Kirche, Staat und Straßburg

27. November 2009 19:02
  • Artikelbild
    Foto: Standard

    Ansichten des "atheistischen Katholiken" Christoph Kletzer

Das Kreuz-Urteil hat in Österreich einmal mehr eine Säkularismusdebatte ausgelöst - Interessanter wäre es, über die Identität der europäischen, liberalen Kultur zu diskutieren

Es ist eine Illusion zu glauben, irgendein Staat könnte ohne eine Vorstellung darüber auskommen, was ein "gelungenes Leben" ausmacht.

Nicht eine der Politiken auch nur irgendeines Staates ließe sich damit erklären, dass wir den Staat als unparteiische Agentur verstehen, die in abstrakter Neutralität zwischen gleichberechtigten Lebensentwürfen entscheidet. Wir fördern Bildung, nicht Komasaufen, wir besteuern Zigaretten, nicht Joggen, und wenn sich jemand in einem öffentlichen Kindergarten als aktives Mitglied der Charles-Manson-Sekte vorstellt, dann wird er bald feststellen, wie wenig neutral ein Staat sein kann.

Ein liberaler Staat unterscheidet sich von einem illiberalen also nicht dadurch, dass er sich keinerlei Gedanken darüber macht, wie ein geglücktes Leben seiner Bürger aussehen könnte, sondern dadurch, dass er eingesehen hat, dass ein geglücktes Leben vor allem davon abhängt, dass man es selbst in größtmöglicher Eigenverantwortung, sozusagen von sich aus, führt und nicht von irgendwo vorgeschrieben bekommt.

Es ist also eine ganz bestimmte Vorstellung des menschlichen Lebens und nicht die Abwesenheit einer jeglichen solchen Vorstellung, die wir als Errungenschaft des liberalen Verfassungsstaates feiern. Die Neutralität und Unparteilichkeit des Staates gegenüber Lebensentwürfen, Werten, Religionen ist also nicht in seine Fundamente eingeschrieben. Sie ist vielmehr das Resultat seiner selbst werthaltigen, historisch gewachsenen Eigenart.

Wenn das der Fall ist, dann läuft die Diskussion über die Kreuze in den Schulen, ebenso wie tausende andere ähnlich gelagerte Diskussionen, aber gänzlich schief. Denn bei diesen Diskussionen wird man vor die falsche Alternative gestellt: entweder absolute Trennung von Kirche und Staat oder fundamentalistischer Gottesstaat. Die Möglichkeit, dass Liberalität in Religionsfragen vielmehr auch ein Bekenntnis zur eigenen religiösen Identität und Geschichtlichkeit nicht nur nicht ausschließen, sondern voraussetzen könnte, gerät dabei außer Blick.

Es geht hier also weniger um die Frage des Verhältnisses von Kirche und Staat, als um das Verhältnis von Staat und Christentum. Die wesentliche Frage ist nicht, welches rechtliche Arrangement dem als absolut vorausgesetzten Prinzip der Trennung von Kirche und Staat entspricht, sondern ob und wie weit der Staat ein Bekenntnis zur christlichen Tradition abgeben darf und soll. Diese Frage wiederum hängt davon ab, ob und inwieweit das Christentum in den die Legitimität unserer Staaten unterfütterten Werte- und Kulturkanon Europas gehört.

Das Christentum spielt bei dieser Frage keine andere Rolle als alle anderen kulturellen, philosophischen und politischen Strömungen, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Ein Bekenntnis zur Aufklärung, zur Wissenschaft, zur Rationalität gehören da genauso dazu wie etwa ein Anerkenntnis der Errungenschaften einer internationalistischen, modernistischen Sozialdemokratie.

Diese Fragen betreffen unser innerstes Selbstverständnis und sind daher in einem freien, öffentlichen Diskurs, also demokratisch zu erörtern. Gerichtliche Entscheidungsfindung ist hier ungeeignet. Die Aufgabe der Gerichte ist es, die Möglichkeit der Partizipation an genau diesem Diskurs sicherzustellen, sie haben daher erst dann einzuschreiten, wenn bei dieser Selbstvergewisserung des Gemeinwesens die Verletzung von Minderheitsrechten eine Intensität zu erreichen droht, die eine inhaltsvolle Partizipation an diesem Prozess der Selbstvergewisserung verunmöglicht. Der Schutz der Identität der Minderheit darf nicht a priori bedeuten, dass das Gemeinwesen identitätslos zu bleiben hat.

