Gesellschaftsentwicklung

Sorge um die österreichische Seele

29. November 2009, 19:27
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    foto: standard/christian fischer

    Stärke, Elitenbildung und Individualisierung: Charaktermerkmale der Gesellschaft, die der Präsidentin der österreichischen Psychotherapeuten, Eva Mückstein, Sorgen bereiten

Umgang mit Schwachen ist Grad­messer für den Zivilisations­grad einer Gesellschaft - Therapeuten beobachten Verrohung der Österreicher

15 Jahre, nachdem Österreichs "Seelendoktor" Erwin Ringel starb, melden sich jetzt seine Nachfolger mit einer ersten Warnung vor einer "Verrohung der Gesellschaft" zu Wort - Von Walter Müller

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Wien - Eva Mückstein zeigt sich besorgt, besorgt um den Zustand der "österreichischen Seele". Mückstein ist Präsidentin der rund 2800 Psychotherapeuten Österreichs, deren Bundesverband kürzlich - höchst ungewöhnlich für die kaum an die Öffentlichkeit tretende Berufsgruppe - eindringlich vor einer, auch politischen, "Verrohung der Gesellschaft" warnte. "Unsere Besorgnis geht über den aktuellen Fall der Flüchtlingsfamilie Zogaj hinaus", sagt die führende Psychotherapeutin im Gespräch mit dem Standard.

Wir verraten wichtige Aspekte des Menschseins

Mückstein: "Wir beobachten seit längerem einen Verlust an Mitmenschlichkeit, die Verweigerung des Mitgefühls. Wir verraten und leugnen damit wichtige Aspekte des Menschseins. Der Umgang mit den Schwachen ist ja ein Gradmesser für den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft. Im aktuellen Fall der Familie Zogaj zeigt sich diese Verrohung, wenn die Asyl- und Fremdenrechtsgesetze nicht nur die grundlegenden Kinder- und Menschenrechte, sondern schlicht auch die Menschlichkeit aussetzen. Österreich hat damit eine ethisch äußerst bedenkliche Haltung eingenommen."

"Alarmierenden Entwicklung" kann klar datiert werden

Der Beginn dieser "alarmierenden Entwicklung" lasse sich recht klar datieren. Mückstein: "Der Neoliberalismus brachte eine bestimmte Psychodynamik des Kollektivs hervor: Es werden Eliten und Individualisierung gefördert, jeder ist nur noch für sich selbst verantwortlich. Die Folge der zunehmenden Individualisierung ist ein kollektiver Verrohungsprozess, der alles abspaltet und verachtet, was schwach macht. Dieser Prozess geht auch mit einem Werteverlust einher." Mückstein macht dafür auch die heimische Politik verantwortlich. Die Psychotherapie-Präsidentin: "Es ist ein Unterschied, ob man den Verteilungskampf anheizt oder ob man den Menschen sagt, dass wir auch teilen und ein Miteinander leben können."

Irrationale Angst

Was die Psychotherapie auch registriere, sei Angst, irrationale Angst, die auch von der regierenden Politik produziert werde. Mückstein: "Wenn Angst die Herzen regiert, dann ist die Gegenwartslogik ausgesetzt. Wir alle wissen, dass Österreich zur Aufrechterhaltung sämtlicher gesellschaftlicher Strukturen Zuwanderung braucht, aber wir wissen auch, wie wenig dieses Argument durchdringt. Die Ursache liegt in dieser Angstmacherei. Die Kräfte, die sich dagegenstellen, sind leider in der Minderheit und leise."

Nur Stärke ist gefragt

Die große Mehrheit habe sich mit diesem System identifiziert, das auf Stärke und Individualisierung ausgerichtet sei. Dies, obwohl viele zugleich Opfer des Systems, Verlierer seien und darunter leiden. Mückstein: "Das, was man bei sich selbst am meisten fürchtet, weil es schwächt und beschämend ist, wird nun auf andere projiziert und im anderen verdammt: Ohnmacht, ausgegrenzt sein, mittellos sein, diskriminiert, fremd sein. Gleichgültigkeit, Verachtung und Hass gegenüber den Schwächsten in der Gesellschaft sind die Folge."

