Vertanzte Spielarten der Kommunikation

1. April 2003, 13:51
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Choreograf Elio Garvasi bei "imagetanz", das Nederlands Dans Theater in St. Pölten

Wien/St. Pölten - In den letzten Märztagen bot man allerorts stilistisch divergierende Tanzprogramme und damit eine Art Schulung in Sichtweisen gegenwärtigen Tanzes. Zum Finale des Festivals imagetanz der dietheater Wien brachte Elio Gervasi in Zusammenarbeit mit seiner fünfköpfigen Company den Mittelteil seines in der Halle 1030 (Herbst 2002) begonnenen Triptychons elgeny-seny zur Premiere. Was damals in der Weite des Raumes an choreografischem Spürsinn gepaart mit tänzerischem Ausdrucksvermögen zu sehen war, erhielt nun in Stufe zwei jene intime Qualität, wie sie sich für den das sehr vielfältige Geschehen vom Rand des gänzlich leer geräumten Künstlerhaustheaters aus Betrachtenden naturgemäß ergibt.

Der "schwatzende" Körper trifft auf den wortkarg besinnlichen, der impulsiv-expressive Typ auf den Melancholiker. Die unterschiedlichen Charaktere und ihre persönlich ausgeprägte Bewegungsartikulation lassen das Grüppchen zu einer Minigesellschaft mit eigenen Gesetzen wachsen.

Dahinter steckt die langjährige Erfahrung des Choreografen Elio Gervasi, der das teils überbordende Temperament seiner Tänzer in Form zu halten versteht und doch jegliche Nuancen trefflichst auszuspielen erlaubt. Den weiteren Verlauf dieses ansprechenden Projektes wird man im Sommer bei imPulsTanz 2003 verfolgen können.

Überall gelobt

Nach Kommunikation, und sei es auch die sterile Variante, verlangen die Tänzer in Philipp Gehmachers Tanzquartier-Uraufführung mountains are mountains zum Sound von Pedro Gomez-Egana. Der 28-jährige Salzburger mit Nebenwohnsitz London kämpft beharrlich und ziemlich erfolgreich um das Weiterkommen. Gelobt wird er ja überall - was er in Wien präsentierte, darf als kleiner Schritt in Gruppenarbeit betrachtet werden.

Mit penetranter Beharrlichkeit äußern er und vier weitere Akteure das von ihm leidenschaftlich gepflegte, von seinen Soli, Duos und Trios bekannte Reduktionsvokabular. Bewegungsasket Gehmacher gibt den Ton an: bullig, den Nacken und Kopf leicht vorgebeugt, die Schultern eingerollt, Blick zentriert.

In minutiöse Detailbewegungen vertieft, agieren seine Mitstreiter, die im langatmigen Verlauf von 70 Minuten gegen ihre Panzerkörper angehen, einmal eine frenetische Bewegung zulassen, einmal zu Boden fallen, sich umschichten und insgesamt etwas Bedrohliches auszustrahlen vermögen. Immerhin ist man durch eine Sicherheitsschranke vom "Tänzergehege" geschützt.

Dass Bewegungsreichtum, choreografischer Gestaltungswille und gekonnt eingesetzter Körperwitz weder altmodisch noch "geschmäcklerisch" sind, war beim Gastspiel der Juniortruppe des Nederlands Dans Theater (NDT) im ausverkauften Festspielhaus St. Pölten zu sehen. Wenn in Jiri Kyliáns ästhetisch ausgefeiltem 27'52 (2002; mit Musik von Dirk Haubrich) drei Paare antreten, sorgt das für ausgeklügelten Kommunikationsstoff untereinander.

Das vierminütige Shutters Shut von Paul Lightfoot und Sol León lebt schlicht aus dem den Texten von Gertrude Stein eigenem Rhythmus. Der lässt sich von Könnern pointiert umsetzen. So wie sich das NDT II präsentiert, sollte modernes Ballett sein. Der im Haus residierenden "abcdancecompany" hat man damit ein erstrebenswertes Vorbild geliefert. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2003)

Von Ursula Kneiss
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