"Man muss unvernünftig spielen"

1. Dezember 2009, 10:24
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Beim Pokern spielt man nicht nur mit den Karten, sondern auch mit dem Gegner. Geblufft wird aber nicht nur am Kartentisch, sondern überall im Leben

Lüge - welch großes Wort für alle Täuschungen, Schwindeleien, Übertreibungen und ironischen Anspielungen, die uns durch den Alltag begleiten. Soziologischen Studien zufolge lügt der Mensch 150 bis 200 mal am Tag. Kinder sagen die Unwahrheit, um einer Strafe zu entkommen, bezaubernde Komplimente werden für den grauslichen Gemüseauflauf gemacht um den Koch nicht zu kränken, Schmeichelei muss nicht gleich Liebe sein wenn die Faulheit siegt.

Pokern ist eines der wenigen Spiele, bei dem es wichtig ist zu lügen. Ein guter Bluff kann über Sieg oder Niederlage entscheiden. Selbst wenn schlechte Karten gezogen worden sind, kann das Geld im Pott noch immer kassiert werden, wenn man dem Gegenspieler glauben machen kann, es wäre ein starkes Blatt in der eigenen Hand. "Das Pokerspiel ist ein typisches Beispiel einer persönlich wichtigen Entscheidungssituation unter Stress mit unzureichenden oder widersprüchlichen Informationen. In solchen Momenten sind wir besonders empfänglich für "hilfreiche" Zusatzinformationen auf nonverbaler Ebene, weil nichtsprachliche Kommunikation direkt mit unseren Emotionen gekoppelt ist. Pokerprofis nutzen diese Koppelung von nonverbaler Kommunikation und Emotion, um die Entscheidungen der anderen zu beeinflussen", sagt Josef Sawetz, Kommunikationspsychologe an der Universität Wien.

Das Leben - ein einzig großes Pokerturnier

Umgelegt auf das Spiel bedeutet das: Man spielt nicht nur mit den Karten, sondern auch mit dem Gegner. Man muss in der Lage sein, die Odds (die Wahrscheinlichkeiten, als Gewinner auszusteigen, Anm.) richtig abzuschätzen, auch ein starkes Blatt reicht oft nicht, wenn mit Statistik und Zahlen nicht richtig umgegangen wird. Alfred Barth, Privatdozent an der TU Wien und leidenschaftlicher Poker-Amateur, versucht sich in einer Erklärung des Spiels: "Das Einschätzen des Gegners ist eine sehr wichtige Komponente, das spannende ist aber die Kombination aus Psychologie und eiskalter Mathematik. Man kann Pokern, im Gegensatz etwa zum Schach, nicht mit dem Computer simulieren. Weil der Computer nicht unlogisch denken kann."
Auch Nicht-Pokerspieler bluffen und täuschen in privaten und beruflichen Beziehungen, um persönliche Ziele zu erreichen. Im täglichen Leben ist man immer wieder mit solchen "Spielern" konfrontiert. Dabei ist es schwer, nonverbal überzeugend zu lügen.

Verlorene Glaubwürdigkeit

Das Gehirn hat im Laufe der Evolution feine Sensoren für Täuschungen entwickelt. Wer in seiner Mimik und Gestik stockt, nicht mehr intuitiv agiert, verliert an Authentizität. Der Gesprächspartner wittert Gefahr, das Vertrauen kann verloren gehen. Beim Pokern spricht man in diesem Zusammenhang von so genannten "Tells" (die erkennbare Änderung des Verhaltens eines Pokerspielers, Anm.) Hat der Gegner schlechte Karten, schaut er vielleicht in die Luft. Ist er siegessicher und deswegen gelangweilt, bohrt er womöglich in der Nase. Jedem Spieler seine Marotten.

Sawetz: "Die Stimme macht Stimmung und Haltung ist ein Zeichen innerer Verfassung. Das lässt sich so leicht deuten, wie die Hand an der Wange, die Nachdenklichkeit und innere Evaluation zum Ausdruck bringt. Oder das Trommeln mit den Fingern am Tisch, das für Ungeduld und Nervosität steht. Das alles ist natürlich abhängig vom persönlichen Ausdrucksstil."

Gegenseitiges Wettrüsten

Als ehrgeiziger Pokerspieler gilt es den anderen nicht nur zu täuschen, sondern natürlich auch zu entlarven. Wahre Meister im Fach der nonverbalen Täuschung begeben sich auf eine noch höhere Ebene der Irreführung. Sie erkennen, wie es im "Handbuch Marketing- und Kommunikationspsychologie" von Sawetz heißt, schnell die Signale in Mimik und Gestik ihres Gegenübers, täuschen ihn auf einer Metaebene und lassen sich so von ihm bewusst lesen. Eine fatale Sicherheit für den Gegner.
Alfred Barth, nicht ganz so kühl berechnend: "Ein Kollege machte mich einmal darauf aufmerksam, dass ich immer viel rede, wenn ich kurz davor bin, mein Blatt wegzuwerfen. Man hat Manierismen, die die Leute durchschauen. Die Kunst wäre es, seine Verhalten dauernd zu ändern. Man muss unvernünftig spielen."

Vom Täuschen und Trinken

Gesamt gesehen ist das Spiel am Tisch aber zu komplex, um es nur an guten oder schlechten Bluffs festzumachen. Am Ende entscheidet natürlich auch, ob jemand gut pokern kann oder nicht. Dass kontrollierte Körperhaltung schwer zu exerzieren ist, kann im Selbstversuch herausgefunden werden. "Ziehen sie die Augenbrauen hoch, und versuchen Sie gleichzeitig aggressive Gefühle zu entwickeln. Sie werden bemerken, wie schwierig es ist. Wenn Sie dagegen die Augenbrauen zusammenziehen, lässt es sich viel leichter aggressiv sein. Da läuft vieles automatisch und unbewusst ab", sagt Josef Sawetz.

Es gibt auch Poker-Profis, die von all dem nichts halten. Ein solcher ist Chris "Jesus" Ferguson. Er sieht immer gleich aus: Schlapphut am Kopf, Sonnenbrille im Gesicht, Rauschebart und wehende Mähne. Seine Bewegungen sind automatisiert, er braucht für seine Entscheidungen immer gleich lang, nimmt die Chips immer im selben Tempo in die Hand.

Ob Bluffen der Heilsbringer beim Pokern ist, dessen ist sich Josef Barth nicht sicher. Er hat dafür einen anderen Tipp parat: "Man sollte beim Pokern nichts trinken. Man überlegt weniger, ist impulsiver." (Florian Vetter, derStandard.at, 27.11.2009)

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    Pokern ist eines der wenigen Spiele, bei dem es wichtig ist zu lügen. Ein guter Bluff kann über Sieg oder Niederlage entscheiden.

  • Wenn Bluffen Volkssport ist: Kommunikationspsychologe Josef Sawetz sieht einige Parallelen zwischen Glücksspiel und Glück im Leben.
    foto: josef sawetz

    Wenn Bluffen Volkssport ist: Kommunikationspsychologe Josef Sawetz sieht einige Parallelen zwischen Glücksspiel und Glück im Leben.

  • Findet Pokern spannend, weil es keiner Logik folgt: TU-Privatdozent Alfred Barth.
    foto: alfred barth

    Findet Pokern spannend, weil es keiner Logik folgt: TU-Privatdozent Alfred Barth.

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