichts, kann ja sogar eine Bereicherung sein :)

Aber wenn man ohnehin keine deutschsprachigen dort haben will (auch nicht als Besucher), dann macht auch eine Umbenennung keinen Sinn. Die glauben doch nicht ernsthaft, dass nur wegen des Namens plötzlich massig Geld dorthin fließen würde...

Quintus Beckloeffel
02.12.2009 23:21

Weiß jemand, ob Woody Allan (eigentlich: Allan Stewart Konigsberg) Königsberger Vorfahren hat? Gegenbenenfalls könnte sich eine interessante Städtepartnerschaft mit Manhattan entwickeln.

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