Europa, ein zittriger Welterfolg

Thomas Mayer, DER STANDARD, 1. Dezember 2009, 13:48

Wenn ein neuer EU-Vertrag inkraft tritt, wie heute jener mit dem Codenamen "Lissabon", ist das meist ein passabler Moment, auf die Union in einer längeren Perspektive zu schauen. Vor allem, wenn es heute quer durch den Kontinent praktisch nur zwei Grundmuster von öffentlichen Erklärungen gibt: Ein "trauriger Tag" für Europa und Österreich sei das, weil das Land seine Souveränität verliere, empört sich FPÖ-Chef HC Strache. Über eine "neue Ära der Kooperation" freut sich hingegen der schwedische Premierminister und EU-Ratsvorsitzende Fredrik Reinfeldt.

Gibt es was dazwischen? Ja. Der Lissabon-Vertrag bringt keine revolutionäre Umgestaltung der Strukturen und der Politik der Gemeinschaft, wie manche glauben oder gar fürchten. Und er macht die Union keineswegs zu jenem vitalen Gebilde, das die Probleme des Kontinents und der Welt überzeugend lösen könnte.

Der neue EU-Vertrag ist - ganz auf der Linie bisheriger Vertragsänderungen seit der Gründung der EG im Jahr 1957 mit den Römischen Verträgen - eine evolutionäre Weiterentwicklung. In langer Perspektive dürften zwei Dinge das Wichtigste sein: Zum einen wird das Europäische Parlament in Straßburg in seinen Mitwirkungs- und Mitentscheidungsrechten deutlich aufgewertet. Das trifft in Maßen auch für die nationalen Volksvertretungen zu. Mehr und stärkerer Parlamentarismus bedeutet aber auch mehr Bürgermitsprache, Transparenz, demokratische Kontrolle.

Die zweite große Änderung liegt inhaltlich darin, dass der gesamte Bereich der inneren Sicherheit und Justiz vergemeinschaftet wird. Die Innenminister und die EU-Kommission könen nicht mehr einfach an den EU-Abgeordneten vorbei schalten und walten wie sie wollen. Das ist ein großer Fortschritt und sollte die EU-Bürger fröhlich stimmen.

Insofern ist heute sicher ein europäischer Feiertag. Es geht in der Union, allen Krisen und Rückschlägen zum Trotz, doch immer wieder voran. Europa ist ein Erfolg, aber ein zittriger. Das Wichtigste wäre jetzt, dass wir Bürger nicht nur maulen, sondern uns viel mehr als bisher einschalten in die Politik, national und europäisch. Denn letztlich steht und fällt die Gemeinschaft mit der Demokratiefrage.

Oft fragt man sich, wieso sich Europa eigentlich so oft so wenig zutraut, während es den USA immer wieder gelingt, sich als Gemeinschaft zu präsentieren, die sich alles zutraut. Auch eine Frage der Perspektive.

Wie sah die Welt vor 17 Jahren, nach der letzten großen EU-Vertragsänderung von Maastricht aus? Die USA hatten damals: keine Grenzen im Inneren, einen Binnenmarkt, eine seit Jahrzehnten abgeschlossene "Erweiterung" von Ost nach West, von Nord nach Süd, und eine Währungsunion mit dem Dollar, und eine Verfassung. Dafür hatten sie zwei Jahrhunderte gebraucht.

Die Union hatte nichts davon. Aber nicht einmal 20 Jahre später gibt es nun den Euro in der Mehrheit der Staaten, die Grenzkontrollen sind gefallen, Europa ist erweitert bzw. beinahe vollständig vereinigt (der Balkan kommt demnächst dazu), der Binnenmarkt ist fast vollendet, der Lissabon-Vertrag zwar keine Verfassung, aber doch ein neuer, weitgehender Integrationsschritt.

Das ist nicht ganz schlecht am Tag des Starts neuer EU-Regeln.

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18 Postings
Walter Bimini
00
5.12.2009, 19:07
europa ein konstrukt mit knapper ablaufzeit.

Christoph ************
01
6.12.2009, 01:14

Das ist nicht mehr als Ihre Behauptung. Politikwissenschaftler die sich mit der EU beschäftigen geben ihr durchaus gute Chancen auf Fortbestand.

Ganz interessant diesezüglich ist, dass die frühen USA zB (deren Staaten keine lange Tradition hatten und deren Bevölkerung auch etwas homogener war und dazu noch akute außenpolitische Bedrohungen eine einende Wirkung hatten) deutlich instabiler war als die EU, fast dramatisch instabiler.

Walter Bimini
10
6.12.2009, 09:22
ja die liebe "wissensaft"

viele "hochgelahrte wissensaftler" haben die schwerste weltwirtschaftskrise seit der großen depression nicht nur nicht kommen sehen, sondern sie auch noch ein gutes jahr überhaupt geleugnet. und jetzt predigen sie schon zum zweiten mal den baldigen aufschwung und liegen wieder ganz falsch.
diese "wissensaftler" sind käuflich und leben von ihren käuflichen liebesdiensten. solche leute werden ihnen alles bestätigen solange nur genug für sie selbst abfällt.

momentan geht es bereits der political correctness mit der schweizer volksabstimmung gegen die minarette an den kragen.

Christoph ************
03
6.12.2009, 11:47

Wissenschaft irrt sich des öfteren, anders geht es auch nicht, schließlich ist sie ja kein Orakel von Delphi.

Man vertritt in der Wissenschaft aber Argumente und Theorien und nicht wie sie simple Meinungen.

