Reportage aus Bagdad: Picknick mit Papa als Trost für die Angst

2. April 2003, 11:46
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Kriegsalltag: Geschäfte sind geöffnet - nur der Preis ist auf das Dreifache gestiegen

Die Menschen in Bagdad haben sich an den Krieg gewöhnt. Sie trauen sich wieder auf die Straße. Geschäfte sind geöffnet, die Regale gefüllt: Es gibt auch frisches Obst und Gemüse - nur der Preis ist auf das Dreifache gestiegen. Wenn ein Flugzeug zu hören ist, fangen alle an zu laufen.

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"Heute hatte ich das Gefühl, dass es an der Zeit ist aufzumachen", sagt Maithem Hashim. Er steht hinter vollen Körben mit getrockneten Aprikosen, Pistazien, Mandeln und einer Menge Gewürzen. "Vor zwei Wochen habe ich alles mit nach Hause genommen. Aber jetzt habe ich das meiste wieder zurückgebracht", sagt er. "Ich bin jetzt zwei Wochen lang zu Hause gesessen. Das ist noch nie passiert. Die Kinder sind überglücklich und glauben, dass es jetzt jeden Tag ein Picknick mit Papa gibt."

Maithem lacht, wird aber rasch wieder ernst. "Das ist tagsüber und ein Trost, kann aber ihre Angst in der Nacht nicht ausgleichen. Wenn die Explosionen das Haus erzittern lassen, weinen sie."

Die meisten Stände in der Nachbarschaft von Maithem und seinem Freund Ali sind immer noch leer. Neun von zehn Buden auf dem Markt in Bagdad sind geschlossen. "Ich glaube, die meisten werden im Laufe der nächsten Tage wieder öffnen. Mehrere Besitzer der anderen Geschäfte kamen schon nachschauen. Und als sie uns gesehen haben, wollten sie auch nicht zurückstehen", sagt Maithem. "Aber heute haben wir den Markt für uns", meint er gut gelaunt und wiegt Erdnüsse ab.

Es hat den Anschein, als würde Bagdad wieder zum Leben erwachen, obwohl die Bomben die ganze Nacht lang bis zum Morgen gedröhnt haben. Die Menschen haben sich an den Krieg gewöhnt. Immer mehr sind auf den Straßen zu sehen. Einige versuchen auch, ihre Vorräte aufzufüllen. "Ich glaube nicht, dass es gefährlicher ist, hier auf dem Markt zu sein als zu Hause. Außerdem muss ich Geld verdienen. Ich kann nicht einfach wochenlang nichts einnehmen. Ich habe vier Kinder. Mein Jüngster ist gerade einmal vier Monate alt", erzählt Maithem. "Er ist der Einzige zu Hause, der nicht begreift, was los ist."

Maithem seufzt. Er weiß nicht, wie lange er geöffnet haben kann. "Ich habe noch Ware auf Lager, aber ich weiß nicht, wie lange das reicht. Wir bekamen sonst immer Nachschub aus Mossul, aber jetzt funktionieren dort die Telefone nicht mehr. Ich weiß auch nicht, ob die Straße sicher ist. Wenn ich keine neue Ware bekomme, muss ich doch bald wieder schließen."

Noch hat es nicht den Anschein, als gebe es Probleme mit den Lieferungen. Der Obst- und Gemüsemarkt quillt fast vor Waren über. Aber die Preise sind gestiegen. Orangen kosten inzwischen fast das Dreifache, dasselbe gilt für Bananen, Tomaten und andere frische Waren.

"Wer nicht arbeitet, hat nichts zu essen", meint der Teeverkäufer Haidar gut gelaunt. Um ihn herum stehen mehrere Männer. Haidar gießt starken schwarzen Tee in kleine Gläser. "Was sollen wir machen? Wir können nur versuchen zu leben, so gut es eben irgendwie geht."

Bei einem Gebäude direkt am Markt haben sich Menschen versammelt. Sie betrachten das Ergebnis des nächtlichen Bombenangriffs. Eine von Bagdads Telefonzentralen hat Totalschaden erlitten. Das Dach ist weg, nur noch ein paar Mauern stehen. Kabel hängen in der Luft, Betonbrocken und kaputte Möbel liegen herum.

"Ist es etwa das, was die sich unter der Einführung der Demokratie vorstellen?", fragt ein älterer, gut gekleideter Herr. "Wir Iraker werden es nie hinnehmen, dass uns jemand besetzt." Ein anderer Mann mischt sich ein: "Nach der Zerstörung dieser Zentrale funktioniert im ganzen Stadtteil kein Telefon mehr. Das betrifft 25.000 Familien. Was für ein Krieg soll das sein? Den Leuten die Möglichkeit zu nehmen, miteinander zu kommunizieren?"

Der Mann hielt in einem Nachbargebäude Wache, als die Rakete einschlug. "Ein kleiner Bub ist von der Bombe getötet worden. Er wohnte in einer Wohnung direkt nebenan. Ich habe ihn selbst ins Krankenhaus gebracht. Das Blut lief ihm aus der Nase und aus dem Mund. Er ist an inneren Verletzungen gestorben, die der enorme Luftdruck verursacht hat. Er wurde nur fünf Jahre alt", sagt der Arbeiter. Die Leute stehen um ihn herum und hören sich die Geschichte an. Von ihren Gesichtern ist Mitgefühl und Angst abzulesen. Resigniert betrachten sie die Telefonzentrale.

"Raketen, Raketen", ruft plötzlich ein Bub. Alle schauen in den Himmel und beginnen dann zu laufen. Sie entfernen sich von der Telefonzentrale, weil sie sich dort nicht sicher fühlen. Vielleicht gibt es einen neuen Angriff. Das Flugzeug entfernt sich, und das Geräusch der Raketen, die es abgefeuert hat, gellt in den Ohren. Aber die Raketen galten einem anderen Ziel. Weitere Gebäude werden zerstört, irgendwo anders in Bagdad.

Während sich die Leute auf der Straße langsam an die Kriegssituation gewöhnen, setzen die irakischen Behörden ihren Krieg fort. "Sie müssen sich ergeben, oder sie gehen in einen sicheren Tod", droht Außenminister Naji Sabri bei einer Pressekonferenz. "Sie werden in die Falle gehen, die sie selbst gegraben haben. Die gesamte Wüste des Irak wird zu einem Friedhof für die Besetzer werden", sagt er. "Der Sieg ist nahe", verspricht er dann, "für die Sache der Gerechten, die des Irak."

Informationsminister Mohammed Said Al-Sahhaf macht dort weiter, wo der Außenminister aufgehört hat. Er wird konkreter: "In den letzten vierundzwanzig Stunden haben wir dreizehn Panzer zerstört, acht andere Armeefahrzeuge, vier Hubschrauber, zwei unbemannte Flugzeuge und ein Kommandofahrzeug. Wir haben große Mengen von militärischem Nachschub konfisziert und 43 feindliche Soldaten getötet", sagt er und nennt die Soldaten der Koalitionstruppen "Mörder, Saboteure, Rassisten und Besetzer. Sie haben nichts anderes als den Tod verdient."

Keiner kümmert sich mehr sonderlich über die Drohungen der Behörden. Der Krieg ist zu etwas geworden, womit sich die Leute in Bagdad gezwungenermaßen abfinden. Aber mit einem können sie sich nicht abfinden: mit den Opfern, die jede Nacht und jeden Tag mehr werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2003)

Åsne Seierstad aus Bagdad
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