"Democracy Now!"

"Brauchen Vielfalt an Stimmen"

30. November 2009 18:34

In "Democracy Now!" setzt sich die Journalistin Amy Goodman für Menschenrechte und Medienfreiheit ein, zu sehen ab Dienstag auf Okto

STANDARD: Vor einem Jahr bekamen Sie den Alternativen Nobelpreis für Ihre Sendung "Democracy Now!". Was hat sich seither verändert?

Goodman: Der Preis erzielte weltweit Aufmerksamkeit, nicht nur für Democracy Now!, sondern auch dafür, wie wichtig unabhängiger Journalismus als wesentlicher Schutz für Menschenrechte ist.

STANDARD:  Wie spüren Sie die Finanzkrise?

Goodman: Die öffentlichen Medieneinrichtungen sind in den USA grundsätzlich schlechter finanziert als ihre Pendants in Europa. Deshalb sind wir noch stärker von direkter, freiwilliger Unterstützung durch die Öffentlichkeit abhängig. Aber angesichts der Krise, mit der unsere Gesellschaft konfrontiert ist - von weltweiter Erderwärmung zum Weltkrieg ("from global warming to global warring" schreibt Goodman, Anm.) -, suchen Menschen stärker nach verlässlicher Information, der sie vertrauen können.

Die Nachfrage nach anspruchsvollem unabhängigem Journalismus ist stärker als je zuvor. Wir verwenden viel Zeit, um ein nachhaltiges Modell von Journalismus zu entwickeln, das nicht von Motiven des Gewinns getrieben ist und sich in ökonomisch harten Zeiten gut behaupten kann. Wir verlassen uns nicht auf Inserenten und richten uns nicht nach Aktienbesitzern, deren Wünsche nach Gewinn hinter den Kündigungen stehen.

STANDARD:  Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für alternative Medien?

Goodman: Medienverschmelzungen in der Hand von wenigen, immer mächtiger werdenden Konzernen ist sehr gefährlich. Wir brauchen eine Vielfalt an Stimmen, an neuen Quellen und eine lebendige Debatte über die wichtigsten Themen - Leben und Tod, Krieg und Frieden. Wir müssen das Internet als offene und gerechte Plattform schützen, damit die größten Internetschleusenwärter wie Comcast, Time Warner und AT&T unabhängige, nichtkommerzielle Provider nicht diskriminieren können. Politische Prozesse in den USA sind durch diese Unternehmensgelder so korrumpiert, dass Medienkonzerne - deren Interessen oft direkt mit der Waffen-, Pharma-, Öl-, Gas- und Kohleindustrie gekoppelt sind - grundsätzlich unabhängig sein müssen.

STANDARD:  Fördert das Internet (Medien-)Demokratie?

Goodman: Das Internet erleichtert die schnelle Verbreitung von Nachrichten. Nur ein Beispiel, was unabhängiger Journalismus über das Internet bewirken kann: Als ich 2004 über den Staatsstreich gegen Jean-Bertrand Aristide auf Haiti berichtete, flog ich mit einem Journalisten der Washington Post und einer Delegation nach Zentralafrika, wohin der gestürzte Aristide und seine Frau gewaltsam ausgewiesen wurden. Der Präsident der zentralafrikanischen Republik, General François Bozizé, überlegte, ob er den Aristides erlauben solle, das Flugzeug zu verlassen und ihnen politisches Exil zu gewähren. Ich schickte die Nachricht sofort Reuters, die einen schnellen, weltweiten Nachrichtenalarm ausschickten, noch bevor sich Präsident Bozizé mit seinen amerikanischen Geldgebern austauschen konnte.

STANDARD:  In Ihren Artikeln kritisieren Sie die Obama-Regierung, sie führe Bushs "Folterlogik" weiter. Sind Sie enttäuscht von Obama?

Goodman: Man muss die Mächtigen beobachten, egal welcher Partei sie angehören. Die Obama-Regierung setzt die Politik der Bush-Regierung fort, indem sie Fotos der Folterpraktiken zurückhält. Wir brauchen starke, unabhängige Medien, die Menschen an der Macht an ihre Verantwortung erinnern, um sich Herausforderungen wie Folter zu stellen.

STANDARD: Was bevorzugen Sie: Twitter oder Facebook?

Goodman: Wir bevorzugen freien Zugang und werbefreie Plattformen und stellen fest, dass diese Websites sich großer Beliebtheit erfreuen und deshalb eine gute Möglichkeit sind, Informationen an eine größere Öffentlichkeit zu bringen. Im Umgang mit Twitter müssen wir vorsichtig sein, was den Umgang mit dem Schutz der persönlichen Privatsphäre betrifft. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 1.12.2009)

Zur Person
Amy Goodman (52) ist Harvard-Absolventin und war Direktorin von Pacifica Radio WBAI in New York. Mit dem Sender gründete sie 1996 "Democracy Now!". Im Jahr 2008 wurde sie für die "Entwicklung eines innovativen Modells wahrhaft unabhängigen politischen Journalismus" mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Okto zeigt das nichtkommerzielle Politmagazin werktags um 23.05 Uhr.

Link
okto.tv

manolo10
14.12.2009 05:58

Da gebe ich goodman recht: die mediale macht verteilt auf wenige birgt natürlich großes gefahrenpotenzial. Das erinnert mich an die italienische fernsehlandschaft. Was anderes: Habe jüngst einen ausschnitt eines spontanen telefointerviews zwischen clinton und goodman gesehen. Clintons leute wollte das team um democracy now! und goodman anschließend unter druck setzten, die aufnahmen nicht zu veröffentlichen.Sehr lustig!!

Karpe
11.12.2009 11:00
Reinzappen und hängenbleiben

So ist es mir ergangen, als ich vor ein paar Tagen eher per Zufall bei Okto reingeschaltet und das erste Mal Democracy Now gesehen habe. Für mich unverständlich, wieso eine derartig geniale und wichtige Sendung erst so spät gesendet wird. Aber noch mehr verwundert es mich, dass kein anderer Sender vorher so schlau war, das Format zu übernehmen - Feigheit vor den Reaktionen der Zuschauer?

KSAler
 
09.12.2009 18:42
DEMOcrazy now!

ich liebe diese sendung einfach :D
interessant werden auch die berichte von kopenhagen, die wohl zur genpge kommen werden, und welche uns den gipfel sicherlich von einer anderen seite sehen lassen.
danke amy goodman

papst benedikt
01.12.2009 11:05
Erwin Wolfram
30.11.2009 23:56

Super Sache, wirklich die Dinge die nichtmal der Standard versteht und berichten kann, weil Copy&Paste da nicht geht :-) - bin der volle Fan!!!

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