Das Ende der Gemütlichkeit

3. April 2003, 18:42
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"Oblomow", frisch gedeutet im Burg-Kasino

Wien - Am Samstag, dem 1. Mai 1843, versucht Ilja Oblomow in Petersburg aus seinem Bett zu steigen. Hundertsechzig Jahre und einige Kriege später - die ein Oblomow nie angezettelt hätte, weil er vor jeder Handlung gottlob zu viel nachdenkt - fischt Werner Wölbern, gegen die Zudringlichkeit der schlafstörenden Sonne mit dunkler Brille geschützt, im Kasino am Schwarzenbergplatz nach den Pantoffeln. Und will sie natürlich gar nicht finden.

Dass er sie tatsächlich nicht finden will - und zwar nicht aus Faulheit, sondern aus einer Verweigerungshaltung gegenüber einer von Karrieristen verstopften Welt -, das ist der Hauptakzent, den Stephan Müllers Regie zu setzen versucht. Also nichts weniger als eine Umdeutung des Schlagworts "Oblomowerei", das sofort nach dem Erscheinen von Iwan Gontscharows Roman 1859 in ganz Russland kursierte, aber später sowohl von kommunistischen wie "realkapitalistischen" Interpreten als Faulheit und Drückebergerei denunziert wurde.

Der Mensch, meinten beide ideologischen Lager, müsse arbeitsam sein, betriebsam, aktiv. Deshalb galt Oblomow ihnen als ein uneinsichtiges Abfallprodukt, als Kollateralschaden sozialistischer oder kapitalistischer Heilslehren. Aber ist er das denn wirklich? Wenn über Werner Wölberns Gesicht, wie von Gontscharow beschrieben, "die Gedanken frei wie Vögel huschen", dann wird hier und in einer ausgefeilten Gestik der Zerbrechlichkeit auch der Widerstand des Subjekts gegen die Zumutungen des Funktionierens sichtbar: In Gontscharows Epoche brach europaweit angesichts des aufkommenden Kapitalismus die Berechtigung der "Vita contemplativa" zusammen. Baudelaire, Lermontow und sogar Nestroy in seinem Zerrissenen beklagten dies. Auch Oblomow ist ein solcher Zerrissener. Jetzt, nach dem Zusammenbruch der Ideologien, ist eine Neubewertung möglich. Im Schwarzenberg-Kasino geht das so:

Um den "Ennui" nicht nur dieser Epoche zu zeigen, hat Bernhard Hammer eine Phalanx von Schaumstoff-Liegesesseln auf die Bühne gestellt: Liegesessel eines Schiffes, eines Kinos, einer Busreise? Dazwischen eine bungalowartige Glasfront, in der dem Oblomow ein anderes Leben vorgeführt wird. Sein betriebsamer und demgemäß erfolgreicher Freund, typischerweise mit dem deutschen Namen "Stolz" (Nicholas Ofczarek), will es ihm schmackhaft machen: Musik aus dem Pavillon, auch ein Lockvogel aus diesem heraus - Dorothee Hartinger soll als Olga Oblomow aufwecken. Was ihr fast gelingt. Aber weil diese Olga dann doch sehr viel herumhüpft und die weite Landschaft "Liebe" in einer Wohnung zementieren will, springt Oblomow wieder ab. Es bleibt ihm ja sein Diener Sachar (gut brummig: Urs Hefti). Stolz heiratet prompt die Olga. Diese langweilt sich nun selbst. Es gibt kein wahres ("authentisches") Leben im Falschen. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2003)

Von Richard Reichensperger
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    Dorothee Hartinger und Nicholas Ofczarek

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