Twitter zugleich Fluch und Segen für Blogger

28. November 2009 10:32
  • Artikelbild
    Foto: archiv

    Gezwitscher hat Blogosphäre dramatisch verändert.

Zahl der Blog-Beiträge sinkt - Traffic steigt - Twitter hat die Blogosphäre nachhaltig verändert

Der Micros-Blogging-Dienst Twitter hat die Blogosphäre nachhaltig verändert. Mit dem rasanten Aufstieg des Microbloggingdienstes haben sich auch die Aktivitäten "klassischer" Blogger deutlich verschoben. Die Anzahl der Blogeinträge wurde weniger, dafür brachte Twitter den Blogs teils immense Zugriffssteigerungen. Auch jüngste Statistiken bestätigen, dass sich die Welt der Weblogs in den letzten drei Jahren dramatisch geändert hat. Kurzbeiträge fallen weg.

Kurze Geschichten aus dem Alltag

"Ich konnte bei mir selbst und anderen Bloggern feststellen, dass je stärker Twitter wurde, desto weniger 'Kurzmeldungen' verfasst wurden", sagt Luca Hammer, Blogger und CIO der Mehrblick OG. Kleinere Geschichten aus dem Alltag, über die schnell einmal berichtet wurde, seien aus den Weblogs zu Twitter übersiedelt. Das habe sich auf die Menge der Blogbeiträge ausgewirkt. "Zugleich bekommen jedoch analytische, längere Artikel nun mehr Platz und Aufmerksamkeit", so Hammer weiter.

Längere Lesedauer

Das bestätigt auch eine kürzlich veröffentlichte Erhebung von Postrank, wonach die Lebensdauer einzelner Blogposts gestiegen ist. 2007 wurden 94 Prozent der Leseraktivitäten zu einem Blogbeitrag noch innerhalb des ersten Tages verzeichnet. Derzeit liegt der Anteil am ersten Tag nach Erscheinen bei nur mehr 64 Prozent. Das bedeutet, dass heute 36 Prozent der Leserinteraktion (Engagement) erst nach den ersten 24 Stunden entstehen.

Kein Blog-Ersatz

"Twitter löst das Bloggen keinesfalls ab, weltweit ist weiterhin ein Wachstum zu sehen. Was sich jedoch zeigt, ist, dass viele Nutzer seltener Beiträge schreiben und kurzgefasste Postings durch den Rost fallen", meint auch Branchenkenner Klaus Eck, Inhaber von Eck Kommunikation. Qualität werde sich in Zukunft noch stärker durchsetzen. Mancher Blogger habe in einer ersten Euphorie wohl auch den Zeitaufwand, den das Betreuen eines Weblogs mit sich bringt, schlichtweg unterschätzt, glaubt Eck.

Verlust von Backlinks

Das Hauptproblem, das durch Twitter entstanden ist, sieht Hammer darin, dass es nun einen starken Verlust an Links gebe. "Hat man früher für gute Artikel viele Backlinks bekommen, so sind es heute Tweets. Das wirkt sich natürlich auf die Googlesuche und die meisten Blogrankings aus." Laut der Postrank-Analyse sind die sogenannten Trackbacks seit 2007 von 19 auf nur mehr drei Prozent gesunken, während die Auseinandersetzung mit Blogbeiträgen bzw. -themen in Social Networks von einem auf 29 Prozent zugelegt hat. Hammer wünscht sich auch einen intensiveren Diskurs innerhalb der Blogosphäre zu dem Thema. "Ich erwarte mir keine schnellen Links, sondern Beiträge, die sich mit anderen auseinandersetzen und nicht nur die eigene Meinung beinhalten", so der Blogger.

