Pressestimmen: Wechsel zu aggressiver Taktik

2. April 2003, 19:03
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Neue Zürcher Zeitung: "In Washington wird die Gefahr eingeräumt, die Bevölkerung gegen sich aufzubringen"

Dass die US-Streitkräfte, die der irakischen Zivilbevölkerung mit zunehmendem Misstrauen begegnen, durch drastische Maßnahmen die Bevölkerung gegen die Invasoren aufbringen, beschäftigt am Mittwoch zahlreiche europäische Blätter.

"Neue Zürcher Zeitung":

"Der Wechsel zu einer aggressiven Taktik hat bereits begonnen. Hatten die Streitkräfte ursprünglich gehofft, auf ihrem Vormarsch nach Bagdad die südirakischen Städte umgehen zu können, so sehen sie sich nun wegen der feindlichen Überfälle entlang der Nachschublinien zu drastischen 'Säuberungsaktionen' gezwungen. In Washington wird eingeräumt, dass die USA Gefahr laufen, die Bevölkerung gegen sich aufzubringen."

"General-Anzeiger" (Bonn):

"In der Radikalisierung, die dieser Krieg jetzt erfährt, scheint sich die Geschichte vielleicht doch zu wiederholen. Viele militärische Auseinandersetzungen haben mit der Vorstellung begonnen, man könne das Kriegsgeschehen auf ausgewählte Schlachtfelder begrenzen und Zivilisten aus den Konflikten heraushalten. Tatsächlich gelungen ist das fast nie. Und immer war es so, dass das Leiden der Bevölkerung in dem Maße zunahm, in dem der Krieg schwieriger und langwieriger wurde."

"Stuttgarter Zeitung":

"Der Krieg wird jeden Tag brutaler und grausamer. Amerikanische Soldaten erschießen Frauen und Kinder (...) Opfert der Irak bewusst Frauen und Kinder, um das Vorgehen der Amerikaner zu brandmarken? Oder schießen US-Soldaten aus Angst wahllos auf alles, was sich ihnen nähert? Wir wissen wirklich wenig über diesen Krieg. Aber die Bilder entfalten ihre Wirkung. Amerika ist im Begriff, diesen Krieg politisch zu verlieren."

"Abendzeitung" (München):

"Jubel? Offene Arme? Die Erwartung der US-Armee, im Irak als 'Befreier' empfangen zu werden, hat sich als grandioser Irrtum herausgestellt. Im besten Fall sind es Angst und Misstrauen, die den US-Soldaten entgegen schlagen - im schlimmsten Wut und Hass. Und durch Vorfälle wie gestern, bei denen US-Soldaten mindestens sieben unbewaffnete Kinder und Frauen erschießen, wird die explosive Stimmung weiter angeheizt. (...) Je öfter US-Soldaten überreagieren und auf alles ballern, was sich bewegt, desto öfter wird es Unschuldige treffen - und desto größer wird die Wut. Und sicher auch die Bereitschaft, Anschläge zu begehen. Um als Befreier empfunden zu werden, dafür braucht es mehr als ein paar vom Laster geworfene Fertignahrungspakete."

"Süddeutsche Zeitung":

"Sollte sich der Krieg hinziehen, dann könnten die Kurden den Alleingang versuchen. Möglichkeiten dazu haben sie: In Kirkuk leben Hunderttausende von ihnen. Sollten sie plötzlich den Aufstand gegen Saddam wagen, würden die Peschmergas sofort zu Hilfe eilen. Führende Kurdenpolitiker deuten bereits an, dass ihre 'Politik nicht statisch' sein könne. Klar ist auch, dass die Kurdenführer einen Aufstand bei politischem Bedarf selbst auslösen können. Dann aber wird auch die türkische Politik nicht statisch bleiben - eine gefährliche Dynamik könnte sich entwickeln..."

"Der Tagesspiegel" (Berlin):

"Wichtigster und bisher einzig erkennbarer Verbündeter der Alliierten vor Ort sind die irakischen Kurden. Mit ihrer Hilfe bemühen sich die US-Streitkräfte, im Norden Iraks eine zweite Front zu errichten, nachdem die Türkei sich verweigert hat (...) Die so von den amerikanischen Planern nicht vorgesehene alleinige Abstützung der Nordoperation auf die Kurden schafft jedoch zusätzliche politische Probleme. Die Führer der Kurden verfolgen in und mit dem Krieg eine eigene politische Agenda."

"Frankfurter Rundschau":

"Der Irak-Krieg nährt die Hoffnungen der Kurden auf einen eigenen Staat, aber die Türkei will ihn verhindern. 'Kurd haweni nia' lautet ein kurdisches Sprichwort, 'die Kurden haben keine Schirmherren'. Jetzt haben sie zumindest einen Verbündeten, den mächtigsten, den man sich denken kann. Oder zumindest glauben sie, ihn zu haben. An der Seite der USA sollen die kurdischen Peschmerga-Milizen Nordiraks helfen, das Saddam-Regime zu stürzen. An Motivation fehlt es den irakischen Kurden nicht. Ihrem Traum von einem eigenen Staat sind die irakischen Kurden jetzt näher gekommen als jemals zuvor."

"Le Monde" (Paris):

"Alle wollten an einen schnellen Sieg der amerikanisch-britischen Truppen glauben und an eine sich daran anschließende stabilere Erholung in den USA und dann der gesamten Weltwirtschaft. In den vergangenen Tagen hat sich jedoch ein schwarzes Szenario in den Köpfen der Ökonomen durchgesetzt. Die internationalen Finanzmärkte sorgen sich über die Auswirkungen eines langen Krieges, befürchten eine Stagnation und im Fall des Steckenbleibens der Amerikaner in der irakischen Wüste noch schlimmer eine Rezession."

