Verrenkungen

1. Dezember 2009, 16:31
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Wilhelm Genazino liest in Salzburg aus seinem Roman "Das Glück in glücksfernen Zeiten"

Das Leben ist hart. Erst recht, wenn man über Martin Heidegger promoviert hat. Wie Gerhard Warlich, der Antiheld aus Wilhelm Genazinos jüngstem Roman "Das Glück in glücksfernen Zeiten" (Hanser-Verlag), aus dem der 66-jährige Autor am Mittwoch in Salzburg liest. An studierten Philosophen besteht wenig Bedarf in unserer Gesellschaft, nur selten taugt die „Liebe zur Weisheit" als Brotberuf. Warlich hat sich eine Überlebens-Nische gesucht: Er arbeitet als Organisationsleiter in einer Großwäscherei. Im Lauf der Zeit beschleicht ihn immer mehr das Gefühl, im falschen Film zu sein. Ein bevorzugtes Thema der Romane des Büchner-Preis-Trägers (2004). Anfangs scheint die Welt noch im Lot, bis sich Warlichs Lebensgefährtin die Ehe und ein Kind wünscht. Zu viel für den guten Mann, der immer trauriger wird.

Mit Komik und Ironie erzählt Genazino von den Verrenkungen, die offenbar für das Meistern des Alltags von Nöten sind. Übrig bleibt Warlichs Sehnsucht nach "einem zarteren Leben", das aber wenig vereinbar mit unserem Wirtschaftssystem samt seinem unmenschlichen Arbeitsmarkt scheint. (dog/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 12. 2009)

>> Salzburg, Universität (Hörsaal 230), Tel.: 0662/80 44-45 31. 18.30

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