Die Empörung über Kriegsfotos aus dem Irak erinnert an einen kunsttheoretischen Diskurs aus der Zeit der deutschen Aufklärung
Die verräterische Weise, auf die man sich im Westen über realitätsnahe
Kriegsfotos aus dem Irak beinahe mehr empört als über jene, die das
Abgebildete anrichten, erinnert an einen kunsttheoretischen Diskurs aus der Zeit der deutschen Aufklärung.
Troja/Rhodos/Bagdad - Der römische Dichter Vergil (70-90
v. Chr.) berichtet in seiner Aenäis vom qualvollen Tod des
trojanischen Priesters Laokoon und seiner beiden Söhne:
Weil der Priester die Trojaner
vor dem hölzernen Pferd
warnte, das die Griechen bei
ihrem vorgetäuschten Abzug
zurückgelassen hatten, und
gegen diesen ersten Panzer der
Kriegsgeschichte sogar einen
Speer schleuderte, wurde er
mitsamt seinen Söhnen von
Schlangen erwürgt.
Im Jahr 831 v. Chr. schufen
drei Bildhauer
auf Rhodos, Athanodoros, Hagesandros und Polydoros
mit Namen, jene berühmt gewordene Darstellung dieser Tötung, deren 1506 aufgefundene römische Nachbildung als Laokoongruppe in den vatikanischen Museen steht.
Was an ihr auffällt, ist die
eher diskrete Verhaltenheit,
mit der der Todeskampf von
den Gesichtern der drei gemeißelten Figuren ablesbar
ist. Ein Phänomen, das schon
früh zu unterschiedlichen
Interpretationen anregte.
So interpretierte der deutsche Kunsttheoretiker Johann Joachim Winckelmann
(1717-1768) diese gestische
Dezenz als den gültigen Ausdruck zweier Charaktereigenschaften, die den antiken
Menschen seiner Ansicht
nach auszeichneten: die "edle
Einfalt" und die "stille Größe".
Gotthold Ephraim Lessing
(1729-1781) sah in dieser
Skulptur hingegen seine
kunsttheoretischen Postulate
über die Grenzen der Malerei
und Poesie exemplarisch verwirklicht: Aufgabe der bildenden Kunst ist es nach seiner
Meinung nicht, "eine vorübergehende Erscheinung wie das
Schreien des Laokoon" darzustellen, sondern vielmehr jenen
"fruchtbaren Augenblick, in dem
sich das Vergangene und gleichzeitig das Kommende ausdrücken: nämlich
das Öffnen des Mundes zum
Schrei".
Die Darstellung der Aktionen überlässt Lessing der
Dichtkunst. Und zitiert die
Laokoons Tod betreffende
Stelle aus Vergils Epos:
"Grässlich ertönt das Jammergeschrei zu den Sternen,
gleich dem Gebrüll des Stiers,
der am Altar verwundet flieht
und vom Nacken das Beil, das
schwankend geführt, sich
schüttelt."
So unterschiedlich sich diese beiden Standpunkte lesen
mögen, so haben sie doch eines gemein: Das für die Zeit
der Aufklärung erstaunliche
Einverständnis, dass eine realistische Darstellung der Grausamkeit und ihrer Folgen einfach nicht denkbar ist.
Zweieinhalb Jahrhunderte
später, so könnte man meinen,
müsste der Vorgang dieser
Aufklärung ja wohl so weit gediehen sein, dass die westliche Öffentlichkeit in der Lage
ist, dem Anblick von Bildern
und skulpturalen Gestaltungen standzuhalten, den die
drei oben genannten Bildhauer von Rhodos dem Betrachter
ihrer Laokoongruppe zu Lessings und Winckelmanns Befriedigung ersparten.
Dass dem noch ganz und gar
nicht so ist, beweisen die empörten Proteste über Bilder,
auf welchen die Realität der
"Befreiung" dargestellt ist, in
deren Genuss das irakische
Volk durch die britisch-amerikanische Invasion nun endlich gelangen soll.
Freilich handelt es sich dabei nicht um Artefakte, sondern um, wie Marcel Duchamps sagen würde, objets
trouvés aus den Bezirken der
im Gange befindlichen Befreiung. In vielfacher Hinsicht
könnte man bei deren Betrachtung weniger zu einer Deutung im Sinne Winckelmanns
neigen, als vielmehr frei nach
Lessing von einem in vielfacher Hinsicht ebenso bedrückenden wie mehrfach belangvollen "fruchtbaren Augenblick" sprechen.
Zunächst ist es der verräterisch fruchtbare Augenblick
für den tief wurzelnden westlichen Wert der Pflicht zur
aktiven und passiven Lüge.
Wir wollen nette GIs sehen,
die mit chirurgischer Akkuratesse Herrn Saddams Schreckensarsenal mit smarten
Waffen vernichten und die das
ihnen zujubelnde irakische
Volk mit Coca-Cola und saftigen Burgers laben.
Zerfetzte Iraker, mit ausgetretenem Gedärm in ihrem
Blut liegend, passen offenkundig ebenfalls nicht ins Bild.
Sie stellen unser von den Tugenden der edlen Einfalt und
einer vor Onkel Sam bisher
stets gezeigten Willfährigkeit
geprägtes Gemüt vor unlösbare emotionale Probleme.
Heimlicher Rassismus
Ebenso wenig passen die
Bilder von Gefangenen aus
den Reihen der Angreifer in
unsere Vorstellungswelt. Der
wertereiche Westen hat zu siegen. Schlappen sind da keine
vorgesehen.
Das wäre noch nicht alles.
Ist die Entrüstung über solche
Abbildungen doch auch ein
schrecklich verräterischer
Hinweis auf den trotz aller Beteuerungen noch immer latent
vorhandenen Rassismus:
Schlugen die Wellen der
Volkswut doch erst dann
hoch, als man Amerikaner
und Briten in aller Ausführlichkeit in der Rolle von Gefangenen betrachten konnte.
Bei inhaftierten Al-Kaida-
Kämpfern und gefangenen Irakis war man diesbezüglich
bisher weniger zimperlich.
So wird es wohl bleiben wie
zu Laokoons Zeiten: Den Tod
und den Schmerz will man,
soll man nicht sehen. Zum
Glück der Tötenden - zum Unglück ihrer Opfer. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2003)
Von Peter Vujica