"Ziemliche Übertreibung wegen der vier Minarettchen"

01. Dezember 2009 07:17
  • Artikelbild
    Foto: privat

    Hisham Maizar: "Wenn der Muslim in seiner religiösen Freiheit noch stärker als bisher eingeengt wird, dann werden die Muslime nicht alles über sich ergehen lassen, nur weil es die Rechtspopulisten so haben wollen."

Hisham Maizar, Präsident der größten islamischen Organisation in der Schweiz, im derStandard.at-Interview: Religionsfreiheit soll notfalls juristisch erkämpft werden

Hisham Maizar ist Schweizer Arzt palästinensischer Herkunft und Präsident der Föderation Islamischer Dachverbände in der Schweiz (FIDS), der größten islamischen Organisation der Schweiz. Im Interview mit derStandard.at erklärt er, wie seine Glaubensgemeinschaft auf die Volksabstimmung zum Minarett-Verbot reagieren wird. Die Fragen stellte Rainer Schüller.

***

derStandard.at: Was halten Sie vom Ergebnis der Volksbefragung zu den Minaretten?

Maizar: Ich bin entrüstet und ich halte es für eine richtige Katastrophe für ein Land, das bekannt ist für seine demokratische Haltung und die Wahrung der Menschenrechte und ein Land, das die Freiheiten seiner Bürger bis jetzt verteidigt hat. 

derStandard.at: Wie wird man von Seiten der islamischen Glaubensgemeinschaft in der Schweiz auf das Verbot reagieren?

Maizar: Wir werden uns zunächst anschauen, was das Resultat alles mit sich bringen wird. Falls der Alltag für die Muslime hier normal weiter geht wie bisher, dann haben wir kein größeres Problem. Wenn die Mehrheit entscheidet, dass keine Minarette gebaut werden sollen, dann haben wir dieses Urteil entsprechend zur Kenntnis zu nehmen und zu respektieren. 

Aber das andere ist für uns viel entscheidender: Wenn der Muslim in seiner religiösen Freiheit noch stärker als bisher eingeengt wird, dann werden die Muslime nicht alles über sich ergehen lassen, nur weil es die Rechtspopulisten so haben wollen.

derStandard.at: Was würden Sie dagegen unternehmen?

Maizar: Wir würden uns im Rahmen der Möglichkeiten, auch in juristischer Form, dagegen wehren. Das Land hat Gott sei Dank noch ein funktionierendes Justizsystem. Es geht hier um eine existenzielle Freiheitsfrage. Der Grundsatz der Freiheit des einen ist nicht die Gefährdung der Freiheit des anderen. Das ist international bekannt und anerkannt. Deshalb sollte man sich als Minorität nicht unter die Walze der Majorität legen, sondern sich selbst auch wahrnehmen können. 

derStandard.at: Für Sie war das also noch nicht das Ende des Baus von Minaretten in der Schweiz?

Maizar: Oh nein. Wir werden dafür sorgen, dass die Religionsfreiheit in diesem Land aufrecht erhalten bleibt. Minarette sind für uns aber nicht primär. Wir haben schließlich nicht die Initiative für Minaretten-Bau lanciert, sondern die anderen dagegen. Dabei gab es aber wegen der vier Minarettchen eine ziemliche Übertreibung. Ich glaube, hier ist die Verhältnismäßigkeit weit weit überschritten.

derStandard.at: Wie erklären Sie sich diese doch beachtlichen 57,5 Prozent für das Minarett-Verbot?

Maizar: Es ist nicht nur die Angst vor dem Islam allein. Es handelt sich um ein Gemisch aus Ängsten, das von SVP und EDU gebraut wurde. Beide haben schon vor einigen Jahren gegen den Islam kampagnisiert und damit konnten sie bei den Wählern punkten. Es hat auch ein Plakat der SVP gegeben, das suggeriert, dass alle Frauen in der Schweiz in der Zukunft Burka tragen würden. Die aktuelle Libyen-Frage hat auch sicher eine Rolle gespielt.

derStandard.at: Das Ergebnis liegt nun dennoch auf dem Tisch. Sehen Sie es auch als Auftrag an die islamische Gemeinde?

