Chinesische Regierung hebt Info-Sperre auf

2. April 2003, 11:25
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WHO sieht nun Chance, zum Ausgangspunkt der Infektionen vorzudringen und Ausbreitung zu stoppen

Die chinesische Regierung hat auf die internationale Kritik an ihrer Untätigkeit und Nachrichtensperre zur gefährlichen Lungenkrankheit Sars (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom) mit dem Beginn eines landesweiten Aktionsprogramms reagiert. Die vom Gesundheitsministerium am Dienstag veröffentlichten Verordnungen zur Behandlung und Isolierung von Sars kommen - einen Tag nachdem das Wallstreet Journal spektakulär die Einstellung aller Verkehrsverbindungen mit China verlangte; denn nur damit könne man die Regierung zwingen, eine "transparente öffentliche Gesundheitskampagne" zu starten.

Der Virenspezialist Wolfgang Preiser von der Frankfurter Universitätsklinik, Mitglied der von der Weltgesundheitsorganisation WHO in Peking eingesetzten Ärztegruppe, begrüßte die Veröffentlichung dieser Verordnungen. Die fünf WHO-Mediziner sollen dem neuartigen Erreger auf die Spur kommen.

"Quelle der Infektion"

Preiser hofft, nun endlich die Genehmigung für einen Besuch in Südchinas Provinz Guangdong zu bekommen, von wo aus die weltweite Infizierung ihren Ausgang genommen hat. "Wenn diese Reise nicht zustande kommt, würde das nur den Verdacht verstärken, dass China entgegen seinen Behauptungen die Krankheit nicht unter Kontrolle hat", sagte Preiser dem STANDARD.

Der Arzt, der im Sars-Erreger eine Mutation aus der Familie der Erkältungskrankheiten auslösenden Coronaviren vermutet, glaubt in Guangdong auf "die Quelle der Infektion" stoßen zu können. Berichte aus dem Volkskrankenhaus der Stadt Heyuan, wo Ende vorigen Jahrs erstmals Sars-Fälle auftauchten, bestätigen nun Preisers Verdacht, es mit einem auf den Menschen übertragenen tierischen Virus, einer so genannten "Zoonose", zu tun zu haben.

In Internetberichten wurde der Arzt Xie Jinkui aus dem Volkskrankenhaus mit der Aussage zitiert, dass sein erster Patient der 35-jährige Huang Xinchu gewesen sei. Dieser sei bereits krank aus der vor Hongkong liegenden Stadt Shenzhen zu ihnen gekommen.

Huang habe als Koch für eine Spezialitätenküche seltenes Wildbret zubereitet. Auch unter anderen Erkrankten seien auffallend viele gewesen, die mit dem Handel oder der Schlachtung von Wildtieren, wie etwa Schlangen, zu tun hatten. Xie Jinkui wies auch auf die Ansteckungsart durch engsten Kontakt hin. Acht der ersten elf Angesteckten in seinem Krankenhaus seien entweder Krankenhauspersonal oder Familienmitglieder gewesen. Der erstinfinzierte Koch sei später als geheilt entlassen worden.

Strikte Regeln

Chinas vorläufige Bestimmungen im Umgang mit Sars-Patienten legen auf Dutzenden Seiten strikte Regeln zu Erkennung, Desinfektion Behandlung und Quarantäne fest. Ein Katalog verzeichnet Merkmale wie Fieber über 38,5 Grad, Gliederschmerzen am ganzen Körper, Husten, Schnupfen sowie Pulsfrequenz und Lungenauffälligkeiten.

Bei der Behandlung unter Quarantäne muss das medizinische Personal Mundbinden aus zwölf Schichten Mull tragen, die alle vier Stunden gewechselt werden müssen. Sie müssen neben Handschuhen auch die Augen abschließende Brillen tragen. Patienten dürfen nur dann als geheilt entlassen werden, wenn sie sieben Tage lang ohne Medikamenteneinnahme fieberfrei und ihre Lungen völlig in Ordnung sind.

Chinas Erkrankte machen mehr als die Hälfte der weltweit Infizierten aus. In der schwer betroffenen Stadt Hongkong wurde am Dienstag in der Verwaltung überlegt, abgeschirmte staatliche Ferienlager zu Isolierplätzen umzuwandeln, wenn sich die Ansteckungsraten weiter erhöhen, berichtete die South China Morning Post.

(Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2003)

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