Der Beginn eines Dammbruchs

Das Minarettverbot macht Schweizer Muslime zu Bürgern zweiter Klasse

Eine Moschee braucht nicht unbedingt ein Minarett, und die üblichen osmanisierenden spitzen Betondinger sind meist keine Verschönerung der Landschaft, das ist alles wahr. Aber darum geht es natürlich nicht beim Minarettverbot in der Schweiz, allen apologetischen Verrenkungen zum Trotz. Ein Christ braucht auch keinen Kirchturm zur Religionsausübung, und über Baufragen kann man nur Fall für Fall entscheiden. Das Schweizer Minarettverbot hat einen einzigen Sinn: einer religiösen Gruppe zu sagen, dass sie nicht hierher gehört.

Dass sie "toleriert" - im alten Sinne von geduldet - wird, aber nicht akzeptiert, und dass sie daher möglichst unsichtbar bleiben muss. Letzteres ist der Freundlichkeit der Moderne geschuldet. Noch früher haben wir solchen Leuten ein Hütchen aufgesetzt, damit wir sie erkennen. Wir schreiben das Jahr 2009 und leben in Europa. Mit "geringeren" Bürgern unter uns, für deren Bauten in der Schweiz ab jetzt nicht die Baubehörde zuständig sein soll, sondern bei denen allein das religiöse Bekenntnis darüber entscheidet, was sie bauen dürfen und was nicht.

Wenn es jetzt nur einen mutig-witzigen Pfarrer mit einer ebensolchen Gemeinde gäbe, der den Schweizern einen Kirchturm in der traditionellen Minarettform hinstellt! Religiös spräche nichts dagegen - genauso wie man ja ohne weiteres eine Moschee in Kirchenbauart errichten könnte. Die Reaktionen derer, die sonst gegen das "Fremde" beim Moscheenbau wettern, wären ein interessanter Beitrag zur Debatte.

Den Schweizern und Schweizerinnen, die für das Minarettverbot gestimmt haben, ist zugutezuhalten, dass sie aus einem Land stammen, das sich historische Amnesie eher leisten kann als etwa Österreich. Wofür oder wogegen glauben sie gestimmt zu haben? Interessanterweise haben sie nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, gegen soziale Phänomene gestimmt, die bei muslimischen Einwanderern aus unteren Schichten gehäuft auftreten und die als „islamisch" essenzialisiert werden. Denn wenn es so wäre, dann müsste die Zustimmung zum Minarettverbot in Gebieten, in denen es viele Muslime gibt, besonders hoch sein. Das Gegenteil ist der Fall. Es geht also nicht primär um missglückte Integration.

Der "Antisemitismus ohne Juden" ist bekannt, die purste Form des Rassismus, der ja nicht einmal an Religion gebunden ist. Bei der Abstimmung in der Schweiz dürften die Befürworter vor allem entlang ihres - von Populisten zu ihren eigenen Zwecken geformten - Islam-Bilds gestimmt haben. Nicht nur gegen den Islam in der Schweiz, sondern auch den Islam, wie er angeblich in islamischen Ländern ist: wobei eine Zwangsehe in einem indischen Dorf nicht dem Hinduismus und weibliche Genitalverstümmelung in, sagen wir, Zentralafrika natürlich nicht dem Christentum angelastet wird.
Dazu kommt noch das Reziprozitätsproblem à la „Erst wenn wir Kirchen in Saudi-Arabien bauen können ..." Lasst uns doch werden wie Saudi-Arabien, dann geht es uns gewiss besser!
Dass eine Frage wie die zur Abstimmung gebrachte in einem modernen Rechtsstaat überhaupt gestellt, dass die Plakate, die Minarette als Raketen darstellten, überhaupt affichiert werden durften, ist jedenfalls erstaunlich.