"Liberation" (Paris):

"Die irakische Guerilla drängt ihren waffenmäßig überlegenen britisch-amerikanischen Feind an den Rand einer politischen Niederlage, in dem sie ihn dazu bringt, die Bevölkerung, die nach den Worten von Bush beschützt oder befreit werden soll, wie einen Feind zu behandeln. Die amerikanischen Soldaten haben den Befehl, einen Feind zu bekämpfen, der entschlossen ist, mit allen Mitteln zurückzuschlagen (...) Sie müssen aber auch 'die Herzen und den Geist' der Bevölkerung gewinnen, die sie befreien wollen. Die Erfahrungen in Vietnam haben gezeigt, dass ein Ausweg aus diesem Dilemma zu einem unmöglichen Auftrag werden kann."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Der Krieg gerät in eine fatale Abwärtsspirale: Je überwältigender die Übermacht der US-Kriegsmaschinerie wirkt, desto stärker werden sich irakische Kräfte auf Terror- und Guerillamethoden konzentrieren, ihre Haubitzen in städtischen Wohngebieten platzieren, Milizen in Alltagskleidung in den Kampf schicken und Zivilpersonen als menschliche Schutzschilde missbrauchen. Die Amerikaner und Briten sind unfähig, sich dieser Entwicklung zu entziehen. (... ) Sie haben sich in einen Kleinkrieg verwickelt, der an die bürgerkriegsähnlichen Konflikte in Israel oder Nordirland gemahnt, noch bevor der Kampf um Bagdad überhaupt begonnen hat. Die Zukunft der militärischen Befreiung des Irak droht äußerst hässlich und blutig zu werden."

"Die Welt" (Berlin):

"Der blutige Vorfall am Checkpoint der 3. Infanteriedivision zeugt von der Nervosität amerikanischer Soldaten (...) Das Ziel (des Selbstmordattentats) scheint damit erreicht - nämlich Übergriffe gegenüber irakischen Zivilisten zu provozieren, die dann sogar die Schiiten auf Saddams Seite ziehen. Für Verbitterung im Volk sorgen auch die mit jedem Tag wachsenden 'Kollateralschäden' der Bombenangriffe. (...) Furchtbare Bilder ziviler Opfer beherrschen die TV-Bildschirme, vor allem bei arabischen Sendern."

"Wremja MN" (Moskau):

"Der Krieg erschüttert die Märkte. Seit Begin der Militäroperation sind die Preise für Öl, Wertpapiere und Gold noch labiler geworden. Derzeit kann niemand mehr mit Gewissheit die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts vorhersagen. Während die Amerikaner noch gespannt die Berichte aus dem Irak verfolgen, verspüren andere Länder bereits deutlichen Schaden. Der Aufschwung in den EU-Staaten ist wieder abgeflaut. In Frankreich und Großbritannien schwindet der Optimismus der Verbraucher ebenso wie in Japan die Zuversicht der Geschäftsleute. Die ganze Welt zahlt schon jetzt für den gerade erst begonnenen Krieg..."

"The New York Times":

"Der große Fehler (der USA) waren die politische Einschätzung und die Erwartung, dass die Südirakis die amerikanischen Truppen begrüßen und nur minimalen Widerstand leisten würden. (...) Die Vereinigten Staaten haben die Irakis sichtlich falsch eingeschätzt, und es scheint wenig Grund für die Hoffnung zu geben, dass wir wesentlich einfühlsamer sein werden, wenn es an den Wiederaufbau geht."

"The Independent" (London):

"Die britischen Streitkräfte sind mit Recht stolz auf ihre in Nordirland erworbene Um- und Vorsicht. Vieles deutet darauf hin, dass sich diese Fähigkeiten im Irak nun als wertvoll erweisen werden. Aber wir sollten nicht vergessen, dass diese Techniken hart erkämpft wurden - und dass den Weg dorthin viele Tote, Untersuchungen und Fehler säumten. Der Preis exzessiver oder wahlloser Gewaltanwendung ist hoch. Und im Irak, wo das erklärte Ziel die Befreiung ist, ist der Preis für die Nichtbeachtung der uns selbst gegebenen Regeln zur Mäßigung umso höher."

"The Guardian" (London):

"Den Nachbarn (Syrien und Iran) zu drohen, ist kaum der richtige Weg, bei Moslems um Unterstützung für die Sache Amerikas zu werben. (...) Der ägyptische Präsident prophezeit nun bereits, dass der Krieg '100 Bin Ladens' hervorbringen wird. Er könnte Recht behalten. Die USA haben bisher keine eindeutige Verbindung zwischen dem Irak und Al Kaida finden können. Jetzt könnten sie durch ihr eigenes erbärmliches Versagen genau so eine Verbindung zu Stande bringen."

"Kommersant" (Moskau):

"Die Führung der amerikanisch-britischen Koalition im Irak hat noch eine Begründung für ihre militärischen Misserfolge gefunden. Nach den Sandstürmen, der 'unkorrekten' irakischen Kriegsführung und russischen Rüstungslieferungen sind nun die Journalisten an der Reihe. Das Pentagon ordnete die Ausweisung von gleich zwei Journalisten aus dem Irak an, weil jene angeblich Geheimnisse über die Verlagerung amerikanischer Truppenteile verrieten. (...) Unterdessen will US-Präsident George W. Bush seinen Landsleuten daheim weismachen, wie blendend doch der Krieg vorangeht." (APA/dpa)

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