"Gefährliche Täter-Opfer-Umkehr"

In der psychotherapeutischen Interpretation komme es zu einer "gefährlichen Täter-Opfer-Umkehr". Natürlich spiele hier auch die spezifische NS-Geschichte Österreichs herein. Mückstein: "Letztlich will sich die österreichische Seele mit der Unklarheit, ob man selbst Opfer oder Täter ist, nicht mehr auseinandersetzen. Daher ist es am besten, die eigentlichen Opfer überhaupt möglichst vollständig aus dem eigenen Blickwinkel zu verbannen."

Sie sehe kaum Anzeichen einer "humanistischen" Trendwende. Die Psychotherapeutin: "Die Studentenproteste sind da vielleicht ein kleiner Lichtblick." (Walter Müller, DER STANDARD Printausgabe 30.11.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 266
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Savety
00
14.12.2009, 00:08

Nicht die Gesellschaft verroht, sondern sie zeigt nur deutlicher wie verdorben sie tatsächlich ist.

Dein schönster Traum
00
13.12.2009, 22:52
Ach Du liebe Zeit...

...jetzt wird schon wieder das Wattebäuschchenland gefordert, wo alles den Bach runtergeht, weil niemand in die Hände spuckt?

Wohin diese Weicheierideologie (Sozialismus und ähnlicher Unfug) führt, das sieht man eh im ehemaligen Ostblock, wo ständig Versorgungskrisen waren.

In die Hände spucken! So geht das! Nicht herumeiern und sich im Selbstmitleid winden.

Dann würde auch diese eingebildete Seuche "Depression" aufhören, das sind Neurosen, die aus chronischer Langweile heraus entstehen.

springflower
01
9.12.2009, 13:14
Ein Verrohung der Gesellschaft stelle auch ich

an zahlreichen Indikatoren fest. Sehr deutlich wird der Werteverlust- und wandel an einer Werbung, die
jeder kennt: Geiz ist geil! Die Werbung vermittelt mehr und mehr Werte als "erstrebenswert", die früher als verachtenswert galten. Ich erlebe in meinem Wohnumfeld Menschen, die sich egoistisch verhalten und selbst bei berechtigter Kritik nur mit Gleichgültigkeit und Spott reagieren. Ein Mangel an Solidarität fällt mir vor allem im Berufsumfeld auf. Alles in allem eine sehr negative Entwicklung, der man gegensteuern müsste.

Nirvanacharly
 
01
9.12.2009, 10:59
der Aufruf der Frau Mückstein

ist inhaltlich vollkommen richtig, das Wie ist nicht wirklich glücklich, sie erweist sich selbst einen Schierlingsdienst wenn sie Frau Zogaj, die NS-Zeit und die Studententhematik, instrumentalisiert. Es gibt wesentlich allgemeinere Fälle um das Thema zu erörtern.

Murmilo
20
4.12.2009, 22:17
Armes blödes Schaf :o)

Armes Würschtl
00
6.12.2009, 09:43
Sonst geht's Ihnen gut?

Plabutsch
22
3.12.2009, 02:08
Gratulation

Schön, dass sich die Psychotherapie wieder gesellschaftspolitisch für die Menschen äußert und einsetzt.

Danke, Frau Mückstein !

A Voice
12
2.12.2009, 15:34
Scheint leider

zu stimmen. Man merkt es bei vielen Themen :-(

E. Pagliacchi
01
1.12.2009, 13:30

Wenn d. Egoismus mit dem Aufstieg des Neoliberalismus datiert wird, ist das undifferenziert. Denn dabei wird nicht zw Liberalismus als solchem u.d. Emotionen ggü diesem unterschieden. Gerade von PT erwarte ich, dass sie zw Realität u. Emotion unterscheiden kann. Letztere hängt wesentlich davon ab, wie L. vermittelt wird: abwertend und denunzierend. Er muss als Sündenbock für alles herhalten. Die PT konstruiert dieses populistische Feindbild mit!

Als Ethiken (und emotional besetzte Wertsysteme) findet der Liberalismus einerseits die Abwehrhaltungen des Sozialismus vor (Einfordern staatlicher Rundumfürsorge) und andererseits aggressiven oder ängstlichen Sozialdarwinismus (Erwartung des Kampfes aller gg alle). Beides sind untaugliche Ethiken.