Da wird die Theorie einer islamischen Weltverschwörung zur Eroberung des Westens in einen staatstragenden Rang erhoben. Dies in die tägliche Rechtspraxis einfließen zu lassen ist eine klare Diskriminierung und Verletzung der Grundrechte. Das mögen die Befürworter nicht gewusst haben - oder es ist ihnen egal. Dann ist es der Beginn eines Dammbruchs. Anstatt eines klaren Nein werden wir in den nächsten Tagen viele abwägende Erörterungen von Personen hören, die sich selbst für Humanisten und Liberale halten. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2009)

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noch eine witzige Idee : eine christliche religionsgemeinschaft könnte eine kirche bauen und nach fertigstellung an die örtliche moslimische gemeinde verkaufen..

Müssten die dann den kirchturm abreissen, weil der dann ein mainarett ist???????


mit dem willen und der solidarität über die grenzen der religionen hinweg und ein wenig subversiver phantasie könnnte da einiges gemacht werden.

jedenfalls absurd das ganze....

vor Jahren in der Schweizer >Weltwoche< gelesen : als ein südafrikanisches Unternehmen (aus dem Bergbau) die Auschreibung für ein Baulos des Gotthardbasistunnels (oder war's der Lötschberg) gewann, haben sich die Bürgermeister der dortigen gemeinden besorgt darüber geäussert, wie denn die Südafrikaner mit dem kulturschock umgehen würden...

der schreiber witzelte dann, dass der schock sicher tief sitze, wenn man von einer metrople wie johannesburgh in die schweizer bergwelt versetzt würde, dass aber ein Kinosaal, ein tanzlokal und andere einrichtungen die in dem lager von der Firma vorgesehen sind, den schock wohl einigermassen lindern werden :-)

Ausläderfeindlichkeit gibt es natürlich auch in Österreich

und macht das Leben eines Einwanderers schwer. Jeder Immigrant hatte wohl schon Phasen, in denen er verletzt einen Hass auf alle Einheimischen entwickelte.

Aber das ist nix verglichen zum Österreicher-Hass, den ich z.B. bei einigen Türken beobachten konnte. Oft werden Ösis ganz grundsätzlich abgelehnt und verachtet.
Die sehen wie Schweine aus, weil sie dauernd Schweinefleisch essen. Alle Ösi-Frauen sind Huren und nur zum F... n da. Es soll sich bloß kein Ösi-Mann trauen, eine Beziehung zu einer Türkenfrau einzugehen. Überhaupt ist alles aus der Türkei super, alles Österreichische Mist. usw. usf.

Irgendwie wundert es mich nicht, wenn manch Einheimischen, egal ob Ösi oder Schweizer, DAS irgendwann zuviel wird.

Hat der Hitler uebern Goering auch mal gesagt, das mit dem Schweinefleisch.
-Department for useless trivia

"Dass eine Frage wie die zur Abstimmung gebrachte in einem modernen Rechtsstaat überhaupt gestellt, dass die Plakate, die Minarette als Raketen darstellten, überhaupt affichiert werden durften, ist jedenfalls erstaunlich."

nein ist es nicht!

direkte demokratie und freie meinungsäußerung nennt man so etwas.

wie man zum inhalt steht, ist eine andere frage. es kommt hier aber gut heraus, wie die verteidiger des islams wirklich über demokratische werte und pressefreiheit denken. statt wie immer mit der miene des beleidigten monarchen aufzutreten, täte die islamische welt gut daran, die toleranz die sie für ihre gesellschaftsformen einfordert, auch mal anderen gegenüber zu zeigen!

freie meinungsäußerung wird gerne als legitimation

für übelste propaganda missbraucht. dass sich die rechtsextremen überhaupt trauen "demokratische werte", "meinungsfreiheit" oder "pressefreiheit" in den mund zu nehmen ist ja an sich schon ein übler witz.

joseph goebbels würde strahlen, hätte er diesen feldzug gegen die moslems miterleben dürfen. ich war schon vor 20 jahren davon überzeugt, dass der mensch nicht in der lage ist aus der geschichte zu lernen, alerdings hätte ich nicht gedacht, dass der nächste rückfall in eine mittelaterliche denkweise so schnell erfolgen würde.

Was ich weiss war Persien mit Deutschland verbuendet, also bin ich mir nicht so sicher ob dem Goebbels das so getaugt haette.

