Madentherapie für Wundheilung in Frage gestellt

1. Dezember 2009, 11:53
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Neue Materialien unterstützen die Wundheilung - Fliegenlarven bringen keine Vorteile, den Patienten aber stärkere Schmerzen

Wien/Salzburg - Neue Materialien und Methoden unterstützen den Prozess der Wundheilung immer besser, und innovative Substanzen können der Narbenbildung wirksam vorbeugen, berichten Experten auf der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie.

„In den letzten Jahren haben wir aus der Forschung viele neue Erkenntnisse über die Mechanismen der Wundheilung gewonnen", sagt Franz Trautinger, Vorstand der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten des Landesklinikums St. Pölten. Das ist schon deshalb von Bedeutung, weil chronische, schwer heilende Wunden, wie sie etwa beim diabetischen Fuß, bei schweren Venenproblemen oder Durchblutungsstörungen viele Menschen betreffen: Man nimmt an, dass 0,3 bis ein Prozent der Erwachsenen an einem chronischen Unterschenkelgeschwür leiden, bei Diabetikern sind es vier bis zehn Prozent. „Es sind auch zahlreiche neue Materialien zur Wundbehandlung auf den Markt gekommen und haben die Versorgung der Patienten besser, aber zugleich auch schwieriger gemacht. Denn nicht immer belegen Daten ausreichend den Nutzen neuer Optionen," so Trautinger. Neuere Studien würden hier aber wichtige Orientierungshilfen bringen.

Mit Wachstumsfaktor gegen Narbenbildung

Thema des Hautkongresses in Salzburg ist nicht nur das aktuelle Wissen zum optimalen Wundmanagement, es geht auch um Forschungstrends und Zukunftsoptionen. Spannende neue Entwicklungen gibt es etwa in der Narbenvorbeugung, berichtet Trautinger: „Die moderne Grundlagenforschung entschlüsselt immer mehr molekulare Mechanismen, die hinter Wundheilungsprozessen stehen. Eine wichtige neue Einsicht ist etwa, warum bei Embryonen sich Wunden wieder verschließen, ohne Narben zu hinterlassen. Es wird angenommen, dass das Fehlen einer Entzündungsreaktion als Folge der Verletzung einer der Hauptfaktoren der fehlenden Vernarbung in embryonalem Gewebe ist."

In Nachahmung dieser Vorgänge wurde ein spezieller Wachstumsfaktor, das Zytokin Transforming-Growth Factor β3 (TGFβ3), entwickelt, der sich in einer klinischen Studie bereits bewährt hat, berichtet Trautinger: „Es hat sich gezeigt, dass Studienteilnehmer mit Schnittwunden an den Oberarmen, die mit TGFβ3behandelt wurden, deutlich weniger Narbenentwicklung hatten als die mit Plazebo behandelten Teilnehmer.

Studien sprechen gegen Madentherapie

Vielen mag die Vorstellung abstoßen sein - aber dennoch hat die so genannte Madentherapie zur Behandlung schwer heilender Wunden in den vergangenen Jahren eine regelrechte Renaissance erlebt - dabei werden dafür gezüchtete Fliegenlarven in einem Beutel an die Wunde angebracht. Argumentiert wird ihr Einsatz unter anderem mit hoher Wirksamkeit und Kosteneffektivität - doch dies ist nach neuen Erkenntnissen nicht haltbar, so Trautinger: „Vor kurzem erschienen zwei Studien, in denen bei insgesamt 267 Patienten mit Ulcus cruris, also tiefen offenen Beinwunden, die Madentherapie mit dem verbreiteten Wundversorgungsmittel Hydrogel verglichen wurde. Obwohl sich unter der Madentherapie Nekrosen und Beläge etwas schneller lösten, hatten sie keinerlei Vorteil hinsichtlich Wundverschluss, Lebensqualität, Bakterienbefall oder Kosteneffizienz. Zusätzlich litten die Patienten mit Madentherapie unter stärkeren Schmerzen." Nach diesen beiden Studien hätte die Anwendung von Fliegenmaden ihre Berechtigung verloren. (red)

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