Psychostörung bei Edok-Leiter, urteilt die Sachverständige

1. April 2003, 12:27
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Prozess gegen obersten Mafiafahnder steht vor dem Abschluss

Wien - An der Spitze der mittlerweile aufgelösten Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität (Edok) stand ein Mann mit einer Persönlichkeitsstörung. Konkret lag bei ihm eine so genannte Selbstwertstörung vor. Zu diesem Urteil kam am Montag in Wien die Sachverständige Sigrun Rossmanith beim Prozess gegen Oberstleutnant Josef B., den ehemaligen operativen Leiter der Edok.

Der inzwischen suspendierte Mafia-Fahnder muss sich wegen Missbrauchs der Amtsgewalt verantworten. Er soll versucht haben, den mutmaßlichen Mafia-Paten Jeremiasz B., der als V-Mann für die Edok tätig war, vor der Verhaftung zu schützen.

Hohe Intelligenz und narzistische Störung

Josef B. bestreitet jede Schuld. Im Unterschied zu zwei Kollegen, die bereits wegen Missbrauchs der Amtsgewalt rechtskräftig zu teilbedingten Haftstrafen verurteilt worden sind. Zuletzt brachte sein Verteidiger eine mögliche Zurechnungsunfähigkeit ins Spiel, worauf das Gericht ein psychiatrisches Gutachten erstellen ließ.

Die Sachverständige bescheinigte dem Edok-Offizier eine sehr hohe Intelligenz und bekräftigte, dass er nicht an einer Geisteskrankheit im engeren Sinn leide. Dafür aber an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Josef B. hätte mit gekränktem Stolz, Argwohn und Misstrauen auf berufliche Dämpfer reagiert und "eigene Gesetzmäßigkeiten" eingeführt: "Er hat alles in seinen Beruf, seine Position investiert, und er hat letzten Endes das Gefühl gehabt, alles wird beschnitten, alle sind gegen ihn." Die Umwelt habe der 53-jährige Beamte nur mehr als "feindlich, vernichtend" erlebt.

Gemindertes Pflichtbewusstsein

Das Unrechtsbewusstsein sei bei ihm jedoch nicht aufgehoben gewesen, betonte Rossmanith. Der Angeklagte war ihr zufolge jedoch "zunehmend gemindert" in der Lage, seinen beruflichen Pflichten nachzukommen. (APA/DER STANDARD; Printausgabe, 1.4.2003)

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