Was ihn sicher freut das die von ihm und seinen Haberern eingefuehrten Methoden der Propaganda bis heute eifrig eingesetzt werden, auf beiden Seiten (dieses) Konfliktes.

Hat der Edward Bernays uebrigens sogar mal direkt so gesagt, dass das Wort "Propaganda" von den Nazis schon so uebel belegt war das er sich "Public Relations" einfallen lassen musste. Kein Witz.

http://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Bernays

In diesem Zusammenhang ebenfalls zu empfehlen: "The Century of the Self", BBS Dokumentation von Adam Curtis.

Ein Dammbruch ? Ja, vielleicht schon..

Die Religion des Islam hat eine Reihe achtenswerter Grundsätze. Einige aber vertragen sich nicht mit unserem Rechtssystem.(zB. Stellung der Frau, Homosexualität etc.) Unser aufgeklärtes Rechtssystem ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde mühsam erkämpft. Rückblickend wissen wir aber auch, dass wir der arabischen Hochkultur mit ihren bedeutenden Denkern viel zu
verdanken haben.
Die Ablehnung der Minarette richtet sich
sicherlich nicht gegen Muslime guten Willens, die bereit sind, unsere Rechtspositionen zu achten und danach zu handeln.
Sie werden quasi in Sippenhaft genommen, weil sie sich nicht eindeutig und klar von den Hardcore
Islamisten abgrenzen. Der Klärungsprozess muss von den Muslimen ausgehen. Nicht von uns.

...ist eine klare Diskriminierung und Verletzung der Grundrechte

dinge wie diskriminierung, grundrechte u.ä. sind leider dinge, die der normal-bürger nur dann wahrnimmt, wenn sie zu seinen lasten gehen.

wenn ein anderer, noch dazu jemand den man eh nicht sonderlich mag, davon betroffen ist: 'so what...' oder sogar: 'bravo!'

Wie abgehoben diese sogenannten Meinungseliten in ihren Villenvororten mit ihren Privatschulen mit 90%igem Inländeranteil doch bereits sind.

Der ständige Zeigefinger, gepaart mit der Faschismuskeule, die Herabdodelung derer, die sich durch diese unbestreitbare Überfremdung bedroht oder gar überfordert fühlen....

Diese Eliten sehen ja gar nicht, dass es nicht die Kronenzeitungs-Suderanten sind, die mit "Nein" stimmen. Es sind mittlerweile (Gottseidank) ganz normale Leute, die von jeglichem Extremismus meilenweit entfernt sind, die aber mit diesen Entwicklungen nicht mehr mitkönnen und/oder -wollen.

Gudrun Harrer und Gabi Waldner vom ORF sind die armselig Speerspitze der "Elite", die vom realen Leben gar keine Ahnung mehr haben.

unbestreitbare überfremdung

na ja. wenn man glaubt, dass in österreich 8 millionen muslime leben und nur noch eine handvoll wehrhafter christen, dann kann man schon zu dieser einschätzung der lage kommen.

willkommen in in dod*lland

Antisemitismus ohne Juden

Antiislamismus ohne Muslime?

21.Jahrhundert / neuer Kreuzzug gegen Islam

Die Schweizer haben nun bewiesen dass sie trotz aller Meinungen, doch ein Bergvolk sind.
Ist ja kein Wunder dass Vatikan von Schweizer-Garde bewacht wird.
Würden sich die Schweizer erlauben eine Volksabstimmung zu halten dass Synagoge ohne David-Stern Förmige Fenstern gebaut werden müssen?

