Wir leben in verschiedenen Welten

1. Dezember 2009, 17:18
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Das muss nicht unbedingt mit dem Islam zu tun haben, sondern liegt vielleicht hauptsächlich an den Traditionen einer archaischen Clan-Gesellschaft

Der umstrittene euro- islamische Intellektuelle Tariq Ramadan sagt stets zu seinen in Europa lebenden Glaubensbrüdern: "Haltete euch an die Gesetze des Landes, in dem ihr lebt, aber versteckt euch nicht. Seid sichtbar!"

Der Bau von Minaretten - sichtbarer geht es nicht. Tatsächlich betrachtet wahrscheinlich die Mehrheit der Muslime die Religion als wichtigen, ja oft als den wichtigsten Bestandteil ihres Lebens. Der Islam bestimmt das Leben in sehr hohem Maße, und zwar zunehmend bei den Jüngeren.

Das ist der Unterschied zur "christlichen" Bevölkerung Europas. Die Religion spielt bei weitem nicht mehr die Rolle wie vor ein paar Jahrzehnten. Europa hat sich säkularisiert, nicht nur in der Trennung von Staat und Kirche(n), sondern im täglichen Verhalten. Wir haben die staatlich abgestützte Schwulenehe. Homosexualität an sich ist den allermeisten Muslimen immer noch ein Gräuel (und in den meisten islamischen Staaten ein Straftatbestand).

Leugnen hat keinen Sinn: Die säkularisierten (verweltlichten) Europäer und die europäischen Muslime, auch die mit Staatsbürgerschaft, leben in zwei verschiedenen Welten. Das muss nicht immer und unbedingt mit dem Islam zu tun haben. Dass die Zahl der arrangierten (Zwangs-) Ehen so hoch ist (angeblich in Wien die Mehrzahl); dass die Töchter nichts lernen sollen ("Die heiraten ohnehin bald" ) - liegt vielleicht hauptsächlich an den Traditionen einer archaischen (anatolischen) Clan-Gesellschaft (die Imame tun allerdings relativ wenig, um das zu korrigieren).

Beide leben auch teilweise in verschiedenen Zeiten. Und das drückt sich auch in der äußeren, religiösen Symbolik aus: in Europa werden keine Kirchen mehr im Barock-, oder gar gotischen Stil gebaut. Sehr viele Neubauten haben auch gar keinen Kirchturm. Die neuen Großmoscheen, die in Europa bereits existieren, bzw. im Bau sind wie die Kölner Zentralmoschee für 2000 Gläubige, sind durchwegs im islamisch-osmanischen Stil des 16.Jahrhunderts gebaut: große Kuppel, hohe Minarette. Manche moderne Moscheen,die den historisierenden Stil überwunden haben, sind Ausnahmen.

Zur Klarstellung: Man kann, darf Moscheen und Minarette nicht verbieten. Man soll auch Kopftücher nicht verbieten. Die liberale Demokratie garantiert die freie Religionsausübung, nachdem sie sich selbst gegen eine dominante und intolerante Kirche durchgesetzt hat.

Das heißt aber nicht, dass Kopftücher gesellschaftlich erwünscht wären. Die moderne, säkularisierte, liberale, demokratische Gesellschaft muss nur attraktiv genug sein, um sich gegen eine rigide, zum Teil rückständige, jedenfalls aber für viele unfreie Lebensform/Religionsausübung durchzusetzen. Wir stellen jetzt erst fest, dass wir in verschiedenen Welten leben - und dass diese andere Welt der Muslime rein zahlenmäßig und wegen ihres wachsenden Selbstbewusstseins nicht mehr ignoriert werden kann. Das heißt selbstverständlich, dass die Mehrheitsgesellschaft die Rechte der Muslime anerkennt; dass sie aber auf ihren Werten - (religiöse) Toleranz, Frauenbefreiung, Trennung von Politik und Religion - bestehen darf und soll. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2009)

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