Der Fall Zogaj und der kurze Atem der Politik

29. November 2009, 19:03

62 Prozent der Kinder aus abgeschobenen Familien besuchen in Serbien nie wieder eine Schule

Die Eltern von Enis, einem jungen Roma aus Serbien, kehrten mit ihrem Sohn von Berlin freiwillig ins Heimatdorf zurück - aus Angst, deportiert zu werden und nie mehr in die EU zurück zu können. Natalijas Eltern taten diesen Schritt nicht. Eines Tages, um sechs Uhr früh, wurden sie abgeholt und per Bahn nach Bujanovac transportiert.

Heute, zwei Jahre später, geht Enis noch immer nicht zur Schule. In Deutschland war er einer der besten seiner Klasse, Serbisch kann er zu wenig, um zugelassen zu werden. Also schupft er Zementsäcke und sehnt sich nach Berlin. Seine Träume sind deutsch.

All das beschreibt Momir Turudic, einer der Preisträger des "Balkan Fellowship for Journalistic Excellence", das von der Wiener Erste Stiftung und der deutschen RobertBosch-Stiftung in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) ins Leben gerufen wurde.

62 Prozent der Kinder aus abgeschobenen Familien besuchen in Serbien nie wieder eine Schule, weil sie ins deutsche Schulsystem integriert waren und ins serbische trotz mancher Hilfestellungen nicht hineinfinden. Laut NGO-Berichten nehmen Selbstmorde unter jungen Serben und Roma dramatisch zu.

Diese Fakten und Schilderungen gemahnen uns an die österreichische Diskussion um die Familie Zogaj. Und speziell an Arigona Zogaj, die vor allem das beherrscht, was man ständig zum Hauptkriterium einer erfolgreichen Integration macht: Gute Sprachkenntnisse. Doch Fremden- und Asylgesetze werden nicht nach den Geboten der Menschlichkeit und der Lebenschancen gestrickt, sondern nach den Chancen der gewählten Politiker und Politikerinnen beim sogenannten "Volk". Die Politik hat einen viel zu kurzen Atem. Ihre Mechanismen taugen wenig, um die Komplexität der Welt zu erfassen.

Eine andere Ähnlichkeit zum Fall Zogaj: Turudic sagt, dass in vielen Fällen, die zu Abschiebungen führen, von den Eltern Fehler gemacht wurden - ihre Kinder sind die Leidtragenden, weil sie im Gastland meist voll integriert waren. Elisabeth Riesel, eine Asyl-Expertin in Berlin, sagt, Beamte und Politiker ignorierten einfach die Auswirkungen von Deportationen auf junge Menschen: "Das sind traumatische, schockierende Einschnitte."

Es gibt keine genauen Zahlen. Aber aus Deutschland sind in den letzten zehn Jahren ca. 25.000 Personen gezwungenermaßen, doppelt so viele freiwillig nach Serbien zurückgekehrt. 70 Prozent sind Roma, die jetzt wieder in desolaten Verhältnissen leben. Hilfe gibt es kaum, weil auch Anreize fehlen, sich anzustrengen.

Mädchen seien oft ambitionierter, schreibt Turudic. Wie Antalija, die auch in der serbischen Schule eine der besten geworden ist. Jetzt denkt sie bereits daran, dereinst Medizin zu studieren.

Leider ist sie eine der wenigen, die kämpfen. Und kämpfen können.

Die Abschiebepraxis - selbst wenn sie liberaler wäre als die momentan geltende - kann natürlich nicht die Zukunft junger Menschen vorausberechnen. Aber man sollte in Zweifelsfällen Psychologen und Pädagogen mitentscheiden lassen.

Das würde dem Recht zu mehr Toleranz verhelfen. (Gerfried Sperl/DER STANDARD-Printausgabe, 30.11.2009)

 

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 126
1 2 3 4
Die Teufelspresse trägt Gummistiefel
 
34
1.12.2009, 18:34
Wenn ich groß werde, werde ich Journalist. Oder Zeitungsverleger. Oder Medieninhaber. Einfach Meinungsmacher.

Denn dann kann ich unsere Welt mitgestalten. Dann kann ich entscheiden, was in die Medien kommt, wovon die Öffentlichkeit erfährt, welche Themen in den Fokus kommen und welche Dinge totgeschwiegen werden.