Liebe Gudrun Harrer

Danke für diesen Artikel. Antisemitismus ohne Juden ist in der Tat, das was wir am meisten fürchten müssen, da er die Haltung über Generationen aufrecht erhält, die, wie jetzt, einem Antiislamismus Auftrieb geben und es zu bezweifeln ist, ob die doch sehr dünne Haut der Freundlichkeit der Modernität nicht bald an allen Ecken und Enden aufbrechen wird und die Hütchen und Sternchen recht schnell wieder hervorgekramt werden. Nicht nur der Ausgang der schweizer Volksbefragung lässt dies vermuten. Böse Zeiten...

ein bisschen mehr realitaet, bitte

wer beobachtet hat, wie libyen in den letzten monaten die schweiz vorgefuehrt hat, wird sich ueber dieses ergebnis nicht wundern.
witzig auch, wie im namen der demokratie demokratische entscheidungen angeprangert werden. na was jetzt? darf das volk entscheiden, oder nicht?

sie nehmen libyen als beispiel

schaut also der gedankengang im hirn eines schweizers folgendermaßen aus:
gaddafi führt uns vor.
gaddafi ist moslem.
also müssen wir etwas gegen moslems unternehmen...
???
mag ja sein, dass schweizer ein bisserl einfach gestrickt sind. aber soooo einfach?

?

dass die Plakate, die Minarette als Raketen darstellten, überhaupt affichiert werden durften, ist jedenfalls erstaunlich.

wuenschen sie sich eine effektive staatliche zensur, frau harrer?

Ein klares Nein

zu jeglicher Form von Intoleranz. Ich betone: jeglicher.
Ein klares Ja zum Recht einer Bevölkerung sich gegen etwas auszusprechen, auch wenn das möglicherweise
den Abfluss arabischer Milliarden bedeutet.
Die Entscheidung der Österreicher gegen Zwentendorf war ja auch nicht so klug.
Ein Minarett ist quasi das Megakopftuch und hat mit Religionsausübung herzlich wenig zu tun.

Tja, man müßte sie eben irgendwie auseinanderhalten können, die religiösen Menschen und die religiösen Fanatiker...

Wie Lichtfreak schon erwähnt hat. Wunschdenken (Gutmenschdenken) und Realität sind oft sehr verschieden Frau Harrer. Irgendwie scheint mir dieser Theorienquirks und Fantasievorstellungen generell eine "Krankheit" der sogenannten "geistigen Elite" zu sein zu der Sie sich sicherlich zählen so vermute ich. Es geht sehr gut mit anderen Religionen - nur nicht mit intoleranten wie der von islam geprägten.
Wobei ich hier bewußt eine Unterscheidung zwischen islam orientierten und weltoffenen Muslimen mache.

in der realität

leben wohl nur die miesmenschen.
oder?

Wow, sie müssen ja ordentlich unten durchgerutscht sein im Leben, wenn Sie so viel Gift und Geifer spucken. Jaja, die schröcklichen - Gänsefüßerl - geistigen Eliten - Gänsefüßerl. Und die ach so naiven - Gänsefüßerl - Gutmenschen - Gänsefüßerl. Jaja, man bekämpft immer das, was einem fremd ist. Wenn man sich halt nicht selbst dazu zählen kann, isses nix, gell?

Ach ja - und ist es nicht immer die "sogenannte" selbsternannte "Elite" die des öfteren immer wieder katastophal versagt? Finanz => Krise , Politik => Unruhen im Osten
Wie von Lichfreak erwähnt 2 verschiedene Welten - Scheinillusion der Elite und Wirklichkeit der Bevölkerung.
>Wenn man sich halt nicht selbst dazu zählen kann, isses nix, gell
Wenn Sie sich da bloss nicht irren. Zumindest kann ich mich zu etwas wichtigem Realen zählen, was können Sie?

Scheinillusionen? Du meine güte...

Zu welcher art wichtiger realität kann sich einer zählen, der offenbar illusionen in schein- und real- illusionen unterteilt? Sind Sie hilfslehrer in der baumschule oder waschen Sie reale teller?

Übrigens: von wem muss den eine nicht-selbsternannte elite ernannt werden? Von Ihren baumschülern?

Das lass ich mir von Ihnen nicht sagen sie Würtschl - Nicht bei der großen Anzahl meiner Freunde quer durch ganz Europa (nicht aus Österreich stammend selbstredend) - daß man bekämpft was einem fremd ist. Ich bekämpfe was mir schlecht erscheint und ich hoffe ich bin nicht der Einzige, denn für Demokratie muss man kämpfen - das war so und wird immer so sein.

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