Snowboarder Stefan Gimpl, im "Big Air" heuer noch ungeschlagen, über Schulterklopfer, Rebellion, das intensive Leben und den Air & Style
Standard: Haben sich die Schulterklopfer nach den jüngsten Erfolgen im Fis-Weltcup wieder vermehrt?
Gimpl: Was mir am meisten taugt, ist der ehrliche Respekt, den mir die anderen, oft viel jüngeren Snowboardkollegen bei den Events entgegenbringen. Das hat auch mit meinen Leistungen zu tun, die ich noch immer zeige. Lustigerweise hat mich diese Woche die österreichische Bundesregierung zu einem Festakt zum ersten Jahr ihres Bestehens am 2. Dezember in die Hofburg eingeladen. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, warum und von wem, aber es klingt interessant. Wenn's sich vom Snowboarden ausgeht, werde ich dabei sein. Die Einladung gilt aber leider nur für eine Person, ich hoffe, das wird dann nicht zu langweilig.
Standard: Sind Sie zurzeit der beste Snowboarder der Welt?
Gimpl: Nein. Bei den vergangenen Contests ist es eben einfach gut gegangen. Da hat es zwar Leute gegeben, die schwierigere Tricks als ich gezeigt haben. Nur in der Summe bin ich besser gewesen, weil eben zwei Sprünge zählen, und die anderen Snowboarder, als es darauf angekommen ist, zu viel riskiert haben und den Sprung nicht gestanden sind. Mein Vorteil neben meiner Konstanz ist, dass ich höher springen kann als andere. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber ich kann's halt.
Standard: Neben dem Weltskiverband Fis richtet auch die unabhängige Non-Profit-Organisation TTR Snowboard-Veranstaltungen wie den "Air & Style" in Innsbruck aus. Welche Snowboard-Tour vertritt den Sport am besten? Wo springen die besten Rider mit?
Gimpl: Im Snowboardsport relativiert sich die Vergleichbarkeit ziemlich schnell, weil in beiden Veranstaltungen Sprünge und Tricks bewertet werden. Das ist immer eine persönliche Sache. Dem einen Judge gefällt das besser, dem anderen das. So ernst kann man das Ganze nicht sehen.
Standard: Sie nehmen das Ganze also nicht ernst?
Gimpl: Snowboarden ist für mich der geilste Sport, den es gibt. Natürlich nehme ich Snowboarden ernst. Aber wie das jetzt bewertet wird? Manche sehen es so, manche eben so. Ich fahre ja nicht Snowboard der Bewertung wegen.
Standard: Trotzdem sollen die Bewerbe der TTR anspruchsvoller und viel cooler sein als die durchorganisierten Events der Fis.
Gimpl: Die Leute, die das behaupten, kennen sich nicht wirklich aus. Die TTR macht auch Slope-style Contests, also ganze Parcours mit unterschiedlichen Hindernissen und Sprüngen, bei der Fis gibt es eben nur die Big Airs. Aber es sind beides Verbände, wo es Regularien einzuhalten gilt.
Standard: Apropos Regularien. Einst sorgte der Snowboardsport mit Skandalen für Aufsehen. Bei Olympia 1998 in Nagano wurde Olympiasieger Ross Rebagliati Marihuana im Blut nachgewiesen. Ist das Rebellische verschwunden?
Gimpl: Ich finde schon. Mittlerweile ist es Zeit geworden, dass Snowboarden erwachsen wird. Es war mal cool, es war mal was anderes. Die Skandale hat es gegeben, aber jetzt setzt man sich eben sportlich durch. Dadurch, dass wir uns öfter in gefährliche Situationen begeben und etwas riskieren bei den Sprüngen, lebt man halt etwas intensiver. Das spiegelt sich natürlich in anderen Lebenslagen wider. Mir persönlich ist es immer nur ums Snowboarden gegangen, ich wollte kein Rockstar sein.
Standard: Der Air & Style am 5. Dezember in Innsbruck gilt als massentaugliche Mischung aus Sport und Show. Wieso sind Sie als dreifacher Sieger nicht dabei?
Gimpl: Keiner hat damit gerechnet, dass ich in dieser Saison drei Big Air Contests in Folge gewinne. Ich nicht und auch der Air & Style-Veranstalter nicht. Die wollten eher die amerikanischen Stars dabei haben. Vom Können her hätte ich sicher mitfahren können.
Standard: Wie ist es um die Zukunft des Snowboardsports bestellt? Händler beklagen stag-nierende Verkaufszahlen, die Konkurrenz hat mit Carving- und Free Ski ordentlich nachgelegt.
Gimpl: Alpinsnowboarden zum Beispiel existiert im Breitensport quasi nicht mehr. Es wird sich immer um Freestyle und Freeride drehen. Da werden auch die Sachen verkauft. Ich bin kein Geschäftsmann, mich würde es nur stören, wenn der Sport zugrunde gehen würde. Aber das wird er nicht. Die Wirtschaftssituation merke ich insofern, dass auch Snowboard-Sponsoren beim Budget sparen, was sich in weniger gut dotierten Verträgen niederschlägt.
Standard: Sie haben eine HTL mit Schwerpunkt Tiefbau besucht. Inwiefern wird Ihnen das im Leben nach dem Sport nützen?
Gimpl: Das einzige Mal, wo ich meine Ausbildung bis jetzt gebraucht habe, war im vergangenen Jahr, als wir bei mir daheim in Leogang eine Schanze in die Erde gebaut haben, damit wir nicht so viel Schnee brauchen. Da war Grundbau dabei, das haben wir in der Schule gelernt. Aber was ich nach meiner Karriere machen werde? Ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung.
Standard: Mit Verlaub, können Sie sich vorstellen, als 40-Jähriger über die Schanzen zu jagen?
Gimpl: Ich bin davon überzeugt, dass das möglich ist. Der Amerikaner Todd Richards, immerhin 39, springt auch noch. Außerdem habe ich mit meinem Bruder Martin eine Abmachung, dass wir mit 55 Jahren einen 720er samt Rückwärtssalto machen. Das trauen wir uns zu. Ich hoffe nicht, dass mich irgendwann das Alter einholt, und ich feststellen muss, dass das sehr hochgegriffen war. (David Krutzler, DER STANDARD Printausgabe 28.11.2009)
ZUR PERSON:
Der Leoganger Stefan Gimpl (30) gilt seit Jahren als einer der weltweit besten Freestyle-Snowboarder. Er entschied von 1999 bis 2001 dreimal in Folge den Air & Style Contest für sich. Seit 2005 startet der Salzburger für den ÖSV bei Big-Air-Bewerben. Seine Bilanz: neun Weltcupsiege, dreimal Gesamtweltcup ('06, '08, '09).
Die Skandale hat es gegeben, aber jetzt setzt man sich eben sportlich durch.