"Alte Leute sind genauso gefährlich wie Alko-Lenker"

1. Dezember 2009, 17:21
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Besucher des Weihnachtsmarktes am Spittelberg beschweren sich über zu lasche Strafen. Niemand gesteht Alkohol am Steuer, außer die Unfallstatistiken

Angst vor einem Alko-Test hat Stephan aus Penzing keine. Ein verschmitztes Lächeln huscht ihm über sein Gesicht. "Wenn ich ein Problem mit der Polizei kriege, dann nur wegen meiner abgelaufenen Verbandskassette", sagt der 29-Jährige und streift sich mit der Hand durch seine gegelten Haare. Sein Auto lässt er daheim stehen.

Vorweihnachtszeit ist Punschzeit. Hüttengaudi gibt es mitten in der Stadt, die Polizei verstärkt indes die Verkehrskontrollen. Denn Alkohol am Steuer ist nach wie vor eine der Hauptunfallursachen auf Österreichs Straßen. Freitag, 18 Uhr: Am Spittelberg in Wien-Neubau säumen Besucher des Weihnachtsmarktes das Kopfsteinpflaster zwischen Gutenberg- und Stiftgasse.

"Todesstrafe", "alte Leute"

"Leuten, die angesoffen Auto fahren, gehört der Führerschein weggenommen, und zwar für immer", sagt Stephan. In der Runde wird bedächtig genickt. "Das ist das schlimmste, was man machen kann, ich bin für die Todesstrafe", entfährt es daraufhin der blonden Sabine. Sie kommt aus Brunn am Gebirge und hat kein Mitleid mit Alko-Lenkern.

Vor der "Plutzer Hüttn" riecht es nach frischem Orangen-Punsch. Sich angetrunken hinters Steuer zu setzen sei dumm. Darüber sind sie sich einig. "Am ehesten geht das noch bei schizophrenen Menschen. Die können das ja strikt trennen und argumentieren. Ich bin mir sicher, dass wird auch irgendwann vor Gericht durchgehen", legt Stephan nach. Lautes Lachen. Roland, ebenfalls aus Brunn, relativiert umgehend: "Es ist aber schon ein Unterschied ob ich fünf Minuten betrunken in der Pampa fahre, oder eine halbe Stunde in der Stadt." Sabine nippt an ihrem Häferl, richtet sich ihr um die Schulter geschwungenes rosafarbenes Lacoste-Tascherl gerade und versteht die Medienberichterstattung nicht. "Dauernd dreht sich alles nur um Alkohol. Was eher thematisiert gehört, sind die vielen alten Leute im Straßenverkehr. Die sind genauso gefährlich wie Alkolenker. Warum hört man davon nix?", fragt die 26-Jährige.

Turbo-Punsch

Hell erleuchtet ist nicht nur der große Christbaum, sondern auch der "Punsch-Bärli". Dort trinkt man Glühwein mit Apfel-Zimt Geschmack, während die Witwe Bolte mit einer Feuerzangenbowle aufwartet. Im biedermeierlichen Ambiente bieten die Händler ihre Waren feil: Bio-Honig, Schmuck, Holzschnitzereien oder etwa patentierte "Spittelberger Erdäpfelpuffer".

Christoph aus Baden ist 20 Jahre alt, die Zeiten, in denen er "fett aus dem Flex heimgefahren ist", sind für ihn "schon wieder vorbei". Sein Auto parkt in Ottakring. Er habe Glück gehabt, meint er, einer seiner Freunde eher nicht. "Der fuhr im letzten Advent angesoffen von Wien nach Baden. Dann ist ihm mitten auf der Autobahn das Benzin ausgegangen. Er hat am Pannenstreifen geparkt und ist im Auto eingeschlafen. Die Polizei hat ihn dann wenig später geweckt, mit 1,6 Promille", sagt Christoph und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Probeführerscheinbesitzer Roman findet die verschärften Alkohol-Strafen gut, nur "für das Schnellfahren sollten die Kieberer nicht so abkassieren". Mit Punsch betrinkt er sich "nicht so gerne", dann doch "lieber Bier". Seine Freunde stimmen in den Chor ein, haben alle sozial erwünschte Antworten parat. Trinken ja, Autofahren nein. Christoph fährt der Zuckersaft scheinbar nicht schnell genug ins Blut. Er mixt sich inzwischen seine eigene Version von einem Turbo-Punsch, gießt mitgebrachten Rum in sein Häferl.

Brave Wiener

Laut dem Gratisblatt "heute" gibt es am Spittelberg den besten Punsch Wiens. 2,90 Euro kostet er und ist somit billiger als die Konkurrenz am Rathaus oder beim alten AKH. Durchschnittlich 18 Euro gibt der Wiener angeblich bei einem Besuch aus, mehr als ein bis zwei gemütliche Punsch sind es aber auch zu späterer Stunde nicht. Die Leute kommen und gehen.

"Ramba-Zamba wird es hier heute keinen mehr geben", meint Edith Roubinek. Sie trinkt einen Fünf-Elemente-Punsch. "Weil ich die Extrakte im normalen Punsch mit meinem Magen nicht vertrage." Sie trennt Trinken und Fahren, könnte nicht damit leben, das Leben anderer Menschen zu zerstören. Der Verkehr sei schon so gefährlich genug. "Heute würde ich die Führerscheinprüfung nicht mehr schaffen", sagt die 47-Jährige.  Jörg Gleisner, ein graumelierter Herr aus Deutschland, ist ebenfalls ein braver: "Das war das letzte Mal vor 20 Jahren aktuell."

Niemand gesteht, außer die Unfallstatistiken. Österreichweit waren es bis Ende September 2009 bereits über 1.700 Alkoholunfälle, in Wien 200. Ob die Wiener wirklich so brav sind, darf freilich bezweifelt werden. (Florian Vetter, derStandard.at, 1.12.2009)

  • Nummer eins in der Preis-Hitparade: Für 2,90 Euro gibt es am Spittelberg den billigsten Punsch der Stadt.
    foto: florian vetter

    Nummer eins in der Preis-Hitparade: Für 2,90 Euro gibt es am Spittelberg den billigsten Punsch der Stadt.

  • Fruchtig, heiß und süffig: Bei der "Plutzer Hüttn" in der Stiftgasse gibt es nicht nur reichlich Auswahl an Punsch-Varianten, hier versammelt sich auch vermehrt die Jugend.
    foto: florian vetter

    Fruchtig, heiß und süffig: Bei der "Plutzer Hüttn" in der Stiftgasse gibt es nicht nur reichlich Auswahl an Punsch-Varianten, hier versammelt sich auch vermehrt die Jugend.

  • Am Weihnachtsmarkt glänzen scheinbar nur die Kinderaugen, die Erwachsenenen bleiben meistens bei ein bis zwei Häferl Punsch. Nachher nutzt man die Öffis.
    foto: florian vetter

    Am Weihnachtsmarkt glänzen scheinbar nur die Kinderaugen, die Erwachsenenen bleiben meistens bei ein bis zwei Häferl Punsch. Nachher nutzt man die Öffis.

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