"Die Schwachen gehen leer aus"

1. April 2003, 17:39
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UN-Kritik an humanitärer Situation - "Aggressoren" sollen helfen

Bagdad/Berlin - Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) hat die Verteilung der Hilfsgüter durch das Militär im Irak als ungerecht kritisiert. "Das Militär ist nicht neutral. Hilfspakete bekommen nur die Starken, die Schwachen gehen leer aus", erklärte Dietrich Garlichs, Geschäftsführer von Unicef- Deutschland, am Dienstag in Berlin. Die britischen und amerikanischen Soldaten würden die Pakete nur von den Lastwagen werfen, im Gerangel könnten sich dann nur die Stärkeren durchsetzen.

Unicef hat ein großes Nothilfeprogramm gestartet. Schwerpunkte in den kommenden sechs Monaten seien besonders die Wasserversorgung der Gesamtbevölkerung und Impfprogramme sowie Lebensmittel für unterernährte Kinder und schwangere Frauen. Unterstützung leiste das Kinderhilfswerk auch bei der Ausbildung von Lehrern und Erziehern, die kriegstraumatisierten Kindern helfen sollen, so Garlichs.

USA verantwortlich

Auch der frühere Leiter des Irak-Hilfsprogramms der UNO, Denis Halliday, machte die USA und Großbritannien für die schlechte humanitäre Situation der Zivilisten im Land verantwortlich. Die Lage sei wegen der UN-Sanktionen schon schlecht gewesen, jetzt hätten die Bombardements eine wirkliche Krise herbei geführt, sagte Halliday am Dienstag. "Nach der Genfer Konvention müssen die Amerikaner und Briten hier voll verantwortlich gemacht werden", erklärte Halliday, der 1998 aus Protest gegen die Sanktionspolitik gegen den Irak als UN-Koordinator des "Öl-gegen-Lebensmittel"-Programms zurückgetreten war.

Die Kosten für die Versorgung mit medizinischen Hilfsmittel und Lebensmitteln und für die grundlegenden Bedürfnisse belaufen sich nach seinen Angaben auf eine Milliarde US-Dollar pro Monat. Den Wiederaufbau nach dem Krieg veranschlagte er auf 40 bis 50 Milliarden Dollar. Schon jetzt herrsche Wassermangel. In Kürze werde auch Nahrungsmittelhilfe im Irak notwendig sein. "Das ist keine Aufgabe mehr für die Nichtregierungsorganisationen oder für die Vereinten Nationen, sondern das müssen die Aggressoren, die Kämpfer selbst in die Hand nehmen", so Halliday. (AFP, AP, dpa, Reuters/(DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2003)

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