Maizar: Ganz sicher. Wir haben als islamische Gemeinschaft auch noch zu lernen. Besonders in der Auseinandersetzung mit etablierten Parteien und Rechtspopulisten fehlt es uns an Erfahrung. Wir hatten vor der Abstimmung über die Minarette einen schweizweiten Tag der offenen Tür. Hier waren Echo und Resonanz sehr gut. Hier hat man deutlich gespürt, dass es gut wäre, wenn man mehr über die Muslime wüsste. Es ist also für uns ein Auftrag mehr sachliche Information über den Islam zu bieten und uns weiterhin für die Grundsätze des interreligiösen Dialogs und der Transparenz einzusetzen.

Mitunter wäre eigentlich das Bauen von Minaretten ein Transparenz-Zeichen, weil man mit dem Verbot die Muslime in Barracken und Hinterhöfe verdrängt. Man erfährt dann nicht, mit man es zu tun hat. Damit arbeitet man eigentlich in die Hände der Fundamentalisten.

derStandard.at: Von den Minarett-Gegnern kommt immer wieder das Argument, dass es in den meisten islamischen Ländern nicht erlaubt ist Kirchen geschweige denn Kirchtürme zu errichten. Was sagen Sie dazu?

Maizar: Man behandelt Unrecht nicht mit Unrecht. Wenn es im fremden Land als Unrecht angeprangert wird, dann sollte man es im eigenen nicht genauso machen. Diese Symmetrie des Unrechts darf man nicht in Betracht ziehen.

Das Minarett-Verbot hat den bedürftigen Minderheiten in islamischen Ländern überhaupt keinen Dienst erwiesen. Im Gegenteil: Die anderen werden dort jetzt noch ärger vorgehen, mit der Begründung, dass man im Land der Demokratie nicht auf die Grundrechte schaut, warum sollten wir es also tun. Deshalb bedaure ich das Resultat, weil es weder Christen noch anderen einen Dienst erwiesen hat. (derStandard.at, 30.11.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 1351
ride my pimp
14.12.2009 09:27

Minarette sind in erster Linie Symbole weltlicher Macht.
Man will schön langsam auch in Mitteleuropa Dominanz zeigen. Beten kann man auch ohne Minarett.

Deshalb haben sich ja Gaddafi und Geschäftsleute so aufgeregt und gedroht, ihr Geld aus der Schweiz abzuziehen. Die Muslime zeigen immer wieder, was sie von demokratischen Strukturen halten. Wenn einmal eine Entscheidung gegen deren Welteroberungsanspruch fällt, sind sie gleich pikiert.


below the line
04.12.2009 12:28
onduras
04.12.2009 10:29

die frage die sich stellt , würde die welt ohne dem islam bedeutend besser sein, ich kenne die antwort, sie auch?

rae spiegel
 
31.12.2009 19:04
wenn man ein einfaches weltbild hat, ja dann ist die antwort leicht...

das Signal
 
07.12.2009 23:43

ja

Hans Muster2
03.12.2009 18:38
Das Problem

Genau solche Äusserungen und Drohungen in der Vergangenheit haben zu dieser Volksabstimmung und dem entsprechenden Ergebniss geführt.

Sägnüt
 
02.12.2009 18:56
Der Mann übertreibt - Das Minarettverbot verbietet nicht den Bau von Moscheen, daher bedeutet es auch nicht eine Abdrängung von Moslems in Baracken und Hinterhöfe.

Da sich der Mann im Interview ansonsten eher zurückhaltend gibt, ist diese hetzerische Aussage schon sehr auffällig.
Es stört auch, dass auch dieser Herr im Minarettverbot eine Einschränkung der Religionsfreiheit sieht, ich erkenne hier eher eine unsachliche Einschränkung der kantonalen Souveränitäten im Baurecht.
Gerade durch seine Stellung könnte er als Schweizer Bürger den unterdrückerischen islamischen Ländern vermitteln, dass Moslems in der Schweiz Glaubensfreiheit genießen, gerade er scheint aber das "Unrecht Minarettverbot" als Vorwand zu nehmen, dies nicht tun zu können und sich zurücklehnen zu müssen, um den Fundamentalisten die Aufklärungsarbeit zu überlassen. Aber wenn's der Sache nützt...