Dann habe ich Macht. Macht zu entscheiden, was die Menschen bewegt und was keine Chance bekommen soll, die Menschen zu bewegen. Dass ich mich selbst verkaufen muss an die Mächtigen, an die Anzeigenzahler, an die Geldgeber, an deren Strippen ich tanze – egal. Immerhin bekomme ich einen Presseausweis mit vielen Annehmlichkeiten.

Und das gute Gefühl, dass eine Initiative durch mich viele oder wenig Chancen bekommt.

REHLEIN STATT STUR SEIN.
www.agenda2020.at/a20_migulist/

Wieviel Rückgrat hält ein Meinungsmacher aus?

Genowo
00
6.12.2009, 09:29
Die Petition an den Bundespräsidenten zum Fall Arigona Zogaij

wurde bereits von 8390 Menschen unterzeichnet und stündlich werden es mehr.
Unterzeichnen auf

http://www.agenda2020.at/a20_migul... /index.php

Irgendwann können die Mendien diese Petition nicht mehr totschweigen.

Frank'n'furter ät www.agenda2020.at
11
2.12.2009, 00:26
klabautermann24
00
18.12.2009, 17:32
ein Wurm fehlt in dem Wiki

der gewöhnliche Medienwurm...

Genowo
00
6.12.2009, 09:30
Bist du ein Wurm oder sonst ein Kriechtier?

Friedrich Gruber
11
30.11.2009, 17:50
Die Zogaj Arigoina kommt jetzt als Chefsekretärin auch zur Linz AG.

Hubert Ungeist
 
53
1.12.2009, 17:14
Wäre eine legale Möglichkeit..

jemand gibt ihr einen Job mit 2500 Euro monatlich - und schon kann SIe dableiben als Schlüsselarbeitskraft.

Warum das keine NGO, oder eine der zahlreichen Berufsempörer macht? Ganz einfahc zahlen solls der Staat

Kontrollkästchen
01
1.12.2009, 19:00

durch die asylrechtliche ausweisung hat sie aber eine 12/18monatige sperre für einen aufenthaltstitel.

Ammit
02
30.11.2009, 16:49
...serbisch kann er zu wenig, um zugelassen zu werden...

...wenn man für das österreichische bildungswesen keine lösungen findet, sollte man über die grenzen blicken...

Michael Wagner8
58
30.11.2009, 16:17
am fall arigona sieht man wie krank unser system inkl. so manche poliker ist. kinder /junge menschen, die praktisch ihre gesamte schulausbildung in diesen bekommen haben,

die hier aufgewachsen sind, die nicht nur akzentfrei sondern dialekt sprechen, menschen in die der staat bereits geld investiert hat, menschen welche für das land kaptital sind, menschen die zu 100% integriert sind und alle bedingungen erfüllen (mehr noch als so mancher österreicher) sollen in ein land abgeschoben werden innerhalb des europäischen kontinents? in ein land das praktisch umkreist ist von eu mitgliedstaaten (bzw. praktisch fixe mitgliedstaaten wie koratien) in welche man gar nicht mehr abschieben kann weil es gar kein österreich mehr gibt sondern nur mehr ein europa?

Wenn Österreich 10 jahre braucht bis abgeschoben wird - dann ist das die 100% ursache für die tragik dieser fälle und auch traurig fürs land!

Hans Klade2
01
30.11.2009, 17:39

Der Fall Arigona wird herumgereicht wie eine heiße Kartoffel. Keine Partei und kein Politiker hat soviel Zivilcourage, hier endlich eine menschliche Lösung für dieses Mädchen und ihre Mutter zu finden. Es ist nicht Schuld von Arigona, dass sie nach Österreich gekommen ist, sie war damals ein kleines Mädchen. Es ist nicht ihre Schuld , dass die Verfahren so lange dauern, dass inzwischen Österreich zu ihrer Heimat geworden ist. Es wurden ihr und ihrer Mutter soviele Hoffnungen von verschiedenen Parteien und Organisationen gemacht,dass sie hier bleiben kann. Und nun soll keine menschliche Lösung für Arigona mögich sein. Was ist das für ein armseligen Land, was sind das für armselige Politiker, die zu feige sind menschlich zu handeln.

W.Hammerl
39
30.11.2009, 17:29

Sie vergessen aber, dass es meist nicht an Österreich sondern an den Einwanderungswilligen und den diese unterstützenden NGOs liegt, wenn es solange dauert, da immer wieder neue Eingaben gemacht werden. Arigona könnte schon seit vielen Jahren wieder in ihrer Heimat sein, wenn man sie sofort nach dem ersten negativen Bescheid abgeschoben hätte.