In Deutschland hat man vor einigen Jahren diese Debatte an die Wand gefahren, indem man sie auf den Begriff der Leitkultur eingeengt hat. - Niemand möchte einen Deutschen über Leitkultur reden hören. Die dahinterstehende Frage ist jedoch genauso wichtig wie zuvor und wird sich zweifellos auch als Schicksalsfrage der Europäischen Union herausstellen. Die Frage ist, um es europäisch zu sagen: What kind of people are we?

Über die konkrete Frage, ob das Christentum nun Teil der europäischen liberalen Tradition oder der große Widersacher dieser Tradition ist, lässt sich natürlich streiten.

Ich persönlich glaube, dass trotz der schlechten Presse, die sich die katholische Kirche in regelmäßigen Abständen abholt, ein Gutteil unserer substanziellen Liberalität gerade von derjenigen christlichen Tradition herkommt, die wir im Namen der Liberalität opfern zu müssen glauben. Der in der katholischen Soziallehre entwickelte Begriff der Subsidiarität etwa bezeichnet genau dieses Verhältnis von Bürger und Staat, das eine substanzielle Liberalität möglich macht:

Der Zweck des Staates ist darin bestimmt, "subsidium" , Unterstützer des Bürgers zu sein. Er hat die Aufgabe, dem Bürger dabei zu helfen, ein autonomes, selbstbestimmtes Leben gemäß den eigenen Vorstellungen zu führen. (Christoph Kletzer/ DER STANDARD, 28.11.2009)

Christoph Kletzer ist Rechtsphilosoph am King's College, London. Er hat in Cambridge und an der Universität Wien unterrichtet und ist atheistischer Katholik.

    Kommentar posten
    Posting 1 bis 25 von 62
    1 2
    iampaulweller
    02.12.2009 23:57
    die Argumentation schwächelt 2

    Der Staat bedarf auch nicht einer solchen Vorschrift um seine diversen Werte (ich möchte hier noch nicht einmal von den durchaus divergierenden Werte von Staat und Kirche eingehen) zu schützen. Auch der einzelne Christ (wenn man davon ausgeht, dass die Mehrheit der Kinder in einer Klassen Christen sind) wird durch die Abwesenheit des Kreuzes mit Sicherheit weniger getroffen als die Minderheit der Anders- und Nichtgläubigen durch die im Klassenzimmerkreuz dokumentierte Macht der Kirche im Staat.

    Bei einer vom Gericht vorzunehmende Abwägung der Güter reicht daher auch eine geringe Intensität der der Beeinträchtigung von Minderheitsrechten aus um eine Aufhebung der für den Staat im Grunde bedeutungslosen Vorschrift zu bestimmen.

    iampaulweller
    02.12.2009 23:51
    die Argumentation schwächelt

    es ist wohl richtig, dass der Staat, wie jede andere Gemeinschaft von Menschen zu definieren hat auf welchen Werten er beruht und diese auch wehrhaft zu vertretenn hat. Welche Werte das sind ist idealerweise in einem demokratischen Prozess zu klären.

    Auf die Frage der Kreuze in Klassenzimmern angewandt müsste man die Frage "wollen Sie, dass in den Klassenzimmern Kreuze hängen müssen" einer Volksabstimmung unterziehen - ich vermute, dass es kein großes öffentliches Interesse dafür gibt.

    alte frau
    29.11.2009 13:07

    there is no such thing as a catholic atheist!

    Der Ruhestifter
    29.11.2009 18:36
    Warum sollte es keine atheistischen katholiken geben?

    Katholi zu sein bedeutet, teil der katholischen kirche und damit einer bestimmten organisation zu sein. Warum kann man nicht teil dieses systems sein, ohne den unfug mit gott, maria und jesus ernst zu nehmen? So, wie man sehr gut teil der ehemaligen sowjetischen nomenklatura sein konnte, ohne marxismus ernst zu nehmen?

    rakka
    29.11.2009 15:45

    Atheist Catholic!

    numu
     
    29.11.2009 12:42
    danke! besser kann mans nicht ausdruecken!