Let's agree not to agree
02.12.2009 18:42
An alle Moslems

die ihren Glauben besonders ernst nehmen: aller Wahrscheinlichleit nach litt Mohammed an Epilepsie.

Den Verdacht einer psychischen Krankheit hatte bereits seine Frau.
Mohammed war dies verständlicherweise peinlich, also gab er vor, die Anfälle seien Offenbarungen Gottes, überbracht durch den Erzengel Gabriel.

http://en.wikipedia.org/wiki/Crit... f_Muhammad

Naschgul
03.12.2009 11:22

Epilepsie ist keine psychische Krankheit und macht auch nicht unzurechnungsfähig. Informieren Sie sich gefälligst, bevor Sie solchen Blödsinn posten.

hansb
03.12.2009 09:07

Bist Du das WINTER ???

Pracesi
 
02.12.2009 17:27

Das sind die Zustände die die Schweizer (zumindest an die 60%) nicht wollen, neben dem schleichend zunehmenden politischen Einfluss des Islam in Europa.

http://www.faz.net/s/RubCF3A... ntent.html

Dr. Seltsam
 
02.12.2009 13:12

Maizar hat vollkommen recht, wenn er Minarette eher als Zeichen der Transparenz sieht. Moscheen, die als solche zu erkennen sind, sind ein öffentlicher Raum. Damit findet die islamische Religionsausübung nicht mehr in Hinerhöfen und Kellern im Geheimen, sondern im öffentliche Raum statt.
Die Bevölkerung kann so viel leichter die Ansichten des islamischen Mainstream verfolgen und Radikale haben es deutlich schwerer.
Wir brauchen:
*)Moscheen, in denen in Deutsch gepredigt und gebetet wird
*)Studien der islamischen Theologie auf unseren Unis in Deutsch
*)Eine klare Abgrenzung des islamischen Mainstream von radikalen Ansichten

ride my pimp
14.12.2009 09:30

Wer ist "wir"?
Ich brauche keine Minarette und um zu erkennen, dass der Islam im machtpolitischen Aufwind ist in Mitteleuropa, dazu brauche ich kein Minarett.
Das sieht man ja an den Kniefällen, die vor der Kirche schon lange nicht mehr so devot ausfallen wie vor den Muslimen.

OfficerX
02.12.2009 11:39
Frage der Ästhetik

Minarette im osmanischen oder arabischen Baustil passen nicht in das traditionelle Ortsbild einer mitteleuropäischen Stadt.
Sie stellen vielmehr einen krassen Stilbruch dar, wie so manche andere Bauwerke auch!

Unzeit-gemäß
02.12.2009 11:26
"Den" Islam gibt es genauso wenig wie "das" Christentum.

Religionen sind nicht zeitlos bestimmt durch ihre heiligen Schriften, sondern unterliegen massiven Veränderungen und Umformungen: je nach Epoche, Land und Machtverältnissen wird neu entschieden, welche Textpassagen wörtlich zu nehmen und vorrangig sind, und welche interpretionsbedürftig oder nachrangig sind.

Die Texte des Judentums, des Christentums und des Islam hist. sind eng verwandt, stammen alle aus einer zutiefst archaischen und patriarchalen Welt und enthalten alle drei auch grausamste Strafhinweise für die lächerlichsten "Vergehen".

Ob und inwieweit diese barbarischen Vorschriften wörtlich exekutiert wurden, war bei allen drei Religionen je nach historischem und sozialem sehr unterschiedlich.

skip it
04.12.2009 12:53
im gegensatz zu den meisten anderen religionen...

...deponiert der islam neuerdings einen dezidierten rechts- und damit politischen anspruch, der ihm, wie allen anderen religionen, in einer saekularen republik absolut nicht zusteht.

minarett-diskussionen sind nur nebelgranaten: wie ich woanders erwaehnte: man baue minarette hier wie kirchentuerme und setze einen halbmond drauf und man baue in den islamischen laendern kirchtuerme wie minarette und setze ein kreuz darauf.

separation of form and function. WO ist das problem?

das problem ist: ICH WILL dass mein minarett aussieht wie daheim, auf das ortsbild und evtl. die bauordnung wird gehustet, ICH WILL meinen willen durchsetzen. das minarett DARF nícht anders aussehen. ICH WILL meine symbolik etablieren.

planck
02.12.2009 14:55
mag sein

nur befindet sich der Islam heute in einem Stadium wie der Katholizismus im Mittelalter.