Armes Würschtl
00
6.12.2009, 09:47

Und wie erklären Sie sich die "Working poor" und "Mc Jobs" im Mutterland des Neoliberalismus?
Und wieso tauchen diese Phänomene genau dort auf, wo versucht wird, Liberalismus und "Globalisierung" durchzusetzen???

Ich denke, da fehlt dem Liberalismus eine ethische Komponente, oder?

E. Pagliacchi
00
7.12.2009, 17:17

Der Kapitalismus an sich hat keine Ethik - weder eine gute noch eine schlechte. Er will immer nur Profitmaximierung. Aber es bilden sich verschiedene Phänomene heraus, je nachdem, in welchem rechtlichen Rahmen er eingefügt ist und welches Ethos die handelnden Wirtschaftssubjekte haben. Der Kapitalismus macht keine ethischen "Vorschriften" - im Gegensatz zum Sozialismus. Ein Kapitalist muss nicht Smith, Keynes, Schumpeter, Mises oder Hayek gelesen haben. Im Unterschied dazu fühlt sich ein Sozialist doch immer Marx und dem Ethos der Marxisten verpflichtet.

E. Pagliacchi
01
1.12.2009, 11:30

Kritiker (wie offenbar die PT) und Befürworter des Liberalismus haben oft noch eine solzialdarwinistische Vorstellung von Evolution. Zu Darwins Zeiten wurde Evolution noch als reißende Bestie beschrieben. "The Survival of the Fittest" wurde selten richtig ins Deutsche übersetzt, der "Kampf ums Dasein" wurde wortwörtlich als ein faktischer Kampf auf Leben und Tod verstanden. Bis heute ist diese Vorstellung zwar sehr populär, aber mittlerweile überholt. -> Biologie

Auf Basis dieser Vorstellung meint man nun, man könne der kapitalistischen Welt vermeintlich nur mit Egoismus und Aggressivität beikommen, wolle man "überleben".

Lorelei Sonnenschein
23
30.11.2009, 16:30
Sorge um die österreichische Seele

...ich finde den Artikel sehr treffend. Die "Verrohung" ist aber sicher nicht nur ein österreichisches Problem/Phänomen. Dieses erstreckt sich über die gesamte "erste" Welt!

Bzgl. Mitgefühl, glaube ich, dass dieses schon lange vorher abtrainiert bzw. verloren gegangen ist...

peter kadlec
34
1.12.2009, 19:04
"Verrohung" ..... Dieses erstreckt sich über die gesamte "erste" Welt!

und afrika, asien, lateinamerika, also die "zweite" und "dritte welt" sind orte des friedens, des mitgefühl und der nächstenliebe. Ihnen (und der artikel-verfasserin) wünsche ich mal ein jahr in bogota oder lagos, dann reden wir weiter über die bösen, verrohten, gefühllosen österreicher.

Lorelei Sonnenschein
00
23.12.2009, 17:04
@peter kadlec

...nein, aber in Dakar und Serekunda...im Westen...obwohl dort die meisten sehr viel weniger besitzen als bei uns der Grossteil...sehr sozial...es werden sogar Fremde von der Strasse aufgesammelt, mit nach hause genommen und durchgefüttert...und keinerlei Rassismus meiner Person gegenüber, obwohl die Franzosen und Briten, ca 400 Jahre lang, sich alles andere als vorbildlich verhalten haben....

alois8891
00
9.12.2009, 22:31
hui

da fühlt sich aber einer in seiner "österreicher"-ehre gekränkt. nur nix gegen die österreicher sagen, denn woanders sind sie noch viel schlimmer, gell?

Plabutsch
21
3.12.2009, 02:13
bogota oder lagos

Die Verhältnisse dort sind etwa keine Folgen des europäischen und US-amerikanischen Kolonialismus ?

Agena
21
2.12.2009, 14:22

Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf, wie dieser Kommentar bestätigt.

