"Wir hassen die Bush-Regierung"

1. April 2003, 18:18
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Das Regime in Pjönjang ist überzeugt, nach Ende des Irakkriegs das nächste Ziel der USA zu sein - Eine Reportage aus Nordkorea

Mit dem Test einer Antischiffsrakete und neuen Vorwürfen an die USA hat Nordkorea am Dienstag die Welt erneut auf die andere Krise in der "Achse des Bösen" aufmerksam gemacht. Das Regime in Pjöngjang ist überzeugt, dass ihr Land nach Ende des Irakkrieges das nächste Opfer der US-Politik sein wird. Auch die Menschen stellen sich ganz auf Krieg ein, zeigt der Lokalaugenschein einer ORF-Reporterin, die vergangene Woche Nordkorea bereiste.

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Kim Man Suk kennt die Amerikaner. In seinen Filmen, die im Südkorea der 50er-Jahre spielen, treten sie meist als zynische Geschäftemacher auf, die Einheimische mit Glücksspiel und Sex auf Abwege führen. Da Nordkoreas "geliebter Führer" Kim Jong-il Spielfilme liebt, kann der Regisseur in den Filmstudios von Pjöngjang immer wieder solche Szenen drehen.

Doch derzeit beschäftigen Kim Man Suk weitaus ärgere Sünden der Amerikaner. Täglich hört er von der staatlichen Propaganda, dass die USA nach dem Irakkrieg sein Land angreifen werden. Wie im Irak würde die Supermacht auch hier eine schmähliche Niederlage erleiden. "Wir haben keine Angst vor dem Krieg", sagt er stolz. "Wir haben gegen Japan gekämpft und gesiegt, wir haben im Koreakrieg gegen die USA gekämpft. Unser mächtiges Militär kann Amerika besiegen."

Vieles, was Menschen hier sagen, erscheint geprobt und gestellt. Aber wenn sie auf ihre Liebe zu Kim Jong-il und ihren Hass auf die Amerikaner zu sprechen kommen, dann wirken die Gefühle echt.

Kim lässt kegeln

Alles Gute kommt von Kim Jong-il, der inzwischen genauso intensiv verehrt wird wie sein 1994 verstorbener Vater Kim Il Sung. Selbst der Besucher einer Kegelhalle weiß, wem er den Spaß zu verdanken hat. "Ich komme gerne hierher, weil unser geliebter Führer Kim Jong-il so klug ist, etwas für unsere Freizeit zu tun, und diese Kegelhalle errichtet hat", antwortet er der verdutzten Reporterin auf die Frage, wie oft er kegeln gehe.

An allen Problemen sind die USA schuld - vor allem an der Teilung des Landes. "Wir hassen die US-Armee und die Bush-Regierung. Sie bereiten einen neuen Krieg vor", erklärt die Führerin am Flussufer von Pjöngjang, wo das 1968 gekaperte US-Spionageschiff "Pueblo" ausgestellt ist. Wie eine Trophäe wird es jedem Ausländer gezeigt.

Auch im Alltag finden die Nordkoreaner viel Grund zum Amerikahass, denn im letzten stalinistischen Arbeiter- und Bauernparadies funktioniert zurzeit wenig. Die Hungersnot der Neunzigerjahre scheint zwar dank westlicher Hilfe gebannt, doch die meisten Kinder haben Anzeichen von Unterernährung.

Seit seinem zweiten Lebensjahr leide ihr fünfjähriger Sohn unter Zahnschmerzen, berichtet eine Lehrerin - akuter Kalziummangel. Nur selten lässt sich neben den Essensrationen auf verstecken Straßenständen eine Delikatesse ergattern - einmal sogar ein Glas Nutella.

Vor allem aber macht dem Land der Energiemangel zu schaffen. Stundenlang wird in der Hauptstadt der Strom abgedreht, stoppen die Fabriken, bleiben die Züge und die elektrischen Omnibusse stecken. Am frühen Abend stauen sich an den Bushaltestellen die Massen. Kommt der Bus nicht, müssen die Menschen stundenlange Fußmärsche auf sich nehmen, um ihre Wohnungen in den Plattenbauten am Stadtrand zu erreichen.

Dort ist die Mühsal nicht zu Ende. "Viele Leute bei uns wohnen im 20. Stockwerk, und wenn der Strom ausfällt, müssen sie zu Fuß hinaufgehen. Ohne Licht und Strom müssen die Frauen den Reis kochen. Es ist wirklich sehr schwer für uns", sagt Ra Yong Su vom nordkoreanischen Energieministerium.

Auch er schiebt den USA die Schuld zu - und mit gutem Grund: "Die USA haben uns diese ausweglose Situation eingebrockt. Sie haben uns Schweröl versprochen, doch sich nicht daran gehalten. Jetzt müssen wir Atomkraftwerke bauen, um dem Energiemangel Herr zu werden."

Sicher mit Atomwaffen

Es ist dieses Atomprogramm, das die USA und Nordkorea seit Monaten in eine gefährliche Konfrontation treibt. Pjöngjang versichert zwar, dass die wieder hochgefahrenen AKW nur der Stromerzeugung dienen, doch in Washington glaubt man das nicht. "Die nordkoreanische Führung glaubt wirklich an einen US-Angriff und sieht ihre einzige Chance auf Sicherheit darin, möglichst rasch Atomwaffen zu erwerben", sagt Don Oberdorfer, ehemaliger Korea- Korrespondent der Washington Post und Autor zahlreicher Koreabücher. Der beste Ausweg sei die sofortige Aufnahme bilateraler Gespräche, die aber Washington verweigere.

Selbst wenn der Strom nicht ausfällt, gehen in Pjöngjang oft die Lichter aus. Dann heulen die Sirenen auf, und die Menschen verschwinden in den Bunkern und den U-Bahn-Anlagen: Zivilschutzübungen für den kommenden Krieg.

Auch an der Grenze zu Südkorea in der so genannten demilitarisierten Zone sind die Truppen in ständigem Alarmzustand. "Es kommt vielleicht zum Krieg, und ich muss meiner Mission zur Verteidigung des Landes ganz treu bleiben", sagt ein Soldat. "Aber dank unseres geliebten Führers Kim Jong-il können wir den Sieg erringen. Das denke nicht nur ich, das denkt das ganze Volk. Wir werden siegen."(DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2003)

Katinka Nowotny aus Pjöngjang

Der Beitrag wird am Mittwoch im "Weltjournal" (ORF 2, 22.30 Uhr) gesendet

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    Kim Jong-ils Getreue hassen ...

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    ... George W. Bush

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