"Genau das, was wir nicht brauchen"

1. April 2003, 19:30
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Heftige Kritik an Stundenkürzungen - AHS-Lehrer halten Quasi-Streiktag ab

Als "Energiesparprogramm für Schüler" stellte Bundeskanzler Schüssel nach dem dienstägigen Ministerrat die Stundenreduktion - um ungefähr zwei Unterrichtsstunden pro Woche quer durch alle Schultypen - vor. An den Unis regt sich Kritik. AHS-Lehrer halten am 9. April einen Quasi-Streiktag ab.

Wien - An den steirischen Universitäten ist man über die vorliegenden Stundenkürzungen empört: Es fehle eine Abstimmung mit den Unis, kritisiert TU-Graz-Rektor Hödl. Die Verringerung von Physik sei "genau das, was wir nicht brauchen", ergänzt Wolfgang Pöhl, Rektor der Montanuniversität Leoben. Kinder und Jugendliche müssten zu naturwissenschaftlich-technischen Belangen stärker hin- und nicht weggeführt werden.

Die von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer verordneten Kürzungen sind relativ gleichmäßig verteilt, der Schulsport bleibt unangetastet. Jede Schule kann allerdings autonom eigene Regelungen treffen. Und das sind die Änderungen im Speziellen, wie sie in dem zur Begutachtung ausgesandten Verordnungsentwurf stehen:

Volksschule: Die wöchentlichen Pflichtstunden über vier Jahre werden von 92 auf 90 verringert. Je eine Stunde Englisch soll - wie in den ersten beiden Klassen - nun integriert unterrichtet werden (schulautonom kann Englisch aber auch als eigenes Fach angeboten werden.

Hauptschule: Die Pflichtstunden werden von 127 auf 120 reduziert. Es fällt je eine Stunde Geografie, Physik, Biologie, Musik, Bildnerische Erziehung und Haushaltslehre sowie je eine halbe Stunde Technisches Werken und Geometrisch Zeichnen.

AHS-Unterstufe: Die Pflichtstunden verringern sich über vier Jahre von 126 auf 120. Im Gymnasium fallen je eine Stunde Deutsch, Geografie, Physik, Biologie sowie zwei Stunden Latein. Realgymnasium: je eine Stunde Deutsch, Geografie, Physik, Geometrisch Zeichnen, Biologie, Mathematik weniger.

AHS-Oberstufe: 130 statt 138 Pflichtstunden, in allen Schultypen werden je zwei Stunden Wahlpflichtfächer gekürzt. Gymnasium: Je eine Stunde in Latein, Griechisch/ zweite lebende Fremdsprache, Geschichte, Physik, Bildnerische Erziehung/Musik, Geografie. Realgymnasium: Je eine Stunde in der zweiten Fremdsprache/Latein, Geschichte, Physik, Bildnerische Erziehung/Musik, Geografie.

BMHS: Zwei Stunden pro Klasse weniger, schulautonome Regelungen.

"Chaos im Herbst"

Am 9. April gibt es an den AHS in einer von der Gewerkschaft vorgegebenen Rahmenzeit zwischen acht und 13 Uhr Dienststellenversammlungen der Lehrer und somit unterrichtsfrei. Jede Schule entscheidet, wie lange das dauern wird. Denn im Herbst werde "Chaos" herrschen, fürchtet Azevedo Weißmann, Vorsitzender des Zentralausschusses der Personalvertretung der AHS-Lehrer im STANDARD-Gespräch. Bis dahin würden die Lehrpläne wohl kaum reformiert sein. Absurd sei, dass Gehrer von "Entrümpelung" der Lehrpläne spreche, obwohl diese im Bereich der AHS erst vor kurzem reformiert wurden: In der Oberstufe wären die Neuerungen sogar erst kommenden Herbst in Kraft getreten.

Gehrer hat eine "Zukunftskommission" ins Leben gerufen, die eine "Systemprüfung des Schulwesens" vornehmen soll. Ihr Argument bei der Stundenkürzung ist die international vergleichsweise hohe Schülerbelastung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.4.2003)

Von Martina Salomon

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