Twitter steigert Traffic

Die Popularität von Twitter hat den Bloggern zugleich auch einen großen Nutzen gebracht. Wer seine Beiträge über die Seite bewirbt, kann damit den Traffic im eigenen Blog deutlich steigern. "War es früher schwierig als unbekannter Blog in kurzer Zeit viele Besucher zu bekommen, kann es durch Twitter passieren, dass man innerhalb weniger Stunden mehrere Tausend Zugriffe bekommt", erklärt Hammer. Natürlich profitierten davon auch bekannte Blogs - je besser das eigene Twitter-Netzwerk sei, desto mehr Leser könne man anlocken. Um die Zukunft der Blogosphäre muss sich niemand sorgen machen. Die Blogging-Zahlen steigen weiter, während die Seitenaufrufe direkt auf Twitter derzeit stagnieren. Während Eck davon ausgeht, dass jedenfalls hierzulande noch viel Potenzial für Twitter offen ist, glaubt Hammer, dass "der Hype seinen Zenit überschritten hat und die Seite auf ein sinnvolles Maß schrumpfen wird". Die Zeit der Gesamtblogosphäre sei vorbei. "Die Blogs werden differenzierter. Es werden sich Subblogosphären bilden, die immer stärker werden", wirft Hammer einen Blick in die Zukunft.(red)

Kommentar posten
11 Postings
explosions in the sky
29.11.2009 10:15
wie immer ist der standard den entwicklunen des webs hinterher...

...erst vergangenes monat gabs eine umkehr - mehr blogs - weniger twitter (am beispiel von wordpress)

cannery row
29.11.2009 12:50
stimmt..

aber wenn man WIRKLICH up2date sein will, muss man den blumenau fragen. der hat web2.0 grad entdeckt und tigert sich so richtig rein ;-)

oargestory
28.11.2009 11:37

Ich sage gleich dazu, dass meine Erfahrungen nicht repräsentativ für die Allgemeinheit sind, aber in den Vorlesungen auf der Uni seh ich auf jedem Laptop immer Facebook. Twitter hab ich noch nie im "freier Wildbahn" erlebt, ohne Standard und Wired würde ich die Seite nicht einmal kennen.

Manchmal frag' ich mich wirlich ob ich mit 22 schon zu alt für sowas bin, oder ob der Hype garnicht so groß ist wie er gerne dargestellt wird.

explosions in the sky
29.11.2009 10:13

weil wir österreicher auch im web ganz schön rückständig sind :)

studivz scheint ja bei vielen immer noch hoch im kurs zu stehen :D

ghandi2000
28.11.2009 18:58

geht mir ähnlich.

ich wüsste auch garnichts so unwichtiges, dass ich es auf 140 zeichen beschränken könnte ;)

cannery row
29.11.2009 12:53
..

twitter macht extrem sinn, wenn man es als plattform nutzt, um sich zu organisieren. wichtige sachen schreib ich auch woanders rein. es sei denn, man qualifiziert "mir ist fad", "boah" und "voll öd" als existenziell.

delta_t
28.11.2009 18:10

Ich glaub, Twitter wird mittlerweile schon eher mobil benutzt (ohne jetzt Zahlen nennen zu können).

Und wenn man nicht drin ist, merkt man's auch nicht wirklich - das stimmt. Wenn nicht ein Großteil meiner Studienkollegen und Freunde ebenfalls twittern würden, wärs ein bisschen langweiliger.

explosions in the sky
29.11.2009 10:14

hmmm twitter ist vor allem im professionellen anwendungsbereich interessant

1komma144729886
30.11.2009 18:13

da ich soooo blöd bin: welche anwendungen im professionellen bereich? das ist jetzt ehrlich gefragt, also tatsächlich völlig ironiefrei, ich kann mir das höchstens im journalistikbereich vorstellen, da ich das medium nur von beschreibungen her kenne.

der wandelnde Dunning-Kruger-Effekt
28.11.2009 16:46

:D
Ich glaube, wir besuchen die gleichen Vorlesungen.

das haar in der suppe
 
28.11.2009 11:02
blogs vs. twitter?

meiner meinung nach eine unsinnige gegenüberstellung, da beide Tools unterschiedliche Anwendungsbereiche haben, die sich zueinander komplementär verhalten

http://www.edelman.at/2009/11/t... g-auf.html

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.