Mailath-Pokorny: Substanzverlust droht

1. April 2003, 12:20
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Wiener Kulturstadtrat warnt vor weiteren Kürzungen

Wien - Kunststaatssekretär Franz Morak (V) legt momentan Kulturinteressierten dringend einen Besuch von Amateurtheateraufführungen in Oberzeiring ans Herz. Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny war noch nicht in Oberzeiring. "Wenn wir Oberzeiring als Metapher, als kulturpolitisches Ziel nehmen, das bedeutet, dass man Gelder aus der Metropole an die Peripherie verschieben will, dann kann ich davor nur warnen. Ich glaube, das ist ein falscher kulturpolitischer Ansatz", erklärt der Wiener Kulturstadtrat.

Warnung vor Kürzungen

Im übrigen wäre es falsch, dass zu viel Bundesmittel in die Hauptstadtkultur fließen würden. "Ich bestreite auf das Heftigste die Zahlen, die da immer wieder genannt werden. Der Bund investiert nicht 75 Prozent in Wien, sondern maximal die Hälfte, mit sinkender Tendenz." Zahlreiche in Wien angesiedelte Kulturinstitutionen kämen dem ganzen Land zu Gute, neben einigen begrüßenswerten Bundes-Investitionen wie etwa im Konzerthaus "bleiben strukturelle Kürzungen von 12 Prozent, quer über die meisten kulturellen Institutionen. Wenn ich höre, dass im neuen Budget die Ermessensausgaben - und damit die meisten Kulturausgaben - neuerlich um fünf Prozent gekürzt werden sollen, dann warne ich davor. Weitere Kürzungen werden nicht aus dem Wiener Budget ausgeglichen werden können - da droht Substanzverlust!"

Perspektiven

Den Vorwurf, bloß zu reagieren und zu wenig eigene Initiativen zu setzen, weist Mailath-Pokorny zurück: "Ich versuche, Perspektiven für die Kulturpolitik zu entwickeln und neue Entwicklungen zu initiieren. Ich habe versucht, der reinen Logik des Marktes entgegenzuwirken", sagt der Stadtrat und verweist auf die Förderung des Filmmuseums, die Rettung von Gartenbau und Metro Kino, die Neuorientierung des Historischen Museums, die Errichtung eines Kunstplatz Karlsplatz sowie die Unterstützung von Orten der Gegenöffentlichkeit wie Secession, Künstlerhaus oder Depot.

Zuletzt schien es möglich, dass auf Grund von finanziellen Überlegungen die angekündigte Musical-freie Bespielung des Theaters an der Wien wieder zurückgenommen werden könnte. "Das schließe ich aus", sagt der Stadtrat, "Es sind nur noch organisatorische, finanzielle und strukturelle Einzelheiten zu klären." Auch mit Finanzstadtrat und Vizebürgermeister Sepp Rieder (S) glaubt sich Mailath-Pokorny einig: "Klar ist, dass das auch mehr kosten wird - das wissen alle Beteiligten. Nur die Berechnungen, die sich aus möglichen Synergien ergeben, sind derzeit unterschiedlich."

Persönliche Eitelkeiten

Die derzeit laufende Debatte um ein Überangebot an Ausstellungsflächen in Wien hält er "für eine Debatte um persönliche Eitelkeiten" und regt zusätzliche Marketing-Maßnahmen an: "Wir haben das größte zusammenhängende museale Areal der Welt. Das ist vielleicht noch zu wenig bewusst. Ich werde mich bemühen, das mit einem gemeinsamen Leitsystem zu versinnbildlichen. Was wir hier haben, müssen wir noch besser verkaufen." (APA)

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