"Der Schauspieler muss reinballern"

1. Dezember 2009, 17:33
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Ex-Volksbühne-Star Herbert Fritsch hat mit seinem "hamletX" das Theater Garage X in Wien eröffnet

Wien - Die Rampe an der Volksbühne Berlin hieß vor einigen Jahren insgeheim noch "Herberts Land" . Die als beängstigend geltende Spielwut des Volksbühne-Stars Herbert Fritsch hat diesen eben sehr oft weit nach vorne getrieben. Er sei - so schrieb einmal die Welt am Sonntag - eine Mischung aus Alice Cooper und Steve Martin und so elastisch wie Spiderman.

Andererseits: Würde Herbert Fritsch im Gespräch nicht so oft von "Exzess" und "losballern" sprechen, man müsste in diesem Herrn im feinen Tweed einen echten Lord vermuten. Maßlos ist nur seine Kunst: Herbert Fritsch betreibt ein Hamlet-Projekt aus 222 Filmen (!), mit diesem war er kürzlich bei den Kurzfilmtagen Oberhausen zu Gast und mit diesem hat er am Wochenende die Garage X, das neue Theater am Petersplatz, eröffnet. Weitere Arbeiten in Wien sind in Planung. Seine frühzeitig aufgekündigte Zusammenarbeit mit dem Volkstheater vor vier Jahren kümmert Fritsch heute nicht mehr: "Ich habe den Golem inszeniert, und der spielt da jetzt jeden Abend am Volkstheater." Harald Posch und Ali M. Abdullah, das Leitungsduo der neuen Garage X, fanden den Abgang Fritschs damals sehr bedauerlich - und haben den seit seiner Trennung von Frank Castorf vor allem als Regisseur tätigen Künstler erneut nach Wien gelockt. hamletX ist nun der erste Schritt in einer im Aufbau befindlichen Zusammenarbeit.

Standard: Die "hamletX" -Serie ist ein aus 222 Filmen bestehendes Projekt. Wie geht das?

Fritsch: Ich habe jetzt 58 Filme fertig, das sind insgesamt sechs Stunden. Und sie laufen in geradezu wahlloser Reihenfolge hintereinander ab. Das entspricht dem Original, denn auch Shakespeares Stück hat eine offene Dramaturgie; die Reihenfolge der Szenen ist nicht fix. Es geht mir um das Nichtlineare. Und durch diese offene Reihung wird ja auch immer wieder etwas anderes erzählt. Ich habe das Stück ja komplett zersplittert. Das sind jeweils ganz unterschiedliche Splitter, mit unterschiedlichen Intentionen, Stilen und ästhetischen Ausrichtungen.

Standard: Worum geht es dabei?

Fritsch: Es geht nicht mehr um Interpretation, sondern ich habe unterschiedliche Filter angelegt. Ich meine, unsere Zeit ist die Zeit der Filter, siehe Internet. Interpretation heißt ja: Ich sende eine Botschaft. Wenn ich aber einen Filter anlege - z. B. alle spielen eine Szene so plausibel wie möglich auf dem Kopf -, dann frag ich mich nicht, wo ich mit diesem Auf-dem-Kopf-Spielen hin will, sondern ich folge meiner Lust und sehe danach, was mir die Szene erzählt.

Standard: Sie waren ein glorreicher Volksbühne-Protagonist, Sie hatten sichtlich Spaß am Spielen. Nun inszenieren Sie fast nur mehr.

Fritsch: Ich habe extrem eigene Vorstellungen vom Spielen. Ich möchte an eine alte Tradition des Schauspielerregisseurs anknüpfen - die gibt es ja in Wien eh noch. Ich möchte das aber extremer betreiben, indem ich selber auch spiele. Aber nicht, dass ich Leute um mich schare, sondern umgekehrt, dass ich sie dabei anschieße. Meine Sprache ist das Spielen, und ich spiele als Regisseur ja auch andauernd vor. Ich kann etwas beim Vorspielen am besten erklären. Ich bin da überhaupt konservativ und interessiere mich für die Alten, für Alexander Moissi oder Josef Kainz, (sein "Sein oder nicht Sein" -Monolog!), für die Mischung aus Gesang und Sprache.