Und noch was: das Christentum bezieht sich auf das neue Testament - und daraus lassen sich intolerante Verhaltensweisen schwerlich ableiten, im Gegensatz zum Koran und zum alten Testament.

Unzeit-gemäß
02.12.2009 15:57

Das Christentum bezieht sich auf Altes UND Neues Testament, beides zusammen bildet ja die Bibel. Das Alte Testament ist erst in jüngster Zeit etwas aus der Mode gekommen (zuviel Gewalt und so).

Das ist ja das praktische an religiösen Büchern: Sie speisen sich aus unterschiedlichsten Quellen, sind in sich widersprüchlich, und je nach Geschmack kann man dieses oder jenes Zitat herauspicken. Im Koran steht auch irgendwo "Es darf keinen Zwang im Glauben geben." In Al-Andalus wurde dieses Prinzip hochgehalten, in Saudi-Arabien eher weginterpretiert.

kritischesauge
02.12.2009 19:59

Ich bin zwar Agnostiker, doch die Message des Messias ist nun mal das Neue Testament (!), das Alte Testament sind ja quasi nur die Vorgeschichte.
Ja, es wurde im Namen jeder Religion Sch** gebaut, aber man braucht nicht political correctness heucheln, indem ein verwirrter, jedoch nächstenliebender Zimmermann mit einem Feldherrn und Eroberer gleichgestellt wird.

Und sogar im ach so toleranten Al-Andalus hat es 1011 und 1066 Pogrome gegeben.

planck
02.12.2009 16:09
das Christentum bezieht sich auf die Lehre von Jesus Christus

(die aus dem Judentum hervorgegangen ist) - und ist teilweise im Widerspruch zum alten Testament - gerade in Sachen Toleranz gegenüber Andersgläubigen, Randgruppen der Gesellschaft usw.

PS.: nicht Lehre Jesu mit den Standpunkten der katholischen Kirche gleichsetzen.

Meine Wenigkeit mit viel Senf
02.12.2009 07:28
Jetzt ist's raus...

Die Schweizer haben also gegen Libyen gestimmt wegen der Gaddafi-Geschichten.

In Libyen herrscht aber Religionsfreiheit. Dort werden Kirchen gebaut, auch mit Kirchturm, Synagogen, Tempel, und zwar sogar mit finanzieller Unterstützung durch den Staat. Die Schweizer haben's also geschafft, zumindest in einem Punkt das totalitäre Regime zu übertreffen, gegen das sie eigentlich stimmen wollte!

Manchmal denke ich, die Demokratie sollte abgeschafft werden, weil die Mehrheit der Bevölkerung ohnehin zu dumm dafür ist.

(Es ist ja schon schlimm genug, dass in Ö. zur Erlangung der Staatsbürgerschaft eine Prüfung notwendig ist, bei der die Ausländer Fragen beantworten müssen, die die meisten Österreicher nicht beantworten könnten.)

ride my pimp
14.12.2009 09:32

Das kommt mir aber etwas übertrieben vor, dass Gaddafi ach so liberal sei und die Schweiz ach so fundamentalistisch.
Das aus einer Abstimmung gegen Minarette, die einfach nicht in den alpinen Raum passen, ableiten zu wollen, finde ich sogar weit übertrieben.
Wer ist denn liberaler als die Willensnation Schweiz, die sich aus verschiedensten Nationalitäten bildet? Österreich mit Sicherheit nicht.

33O1
01.12.2009 23:54

christen würden sich über so eine "diskriminierung" wohl lachen :
http://tinyurl.com/ycjgumo

H. C. Schnackerl
02.12.2009 08:31

diese argumentation kennt man 1:1 von der gegenseite: man sucht sich nach belieben den symbolcharakter aus und kommt zum schluss "brauchen wir hier nicht".

Jenna Jameson
01.12.2009 23:35
Ein Minarett ist kein Symbol für Toleranz und Religionsfreiheit

sondern z.b. für die Unterdrückung der Frau. So etwas brauchen wir in Europa nicht.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 1351

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.