Blogger007
18
30.11.2009, 15:42
Wettbewerbsgesellschaft

Neoliberalismus+Kapitalismus führt zur Wettbewerbsgesellschaft.
Dies führt zu Egoismus und Überlebenskampf.
Wenn man dagegensteuern will muß man wieder mehr umverteilen und das soziale Netz wieder dichter knüpfen.
Sonst rennt jeder nur um sein Leiberl.
Somit ist die Politik gefordert hier neue Rahmenbedingungen zu schaffen.
Anders wird es nicht gehen.

wolfgang rosar
 
20
30.11.2009, 15:41

die sogenannte natur ist kaltblütig grausam, auch die natur des menschen, die aber einen ebenso natürlichen protest gegen diese grausamkeit entwickelt hat. das ist ein hinweis auf eine sozusagen dialektische revolution der evolution, wenn man so will. ihre weiterenwicklung hängt davon ab, wie toleranz gegenüber intoleranz praktiziert werden kann. wenn man regressive evolution vermeiden will, müssen alle verfügbaren potentiale zur lösung dieses problems aktiviert werden. sonst führt die aktuelle brutalisierungswelle wie bisher immer zum grossen (selbst-) mord. etwas neueres wäre wahrlich nicht uninteressant.

Reaction Path
10
30.11.2009, 15:41
sorry aber

so bedrückend die Verrohung der Gesellschaft auch ist, aber es liegt kaum in der Kompetenz der PT, über eine "österreichische Seele" zu reden. Was soll diese kollektive Seele genau sein? Dazu müsste es ja auch kollektives Unterbewusstsein, Ich und Überich geben, um das ganze überhaupt mit den Konzepten der PT anzugehen. Das scheint mir sehr fraglich. Wie eine kollektive PT auszusehen hat, ist mir auch schleierhaf.
Das ganze wird dann schön garniert mit dem Kampfbegriff "Neoliberalismus", von dem auch keiner so genau weiss, was er ist. Hinzukommt ein ausserordentliches schwarz/weiss-Denken. Das herausbilden von Eliten als solches ist weder Zeichen für Verrohung, noch prinzipiell schlecht. Wie sich diese sog. Eliten verhalten ist entscheident

silentium*
00
3.12.2009, 10:30
es liegt kaum in der kompetenz...

sehe ich genau so.
E. Ringel war in erster Linie FA f. Psychiatrie, Neurologie u. Suizidforscher, mit anderen Worten, ein erfahrener Mediziner.
Psychotherapie alleine, ist mir persönlich, zu suspekt.

Sein Buch, "die österreichische Seele", wie unten schon erwähnt, ist sehr aufschlußreich, besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Gegenüberstellung mit Italienern, das Verhalten das wir Erwachsene gegenüber unseren Kindern an den Tag legen. Ringel urlaubte desöfteren in Italien...

Plabutsch
00
3.12.2009, 16:56
E. Ringel war in erster Linie FA f. Psychiatrie, Neurologie u. Suizidforscher, mit anderen Worten, ein erfahrener Mediziner. Psychotherapie alleine, ist mir persönlich zu suspekt.

Ringel war meines Wissens auch "Adlerianer" (Individualpsychologie).

Warum Ihnen eine insgesamt ca. 7-jährige Psychotherapie-Ausbildung (zB. + 5 jähriges Psychologiestudium vorher) + Berufserfahrung "zu suspekt" für Beobachtung gesellschaftlicher Entwicklungen sind, bleibt Ihnen überlassen. Mediziner haben heutzutage in Ausbildung und Beruf normalerweise viel weniger Zeit, sich intensiv mit dem Seelenleben von Patienten zu befassen.

Nirvanacharly
 
00
10.4.2010, 08:53
na geh,

manche behaupten aber Ringl war als Psychologe und Psychotherapeut tätig ohne die Profession mit zu bringen. Er war Mediziner, was nichts mit dem Fach zu tun hat und hatte nie eine selbsterfahrende Lehrtherapie absolviert, in Summe war er mehr schrullig als Kompetent und dabei ein guter Autor ob er den Rollstuhl wirklich gebraucht hat ist zu bezweifeln.

silentium*
00
3.12.2009, 19:54

die psychotherapieausbildung ist ebenso für quereinsteiger offen, z.b. ehemalige lehrer usw. daher für mich suspekt.
klinischen psychologen/innen wird der zutritt in diesen, pardon, "elitären verein" eher erschwert.

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