Standard: Was kann Theater im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit leisten?

Fritsch: Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem alles kontrollierbar geworden ist. Du wirst in deinem Kulturkonsum aufs Schärfste überwachst, alles ist gespeichert und nachverfolgbar: ob du eine gekaufte oder eine gecrackte CD hast. Das ist grausam. Da geh ich doch lieber ins Theater, wo ich etwas sehe und höre, das man nur hier und jetzt einmal haben kann. Ich meine, ich liebe mein iPhone, und ich mache auch Filme, aber die Gegenwärtigkeit des Theaters ist unüberbietbar.

Standard: Woran arbeiten Sie gerade?

Fritsch: Ich inszeniere Macbeth und stelle grad meinen ersten Langfilm fertig. Elf Onkel - eine Hamlet-Verfilmung nach Amleto von Saxo Grammaticus.

Standard: Sie sind ganz schön Hamlet-fixiert.

Fritsch: Ich bin Shakespeare-süchtig!

Standard: Sie haben kürzlich "Volpone" in Wiesbaden inszeniert, jetzt "Macbeth" , jeweils mit neuen Texten. Warum?

Fritsch: Ich finde die alten Übersetzungen fatal, besonders von Schlegel/Tieck. Wie die dem Shakespeare die Leichtigkeit genommen haben! Diese verdrehten verschraubten, blöden Sätze. Als Schauspieler lerne ich generell keine Texte, sondern ich versuche sie zu verstehen. Es bedarf eines anderen Zugangs zur Sprache. Das Problem sind auch die Heiligkeiten am Theater: Autor und Regisseur. Der Schauspieler wurde zurückgedrängt. Das muss sich ändern! Shakespeare, wer auch immer das gewesen ist, ist ja deshalb so gut, weil seine Texte aus dem entstanden sind, was gespielt wurde! Das Altmodische am Theater sind diese feudalen Hierarchien, nicht das Theater an sich. Ich würde selber gerne ein Haus leiten, aber eben ohne die alten Hierarchien.

Standard: Was haben Sie von Castorf gelernt?

Fritsch: Frank Castorf hatte die Fähigkeit, Sachen, die er auf der Bühne machte, nicht zu problematisieren, sondern einfach drauf los. Nicht zu sagen, huch, da könnte ich ja nass werden! Es ist eine unprätentiöse Arbeitsweise, was in den letzten Jahren ein bisschen anders geworden ist. Er hat so eine Leichtigkeit mit einem Stoff umzugehen, keine Leichtfertigkeit! Castorf war für mich ein sehr wichtiger Regisseur, bei dem ich ein Solitär bleiben konnte. Am Schluss ist es nicht mehr ganz aufgegangen, weil sich so Beziehungen auch verbrauchen. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 12. 2009)

Zur Person
Herbert Fritsch war in den legendären Jahren der Volksbühne von Frank Castorf einer ihrer herausragendsten Protagonisten ("Der Idiot" u. a.). Seit 2005 geht er als Theater- und Filmregisseur eigene Wege. Das neue Wiener Theater Garage X holte den Star u. a. mit seinem Projekt "hamletX" zur Eröffnung nach Wien. Im Frühling gastiert er hier mit einer "sehr performativen Lesung" von Texten aus der Prinzhorn-Sammlung (Texte von Geisteskranken aus den 1920er-Jahren).

  • "Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem alles kontrollierbar
geworden ist. Du wirst in deinem Kulturkonsum aufs Schärfste überwacht,
alles ist gespeichert": Herbert Fritsch.
    foto: andy urban

    "Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem alles kontrollierbar geworden ist. Du wirst in deinem Kulturkonsum aufs Schärfste überwacht, alles ist gespeichert": Herbert Fritsch.

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