Es ist auch schon interessant wie Sie alles in einen Topf schmeißen "Wissenschaft" dürfte für Sie ohnehin einerlei sein, ob jetzt Politikwissenschaft oder Ökonomie wen schert schon der Unterschied, alle käuflich, alles Verbrecher. Schön wie sie die österreichische Tradition hochhalten die sich schon immer gegen diese "großgoscherten" Akademiker gerichtet hat.

Dass Sie es geschafft haben doch noch auch die "political correctness" und Minarette in Ihre Antwort einzubauen, ... ist Kronenzeitungsreif.

Walter Bimini
10
6.12.2009, 18:50
politikwissenschaft und ökonomie haben auch etwas wesentliches gemein, sie sind beide keine wissenschaften, sondern nur die moderne form der eingeweideschau.

Christoph ************
02
6.12.2009, 21:09

Das von einem Experten, der sowieso nicht einmal zwischen beiden unterscheidet.

Für manche ist der Stammtisch sowieso oberste und zuverlässigste Instanz. Das muss reichen.

Walter Bimini
10
7.12.2009, 00:47
krone und stammtisch - so, so

sie breiten da ihr umfeld aus und dann verwenden sie die im standard übliche methode genau das dem anderen zu unterstellen.

Christoph ************
03
7.12.2009, 17:59

Entschuldigen Sie aber ich bin nicht derjenige, der Ökonomie und Politikwissenschaften kurzerhand gleichsetzt und beiden einfach jedwede wie auch immer geartete Kompetenz abspricht.

Und dann werfen Sie mir fehlendes Niveau vor?

limdul
62
1.12.2009, 21:31

Dafür ist die Korruption hoch wie nie, und mit Menschen wie Berlusconi wird sie sicher nicht weniger.
Der Einfluß der Konzerne ist gewaltig gestiegen, der Spielraum für positive Veränderungen (durch die Politiker) dafür gesunken.
Und den Einfluß der USA auf die EU wollen wir besser nicht mal ansprechen..... (da wird ja alles durchgewunken, was es über den Atlantik schafft)

Sehe gegenüber vor 20 Jahren also praktisch nur Rückschritte, die Entwicklungen in die richtige Richtung existieren einzig am Papier.....

callanish
04
2.12.2009, 15:58

1. Sie haben keinen seriösen Beweis für eine Korruption die "hoch sei wie nie". Ganz im Gegenteil gibt es doch Initiativen wie OLAF oder Transparency International.
2. Einfluss der Konzerne: schlagen's mal nach was der EU-Wettbewerbskommissar so macht, erinnern Sie sich mal an die Strafzahlungen für Microsoft, und dass große Konzerne wie die Lufthansa nicht einfach alles aufkaufen dürfen (AUA) was ihnen passt ohne genaue Regeln.
3. Einfluss der USA auf Europa: da haben wir den Unterschied zwischen Old und New Europe im Irak gesehen. Ihr Statement ist zu vereinfachend.

Christoph ************
11
1.12.2009, 22:31

Gibt es einen seriösen Beleg für Ihre Behauptung, dass die Korruption hoch sei wie nie?

Walter Bimini
00
5.12.2009, 19:09
reichen ihnen die vielen milliarden, die die banken zum nulltarif bekommen haben, nicht?

Christoph ************
00
6.12.2009, 01:17

Selbst wenn man das als Korruption brandmarken würde (wogegen ich bin, außer man findet konkrete Hinweise auf tatsächliche Korruption), ist es trotzdem etwas, dass man nur schwer der EU in die Schuhe schieben kann. Aber natürlich, die Mitgliedsstaaten haben reichlich den Banken Geld zu geworfen, so wie in alle anderen Industrienationen der Welt.

Walter Bimini
00
6.12.2009, 09:15
und die ezb deckt das alles und spielt selbst in der viererbande feb, ezb, boe und boj mit.

Christoph ************
00
6.12.2009, 11:38

Die EZB hat meines Wissens keine einzige Bank herausbezahlt, das waren schon fein die Mitgliedsstaaten und abseits der Polemik habe ich auch kaum Alternativen dazu gesehen (hätte aber eine deutlich stärkere Sanktion gefordert, zB in Form von Anteilen für den Staat, oder einem strengen Statut, dass mit dem Geld angenommen werden muss...)

Dass die EZB ihren Auftrag zur Stabilisierung des Euros wahrnimmt kann ihr kaum zum Vorwurf gemacht werden. Es ist ja kaum zu glauben, aber die Österreicher raunzen selbst am Rande der Deflation noch über den "Teuro"...

Walter Bimini
00
6.12.2009, 12:31
die ezb tut vieles was sie nicht wissen

sie akzeptiert z.b. schrottpapiere als sicherheit und stützt über swaps auch den maroden dollar.
aber der krug geht lange zum brunnen bis er bricht.
und so gesehen haben alle diese betrügereien auch etwas positives.

Christoph ************
00
6.12.2009, 21:13

Natürlich ist die EZB an keinem kollabierenden Dollar interessiert. Dass sollten Sie ja auch einsehen.

Bei all dieser Kritik an der EZB, der ja schon nahe am Vorwurf des Hochverrates liegt (Mitglied der "Viererbande") zeigen Sie keinerlei Alternativen auf. Oder glaube Sie es ist so lustig wenn das Finanzsystem zusammenkracht? Oder ist das eh völlig egal, wer braucht das schon?

Ava Tar
02
2.12.2009, 17:34

Naja. Der Pöll hat wieder zugenommen. Odr?

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