    Eine Kreatur
    29.11.2009 11:19
    "Sie ist vielmehr das Resultat seiner selbst werthaltigen, historisch gewachsenen Eigenart."?

    "historische gewachsene eigenart" my ass!

    als wäre "historisch gewachsen" irgendeine art von argument oder rechtfertigung!

    so ein schwachsinn ..

    und alles nur um sein wirres weltbild aufrecht zu erhalten ..

    es gibt grundnormen des verhaltens und religionen deshalb einbeziehen zu wollen, weil sie auch zum teil für diese grundnormen einstehen - wäre ja noch schöner, wenn nicht! - ist grober unfug.

    entweder menschen sind sozial im 21 jahrhundert angekommen oder nicht ..

    derpradler
    29.11.2009 11:06
    Im Kindergarten, in der Schule

    bei Gericht hat die Religion nichts verloren. Das Kreuz ist bei uns zu einem Symbol geworden über das wenig nachgedacht wird. Ob auf einer Bergspitze oder am Wegrand, Kreuze stehen überall.
    In der Schule aber haben sie nichts verloren.
    Die Entscheidung Brüssels ist O.K., verhindert sie doch,daß die Muslime den Anspruch erheben können den Halbmond in den Klassenzimmern aufzuhängen Und bitte nicht vergessen es bei uns sehr VIELE aufgeschlossene Menschen die keinem dieser Religionen angehören., die wissen, daß Religion Volksverblödung ist!

    30.11.2009 09:31
    Vielleicht doch zurück zur Schule

    Was auch immer ihre Meinung ist – die ich nicht teile – eines ist deutlich: Brüssel hat damit nix zu tun.
    Wer zwischen EuGH (Europäische Union; Luxemburg) und EGMR (Europarat; Strassburg) nicht unterscheiden kann, sollte über die "Verblödung" durch die Religionen nicht den Mund aufreissen und zuerst seine eigenen Wissenslücken füllen, bevor er andere für dumm zu verkaufen versucht…

    sixela
    28.11.2009 22:46

    Die Schlussfolgerungen sind schon deshalb falsch, weil die christlichen Religionen ihren angeblichen Identitätsbeitrag auf einem Irrtum aufbauen - nämlich dass es Gott gibt, und unsere Moralvorstellungen von ihm "gegeben" wurden. Das ist ein falsch, jedenfalls nach allem was uns heutzutage die Naturwissenschaft dazu sagt. Die Religion, und auch die Moralvorstellungen,entstehen in unserem Gehirn.

    Frank'n'furter ät www.agenda2020.at
    29.11.2009 01:54

    jojo.

    richtig putzig.

    wie der spruch an der klowand:
    gott its tot. nietzsche.
    update: nietzsche ist tot. gott.

    wenn ihr euch da aber nen grantigen alten knacker mit nem elendslangen bart vorstellt, kann das natürlich nix weerden *g*

    konski
    29.11.2009 17:27
    was soll das sein? gott

    gott muss aufs klo?

    Frank'n'furter ät www.agenda2020.at
    29.11.2009 18:56

    na, aber der wischt auch mal das klo.

    hast du ned bruce almighty gesehen? *g*

    johannes reichhart
    29.11.2009 12:21
    aha. und wie hat man sich gott vorzustelle?

    als superpapst, als megabudda, als hypermohammed, als abstraktes prinzip oder als kuscheltierchen für seelen-burn-out-geplagte zivilisationskrüppel?

    geht bitte. jede und jeder zimmert sich seinen gott zurecht, dass er gut zur wohnzimmergarnitur passt.

    Frank'n'furter ät www.agenda2020.at
    29.11.2009 13:36

    mah, was seids denn ihr für leutz, dass ihr immer gesagt haben wollt, was "man" zu tun hat ?

