Ein langer und schmutziger Krieg?

1. April 2003, 00:22
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Hans Rauscher schreibt in seiner Kolumne über guten Journalismus, jahrhundertealte Demokratie und Saddams Todesschwadronen

Die Grundannahme der verblendeten Regierung Bush war, dieser Krieg ließe sich rasch und relativ "sauber" führen - eine Hoffnung, die auch von einer skeptischen Welt geteilt wurde. Beides scheint nun nach vorliegenden Informationen nicht zu stimmen. Ein langer und schmutziger Krieg droht. Das Fehlschlagen des Planes der schnellen Überwältigung bedeutet aber nicht nur eine Verlängerung des Krieges, sondern auch die extreme Gefahr, dass vollends ein schmutziger Krieg daraus wird. Denn die bisherige relative Zurückhaltung der US-Streitkräfte würde bei einem Häuserkampf um die Fünf-Millionen-Stadt Bagdad oder auch in anderen Bevölkerungszentren zwangsläufig aufgegeben werden. Diesen Schluss ziehen so ziemlich alle Experten und Kriegsberichterstatter.

An dieser Stelle ein Exkurs: Die Meinung ist allgemein verbreitet, auch in manchen (österreichischen) Medien, man könne über diesen Krieg nichts Genaues wissen, man werde ohnehin dauernd desinformiert, und im Übrigen sei die Propaganda der amerikanischen und irakischen Stellen praktisch gleichzusetzen. Manche österreichische Zeitungen, auch der STANDARD, weisen ihre Leser darauf hin, dass die Informationen, die man bekommt, die jeweilige Zensur und Propagandamaschinerie passieren und daher mit Vorsicht zu genießen sind.

Im Kurier wird diese Mitteilung ein wenig lyrisch eingeleitet, im Krieg sterbe bekanntlich als Erstes die Wahrheit. Das ist alles schon irgendwie richtig, und es kann nicht schaden, die Leser darauf aufmerksam zu machen. Aber es fehlt ein zweiter Teil: nämlich dass es für erfahrene, kenntnisreiche und skeptische Journalisten sehr wohl möglich ist, sich ein Bild von internationalen Vorgängen zu machen, selbst wenn es ein Krieg ist. Es steht eine Unzahl von Quellen zur Verfügung, nicht nur der Kriegsparteien, und ein ordentlicher Journalist kann sie aus- und bewerten. Und er kann sich selbst Informationen beschaffen.

DER STANDARD z. B., der die Berichterstattung über den Nahen und Mittleren Osten immer gepflegt hat, verfügt hier über Kompetenz und Expertise. Ich behaupte, dass die internationalen Medien, auch ein Teil der österreichischen Zeitungen und der ORF, bisher ein halbwegs realistisches Bild von diesem Krieg geboten haben - auch deshalb, weil die Nachrichtenübermittlung heute praktisch in Echtzeit passiert. Es ist der Job von guten Journalisten, die Ereignisse richtig zu reportieren und einzuordnen - und wenn man gegenüber den US-Stellen zu Recht skeptisch sein muss, so sollte man nicht vergessen, dass die Nachrichten der einen Seite von einer jahrhundertealten Demokratie und die der anderen Seite von einer schauerlichen asiatischen Despotie kommen, die man nicht gleichsetzen darf.

Gerade in den US-Medien ist bereits davon die Rede, was der bisherige Kriegsverlauf bedeutet: Bagdad muss eingenommen werden. Das bedeutet entweder einen verlustreichen Häuserkampf, bei dem auch die Zivilbevölkerung leidet, die von Saddams Todesschwadronen als Schutzschild benutzt wird. Oder, noch schlimmer, eine lange Belagerung, bei der Millionen Menschen von Wasser und Nahrung abgeschnitten sind oder aus der Stadt flüchten müssen. Beides wäre ein Horror, der verheerende Folgen vor allem für die Betroffenen, aber auch für die weltpolitische Situation hätte. Es ist daher dringend zu hoffen, dass doch vorher das immer noch mögliche Szenario eintritt und Saddams Regime plötzlich zusammenbricht. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2003)

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