Franzobel zum "News"-Cover

3. April 2003, 22:28
17 Postings

...eine Hitliste an Grauslichkeiten, ein Kriegsverbrecherranking?

Auf dem Weg zum Kindergarten hat mich mein Sohn gefragt, wieso denn das Kind da keine Haut mehr hat, nur Blut. War das der böse, böse Krieg?, hat er gefragt und auf das große Bild vor der Trafik gezeigt.

Unverlangt ist es am selben Tag in meinen Postkasten gelangt, vor die Haustür ebenfalls, und tags darauf hat es mir der Schaffner ins Zugabteil gelegt. Auf meinen abwehrenden Ich-will-das-nicht-Blick hat er reagiert mit "Das müss' ma loswerden". Und auf meine Aber-ich-kenn'-das-doch-schon-Handbewegung hat er "Ich kann nichts dafür" gesagt.

Was müss' ma loswerden? Wofür will niemand etwas können?

Es glänzt und schaut wie eine Landkarte mit lauter kleinen roten Inseln aus, wie eine Fjordlandschaft in Norwegen bei Sonnenuntergang vielleicht, nur ist das keine Erde, sondern Haut, weggerissene, verbrannte Haut, ein Kindsgesicht darauf - und darüber steht dann "News".

Das muss in jeden Haushalt Österreichs, das muss dann jeder sehen. Natürlich, "News" muss auch verkaufen, "News" muss leben, buhlt um Leser, kennt keine Moral. "News" geht es nur um das Geschäft, schließlich darf auch Benetton schockieren, und der Krieg ist eine schlimme, ungeheure Sache.

Vielleicht ist es gar nicht einmal so schlimm, wenn mein Sohn jetzt vor dem Einschlafen fragt, ob dieser böse, böse Krieg zu allen Kindern kommt, allen die Haut abzieht. So wie ein böser Weihnachtsmann. Vielleicht ist es auch richtig, Kriegsgräuel zu zeigen. Aber wenn es dann doch nur "News" sind, "News" drin ist im "News"? Eine Hitliste an Grauslichkeiten, ein Kriegsverbrecherranking?

Diesmal, finde ich, hätten sich die Fellners im Zeigen der dünnen Haut, die sie selbst nicht haben - nicht im Namen, nicht im Journalismus und schon gar nicht in ihrem Heft -, diesmal hätten sie sich zurückhalten können, müssen. Ich jedenfalls hätte dieses Cover nicht gebraucht. Es ist eine Schweinerei.

Nicht, weil der Anblick dieses Kindes so schrecklich ist, sondern weil "News" damit so ungeniert zeigt, dass es an dem Krieg verdienen will.

Die schlechten Träume meines Sohnes sind ihm dabei wurst. (DER STANDARD, Printausgabe vom 2.4.2003)

Der 1967 geborene Schriftsteller lebt in Wien und manchmal in Buenos Aires; zuletzt erschienen: "Austrian Psycho oder der Rabiathödlmoser" und "Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit".
Share if you care.