Genowo
00
6.12.2009, 09:34
Also wer sich rechtsstaatlicher Mittel bedient ist selber Schuld?

Wie krank sind Sie eigentlich?

Michael Wagner8
11
30.11.2009, 17:40
mal zur richtigstellung!

1. alles was für einen asylantrag gegeben sein muss, ist dass man im herkunfstland poltitsch oder religiös verfolgt sein muss.
Daher
- die überprüfung solcher fakten kann maximal minuten dauern, sicher nicht nicht stunden oder tage, wochen, monate noch jahre.
2. haben bereits hochrangige beamte des OGHs bereits sich dazu bekannt, dass asylverfahrenansaträge bei uns viel zu lange brauchen um zu einen bescheid zu kommen, eine abwickeln innerhalb weniger monate (wie in vielen anderen ländern auch) ist ohne weiteres möglich.
Ein von ihnen angesprochene verzögerung durch NGOs etc.. könnte dann auch nur maximal eine verschiebung von monaten und nicht von Jahren oder wie in diesen fall 10 jahre erwirken.

hast1
23
30.11.2009, 22:02

der vater der familie zogai hatte schon vor der einreise von arigona einen negativen bescheid!

wieso kommt der rest der familie trotzdem nach österreich?

mai 2001 - herr zogaj "flüchtet" nach ö.
mai 2002 - asylantrag abgelehnt
sept. 2002 - die restliche familie kommt nach ö. und stellt ebenfalls einen asylantrag
nov. 2002 - asylantrag abgelehnt
feb. 2003 - frau zogaj stellt einen 2. asylantrag
dez. 2003 - der verfassungsgerichtshof lehnt eine asylbeschwerde ab
mai 2004 - Die Sicherheitsdirektion Oberösterreich bestätigt die Ausweisung. Familie Zogaj legt beim Verwaltungsgerichtshof Beschwerde gegen die Entscheidung ein.
März 2005 - die Beschwerde wird abgelehnt
...


Kritifaxe
11
1.12.2009, 07:17
wieso kommt der rest der familie trotzdem nach österreich?

weil sie um Asyl ansuchte

Hubert Ungeist
 
13
1.12.2009, 10:13
Wohl wissend

das das nicht zutrifft.

Kritifaxe
10
1.12.2009, 14:19

na, nix wohl wissend
es ist auch nicht so, daß jeder positiv beschiedene Asylant wohl weis daß er sein Verfahren besteht

Hubert Ungeist
 
12
2.12.2009, 05:35
D-h.- es wird ihm/ihr der Bescheid nicht erklärt?

Wieso aber, wenn >Herr Z. glaubte das es positiv war, hat er dann illegal per Schlepper die Familie nachgeholt? Legal per Bahn wäre ja viel billiger gewesen.

die naive
12
30.11.2009, 17:16

Als ich Kind mit meinen Eltern nach Österreich kam dachte ich, dass wir übersiedeln. Nun weiß ich, dass ich "deportiert" wurde..........

Ammit
21
30.11.2009, 17:14
...lesen sie ihr post morgen in ruhe durch...

...und sie werden erkennen können, dass ein längerer aufenthalt am punschstandel fatale folgen haben kann...

hexe caracas
02
30.11.2009, 15:29
Arigona hat ihre Ausbildung hier bekommen

(sie lernt Friseuerin, oder?)
sie muss nicht mehr in die Schule
in anderen Fällen sollte man rasch entscheiden, damit die Kinder solchen Situationen nicht mehr ausgesetzt werden...

Mann40
15
30.11.2009, 14:03

"von den Eltern Fehler gemacht wurden - ihre Kinder sind die Leidtragenden, weil sie im Gastland meist voll integriert waren"

sehr richtig, daher muss, bevor die Kinder die Leidtragenden sind und dies eben nicht passiert, der/das Asylbescheid/-urteil sehr rasch erstellt werden.




hast1
01
30.11.2009, 22:05

hier ein link zur chronologie des falls:
http://diepresse.com/home/pano... nk=&popup=

der negative bescheid war schon vor der einreise von arigona ausgestellt.

viel schneller gehts wohl nicht!

1116er
01
30.11.2009, 13:46
...sondern nach den Chancen der gewählten Politiker und Politikerinnen beim sogenannten "Volk".

ich bin mir nicht ganz sicher, ob mir beim gedanken an die politiker oder an das 'volk' eher das speiben kommt...

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