Laokoon und seine irakischen Brüder

31. März 2003, 18:12
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Die Empörung über Kriegsfotos aus dem Irak erinnert an einen kunsttheoretischen Diskurs aus der Zeit der deutschen Aufklärung

Die verräterische Weise, auf die man sich im Westen über realitätsnahe Kriegsfotos aus dem Irak beinahe mehr empört als über jene, die das Abgebildete anrichten, erinnert an einen kunsttheoretischen Diskurs aus der Zeit der deutschen Aufklärung.


Troja/Rhodos/Bagdad - Der römische Dichter Vergil (70-90 v. Chr.) berichtet in seiner Aenäis vom qualvollen Tod des trojanischen Priesters Laokoon und seiner beiden Söhne: Weil der Priester die Trojaner vor dem hölzernen Pferd warnte, das die Griechen bei ihrem vorgetäuschten Abzug zurückgelassen hatten, und gegen diesen ersten Panzer der Kriegsgeschichte sogar einen Speer schleuderte, wurde er mitsamt seinen Söhnen von Schlangen erwürgt.

Im Jahr 831 v. Chr. schufen drei Bildhauer auf Rhodos, Athanodoros, Hagesandros und Polydoros mit Namen, jene berühmt gewordene Darstellung dieser Tötung, deren 1506 aufgefundene römische Nachbildung als Laokoongruppe in den vatikanischen Museen steht.

Was an ihr auffällt, ist die eher diskrete Verhaltenheit, mit der der Todeskampf von den Gesichtern der drei gemeißelten Figuren ablesbar ist. Ein Phänomen, das schon früh zu unterschiedlichen Interpretationen anregte.

So interpretierte der deutsche Kunsttheoretiker Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) diese gestische Dezenz als den gültigen Ausdruck zweier Charaktereigenschaften, die den antiken Menschen seiner Ansicht nach auszeichneten: die "edle Einfalt" und die "stille Größe".

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) sah in dieser Skulptur hingegen seine kunsttheoretischen Postulate über die Grenzen der Malerei und Poesie exemplarisch verwirklicht: Aufgabe der bildenden Kunst ist es nach seiner Meinung nicht, "eine vorübergehende Erscheinung wie das Schreien des Laokoon" darzustellen, sondern vielmehr jenen "fruchtbaren Augenblick, in dem sich das Vergangene und gleichzeitig das Kommende ausdrücken: nämlich das Öffnen des Mundes zum Schrei".

Die Darstellung der Aktionen überlässt Lessing der Dichtkunst. Und zitiert die Laokoons Tod betreffende Stelle aus Vergils Epos:

"Grässlich ertönt das Jammergeschrei zu den Sternen,

gleich dem Gebrüll des Stiers,

der am Altar verwundet flieht

und vom Nacken das Beil, das schwankend geführt, sich schüttelt."

So unterschiedlich sich diese beiden Standpunkte lesen mögen, so haben sie doch eines gemein: Das für die Zeit der Aufklärung erstaunliche Einverständnis, dass eine realistische Darstellung der Grausamkeit und ihrer Folgen einfach nicht denkbar ist.

Zweieinhalb Jahrhunderte später, so könnte man meinen, müsste der Vorgang dieser Aufklärung ja wohl so weit gediehen sein, dass die westliche Öffentlichkeit in der Lage ist, dem Anblick von Bildern und skulpturalen Gestaltungen standzuhalten, den die drei oben genannten Bildhauer von Rhodos dem Betrachter ihrer Laokoongruppe zu Lessings und Winckelmanns Befriedigung ersparten.

Dass dem noch ganz und gar nicht so ist, beweisen die empörten Proteste über Bilder, auf welchen die Realität der "Befreiung" dargestellt ist, in deren Genuss das irakische Volk durch die britisch-amerikanische Invasion nun endlich gelangen soll.

Freilich handelt es sich dabei nicht um Artefakte, sondern um, wie Marcel Duchamps sagen würde, objets trouvés aus den Bezirken der im Gange befindlichen Befreiung. In vielfacher Hinsicht könnte man bei deren Betrachtung weniger zu einer Deutung im Sinne Winckelmanns neigen, als vielmehr frei nach Lessing von einem in vielfacher Hinsicht ebenso bedrückenden wie mehrfach belangvollen "fruchtbaren Augenblick" sprechen.

Zunächst ist es der verräterisch fruchtbare Augenblick für den tief wurzelnden westlichen Wert der Pflicht zur aktiven und passiven Lüge. Wir wollen nette GIs sehen, die mit chirurgischer Akkuratesse Herrn Saddams Schreckensarsenal mit smarten Waffen vernichten und die das ihnen zujubelnde irakische Volk mit Coca-Cola und saftigen Burgers laben.

Zerfetzte Iraker, mit ausgetretenem Gedärm in ihrem Blut liegend, passen offenkundig ebenfalls nicht ins Bild. Sie stellen unser von den Tugenden der edlen Einfalt und einer vor Onkel Sam bisher stets gezeigten Willfährigkeit geprägtes Gemüt vor unlösbare emotionale Probleme.

Heimlicher Rassismus

Ebenso wenig passen die Bilder von Gefangenen aus den Reihen der Angreifer in unsere Vorstellungswelt. Der wertereiche Westen hat zu siegen. Schlappen sind da keine vorgesehen.

Das wäre noch nicht alles. Ist die Entrüstung über solche Abbildungen doch auch ein schrecklich verräterischer Hinweis auf den trotz aller Beteuerungen noch immer latent vorhandenen Rassismus:

Schlugen die Wellen der Volkswut doch erst dann hoch, als man Amerikaner und Briten in aller Ausführlichkeit in der Rolle von Gefangenen betrachten konnte. Bei inhaftierten Al-Kaida- Kämpfern und gefangenen Irakis war man diesbezüglich bisher weniger zimperlich.

So wird es wohl bleiben wie zu Laokoons Zeiten: Den Tod und den Schmerz will man, soll man nicht sehen. Zum Glück der Tötenden - zum Unglück ihrer Opfer. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2003)

Von Peter Vujica
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    "Grässlich ertönt das Jammergeschrei zu den Sternen": die berühmte Laokoon-Gruppe, bei der der Todeskampf der drei gemeißelten Figuren eher diskret gezeigt wird.

    Nachbildung der antiken Laokoon-Gruppe von Agesandros, Polydoros und Athanadoros of Rhodes (831 v. Chr.)Vatikanische Museen, Rom

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    Heikle Bilder aus dem Irakkrieg: hier, übermittelt in einem TV-Bericht von Al-Jazeera, ein beim US-Bombardement in Katar verwundetes Kind.

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