Blau-schwarzes Dilemma

1. April 2003, 17:56
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Samo Kobenter über die Kür von Barbara Rosenkranz zur Chefin der FPÖ-NÖ und die Folgen für die Regierung

Die so gut wie beschlossene Kür von Barbara Rosenkranz zur Chefin der darnieder liegenden niederösterreichischen Freiheitlichen als bloßen Rechtsruck zu verkennen wäre eine Fehlinterpretation des strategischen Dilemmas, in dem sich die kleinere Regierungspartei bundesweit befindet. Denn erstens waren die Blauen in Niederösterreich nie ein Hort des Liberalismus und vom gemäßigten Attersee-Kreis innerlich stets um vieles weiter entfernt als geografisch.

Zweitens ist der verzweifelte Versuch der Niederösterreicher, irgendwie vom Boden aufzukommen, keine auf ein einzelnes Bundesland beschränkte Anstrengung. Die FPÖ steht bundesweit vor dem Phänomen, dass ihr die Protestwähler, die ihr in den letzten Jahrzehnten von den anderen Parteien zugelaufen sind, wieder abhanden kommen. Paradoxerweise gehen sie dorthin zurück, woher sie kamen: in den meisten Ländern zur ÖVP, wie auch die Nationalratswahl zeigte. In Kärnten kamen sie vor allem aus der SPÖ, und in Kärnten wird sich wohl wieder einmal das mittelfristige Schicksal der FPÖ entscheiden. Dort hat sie mit 42 Prozent die Mehrheit - und bei der Landtagswahl im nächsten Frühjahr am meisten zu verlieren.

Sollte Jörg Haider merken, dass ihm die Felle davonschwimmen, wird er wohl alles auf eine Karte setzen und mit der Losung "Los von Wien" in die Wahl ziehen. Die einzige Möglichkeit, ihn davon abzuhalten und ein weiteres vorzeitiges Auseinanderbrechen der Bundesregierung zu verhindern, wäre das Versprechen der ÖVP, ihn auf jeden Fall zum Landeshauptmann zu machen. Es zeichnet sich eine Konstellation ab, die paradoxer nicht sein könnte: Noch nie waren die Hasardeure Wolfgang Schüssel und Jörg Haider voneinander so abhängig wie jetzt, da sie nichts mehr voneinander wissen wollen.(DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2003)

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