    Du sollst dir kein Bildnis machen, keinerlei Gleichnis, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, noch des, das im Wasser unter der Erde ist.
    äußerst sinniger spruch, den der moses da von sich gibt.

    man kann sich eben prinzipbedingt nicht etwas vor-stellen, von dem man selbst ein teil ist.

    man kann nur über analogien zu der erkenntnis gelangen, die quantenphysik bietet dazu etwa gute ansätze.

    darum reden ja alle prohpeten, schamanen und was es da sonst noch alles gibt, immer in gleichnissen, ned nur der dschisas.

    Frank'n'furter ät www.agenda2020.at
    29.11.2009 17:02

    ja, dass ihr betschwestern mit sowas ka freude habt is eh klar *g*

    und auch materialismus und atheismus sind ja glaubensgemeinschaften, und ziemlich komische dazu, denn mit dem verkrampften nicht an gott glauben wird seine existenz ja geradzu postuliert, was gedanklich natürlich auf ganz unsinnige pfade führt.

    aber das macht eben den unterschied zwischen nem gläubigen und nem freien menschen aus. in welcher form der alte existiert oder ned is mir ziemlich wuascht, werd ich schon zum gegebenen zeitpunkt sehen.

    und wenn dann doch keiner da is, wot shällz *g*

    fish13
    28.11.2009 22:44
    Interessanter wäre es, über die Identität der europäischen, liberalen Kultur zu diskutieren

    bitte kein liberales geschwafel...

    zum "atheistischen Katholiken"
    www.chick.com/de/readin... ist=DE0100

    René Herndl
    28.11.2009 17:56
    Die Ansicht, dass ----

    ---eine Gemeinschaft ohne Religion als ideologische Basis "identitätslos" sei ist m.E. unhaltbar, im Gegenteil, Religion verhindert eine unabhängige Idetität indem sie diese unter den weltanschaulichen Zwang einer einseitigen Ideologie stellt. Unabhängig davon zeigt ja die Geschichte in vielen Facetten, dass Religion(en) mehr Unheil für ein friedliches Zusammenleben bedeutet(n) als sie die individuelle Freiheit einer beschränkten Sicht der Dinge schützen dürfen.

    yomo
    28.11.2009 19:47

    zu starke these.
    jede monokausale verhältnisbestimmung ist blödsinn. religion ist weder das gute noch das böse schlechthin - weder die brights noch ratzinger haben recht. aber für welterklärungen sind eindeutige feindbestimmungen natürlich gut.

    Eine Kreatur
    29.11.2009 11:22
    religion ist unnötig

    subjektiv interpretierbar, aberglaube und eine psychose, um eine einfache erklärung für die eigene existenz zu haben ..

    sprich - etwas für die soziale entwicklung des menschen von der steinzeit bis zur neuzeit - aber nicht für die technologie- und wissensgesellschaft danach ..

    yomo
    04.12.2009 10:25

    gegenthese (wenn wir schon das wild-durch-die-gegend-behaupten-spiel spielen...): religion verkompliziert leben, Ihre erklärung der dinge macht alles einfach. wie gesagt: plumpe feind-schemata - hier wie dort...

    johann potakowskyj
     
    28.11.2009 17:09
    es geht um

    laizismus versus säkularismus ...

    es ist eine entscheidung, die europa treffen muss.
    in anbetracht der laufenden politischen entwicklung bin ich für laizismus.

    affdsewrq
    28.11.2009 16:09
    Das Kreuz im Klassenzimmer

    früher oder später kommt es dann zur Diskussion, ob wir nicht die Kreuze am Gipfel abmontieren, da dies ja die Religionsfreiheit der Menschen beeinträchtigt.

    Wird durch Kopftuchtragen dann auch Religionsfreiheit beeinträchtigt?

    NegR h.c.
    28.11.2009 21:40

    Es gibt zwar einen Schulzwang, aber keinen Wanderzwang.
    Zudem sind Berggipfel in aller Regel Privatgrund...

    notorischer Besserwisser
     
    29.11.2009 18:33
    Nicht ganz...

    Schulzwang gibt es auch keinen, sondern nur Unterrichtszwang.

    Kommentar posten
    Posting 1 bis 25 von 62
    1 2

    Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.