Allen Gewalten zum Trotz

1. April 2003, 20:03
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1.4.2003 - Allen Lesern zur Hetz greift der Herausgeber der "Kronen Zeitung" in unregelmäßigen Abständen leibhaftig zu Pseudonym und Feder, entweder um ihnen die Welt oder der Welt zu erklären, was sie falsch macht...

Dabei liefert er nicht nur Proben seines messerscharfen Verstandes und seiner stilistischen Brillanz, weit öffnet er auch das Schatzkästlein seines reichen historischen Wissens, auf dass sich daran labe, wer immer mag.

Wer könnte die Dramatik einer komplizierten Situation präziser und mitreißender darstellen als erst wieder am Freitag er? Während die amerikanisch-britischen Truppen durch heiße Sandstürme und unerwartete Kampfkraft ihrer Gegner in Richtung Bagdad preschen, ist im Nordirak eine heikle Lage entstanden. Warum, ist seit vielen Tagen bekannt, aber alle die mehr darüber wissen wollen, erfahren nur hier: Ein sehr bedeutender Türke spielt dabei, wie immer in der Türkei, posthum eine Rolle: Kemal Atatürk.

Dessen Exhumierung wurde notwendig, weil die Welt unbedingt erfahren musste, was Cato über ihn zu sagen hat. Zum Beispiel: In Ankara wurde für Kemal Atatürk nach seinem Tod 1938 ein großes Mausoleum errichtet. Und wer das nicht weiß, wird sich in der heiklen Lage, die im Nordirak entstanden ist, nie zurecht finden, denn diese Verehrung macht auch den Zwiespalt der türkischen Politik aus. Einerseits will man den Anschluss an Europa finden, andererseits expandiert im Zeichen der Zeit der Islam. Kein Wunder daher, dass es auch keinen Gleichschritt mit den alliierten Amerikanern und Briten gibt.

Nach dieser Klärung der heiklen Lage im Nordirak, wandte er sich am nächsten Tag moralischen Fragen zu. So unglaublich das klingt, Bush und Blair raufen sich sozusagen bereits um Profite, die beim Wiederaufbau im Irak gemacht werden können. Noch verwerflicher: Es sind zum Teil Objekte, die noch gar nicht erobert worden sind. Aber keine Angst: Saddams protzige Paläste und Bushs Vergabe von profitablen Aufträgen an US-Konzerne für den Wiederaufbau des Irak, noch bevor diese Bauten zerstört werden konnten, kommen aus gleicher profitgieriger Überheblichkeit. Sie tragen den Keim des Endes in sich.

Höchste Zeit für eine Gardinenpredigt an diese sauberen Herrschaften. Viele der heutigen Politiker sind, wie Bush und Blair, materiell geleitet. Sie betrachten Geld als ein Mittel, um zu mehr Geld zu kommen und damit mehr Macht zu haben, um dann über jene zu triumphieren, die bisher ihresgleichen waren.

Wer hätte das gedacht! Aus niemandes Mund klingt die Empörung glaubhafter als aus dem Catos. Man spürt es aus diesen Sätzen heraus, wie ihm förmlich schlecht wird ob dieser Geldgier der Bushs, Blairs etc. Um wieviel besser könnte die Welt doch sein, gäben sie sich damit zufrieden, wie andere ihre Hunde zu streicheln. Allen Gewalten zum Trotz könnten dann auch sie über eine demagogische Konkurrenz triumphieren, wie das der "Kronen Zeitung" wieder einmal gelungen ist, jedenfalls nach der märchenhaften Darstellung ihres Herausgebers am Sonntag.

Alles hatte sich gegen das Blatt verschworen. Für die ganze Zeitungsbrache war es eine schwierige Zeit. Bei der "Kronen Zeitung" kam dazu, dass es zwischen den Eigentümern zu Konflikten gekommen ist, die in Konkurrenzblättern und Magazinen gemeinerweise große und manchmal demagogische Beachtung fanden. Umso dankbarer müssen wir unseren Lesern sein, denn allen Gewalten zum Trotz . . . kurz: Die "Krone" hat sich in der Media-Analyse wieder einmal passabel gehalten.

Aber leicht war das nicht. Auf welche Tricks Konkurrenzblätter wie etwa "Die Presse" und "Der Standard" kommen können, um ihre Leserschaft etwas zu vergrößern, geht daraus hervor - und jetzt machen Sie sich auf das Allerschlimmste gefasst! - dass sie seit einiger Zeit ihre Samstag-Ausgaben an Sonntagen über Selbstverkaufstaschen anbieten. Gipfel der Unverschämtheit: Die lassen seit Jahren ihre Samstagblätter noch am Sonntag hängen, damit die Leser vergleichen können, wie antiquiert sich daneben die aktuelle Sonntags-"Krone" in ihren Selbstverkaufstaschen ausnimmt. Einfach niederträchtig!

Geld werfen solche Konsumenten kaum noch in die Kassen, während die Büchsen an den "Krone"-Taschen gar nicht fassen können, was in sie hineingestopft wird. Grotesk ist allerdings, dass es für Tageszeitungen, die derartige Methoden anwenden, Presseförderung gibt. Viel grotesker freilich, wenn es diese auch für Unternehmen geben sollte, die den "U-Bahn-Express" von vornherein herschenken, aber irgendwie kann man Altpapier daheim doch noch brauchen.

Warum macht der Staat so etwas Widersinniges? Weil Parteien sich offenbar einbilden, auch Altpapier könnte ihnen politisch helfen. Gar nicht so unwichtige Funktionäre sind sogar überzeugt davon, sonst würden sie sich an der wechselseitigen und materiell geleiteten Einschleimerei zwischen Kleinformat und Politikern kaum beteiligen, die nur dazu dient, mehr Macht zu haben, um dann über jene zu triumphieren, die bisher ihresgleichen waren. (DER STANDARD, Printausgabe vom 1.4.2003)

Von Günter Traxler
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    foto: standard/eggenberger/etat.at
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