"Ich nenne es Patchwork-Karriere"

20. Oktober 2003, 17:43
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In Zeiten der One-Company-Career wäre Thomas Holtrop auf ewig aus den Top-Führungsetagen verbannt geblieben. Heute werden Jobhopper wie er von Headhuntern gejagt wie seltenes Großwild.

Thomas Holtrops CV liest sich wie eine Tour de Force durch brandlastige Endverbraucher-Unternehmen: Club Mediterranee, Robinson Hotels, Geschäftsführer der Werbeagentur Springer & Jacoby - das sind die, die seit Jahren den "Stern aus Stuttgart" vermarkten - Vice President International Business Partners bei American Express in London und New York, Generalbevollmächtigter der Deutschen BANK 24 und seit Januar 2001 Chief Executive beim Magenta-Unternehmen T-Online International, dem mit elf Millionen Kunden größten europäischen Internetprovider.

Da regt sich fast der Verdacht, dass Holtrop, Jahrgang 1954, mehrere Leben gleichzeitig gelebt haben muss. Dabei sah es am Anfang gar nicht so zwingend nach höheren Weihen aus: Nach einer Lehre zum Einzelhandelskaufmann folgte ein abgebrochenes Psychologiestudium.

Karriere als Taxifahrer naheliegend

Ein derartiger Karrierestau hätte stringent zu einer, für verkrachte deutsche Geisteswissenschafter, nicht untypischen Laufbahn führen können: hinter das Lenkrad eines Taxis.

In Zeiten der One-Company-Career wäre Thomas Holtrop auf ewig aus den Top-Führungsetagen verbannt geblieben. Heute werden Job-hopper wie er von Headhuntern gejagt wie seltenes Großwild. Aber nicht bei Thomas Holtrop. Sein gesundes Selbstbewusstsein hätte diese unattraktive Perspektive niemals zugelassen.

STANDARD: Businessweek zählte sie unlängst zu den weltweit 25 wichtigsten New-Economy-Strategen. Auf Ihre unmittelbare Banker-Vergangenheit anspielend, fragte das Magazin, was denn um Himmels willen ein Nadelstreifträger vom Internet verstünde.
Holtrop: Das war natürlich zu kurz gegriffen, aber ein typisch amerikanisches Wortspiel. Zugegeben, meine Laufbahn ist sicherlich nicht geradlinig - ich nenne es Patchwork-Karriere - aber wenn man meinen Werdegang addiert, war er die beste Voraussetzung für das Geschäft, das ich jetzt führe: Transaktionen aus dem Bankgeschäft, Medien und Kommunikation aus meiner Zeit bei Springer & Jacoby, Dienstleistung aus der Tourismusbranche und globale Strategien und Direktmarketing durch meine Tätigkeit bei American Express. Im klassischen Sinn kein eindeutiges Profil, aber es passt auf eine Branche, bei der es keine Vorbilder gibt und keinen klassischen Ausbildungsweg. Denn heute formuliert nicht mehr die Technologie, sondern der Weg geht über die Kunden.

STANDARD: Sie haben unlängst gefordert, Politik und Unternehmen müssen proaktiv werden, um die digitale Spaltung zu überbrücken.
Holtrop: Zum einen geht es um die Überbrückung in den westlichen Zivilisationen, die im Wesentlichen alters- und bildungsbedingt ist, zum anderen um die globale.

Denn man geht heute davon aus, dass das digitale Netz - die "digital readiness" - Voraussetzung für zukünftiges ökonomisches Wachstum sein wird. Zur Veranschaulichung: Afrika mit einer Bevölkerung von 800 Millionen hat sechs Millionen Internetnutzer, während Europa bei einer 380-Millionen-Bevölkerung 135 Millionen User hat. Da sind Initiativen von Politik und globalen Unternehmen gefordert.

STANDARD: Wird der Zusammenschluss von Internet und Fernsehen stattfinden? Ist AOL/ TimeWarner ein Vorbild für T-Online?
Holtrop: Vor zwei Jahren wurde ich provokativ gefragt, wo denn unser TimeWarner sei. Ich habe schon damals die Meinung vertreten, dass man nicht das Restaurant besitzen muss, um ein gutes Menü zu essen. Die Realität hat mir Recht gegeben, denn heute denkt man bei AOL/TimeWarner offen über eine Trennung nach. Unser Weg ist besser: T-Online kooperiert mit starken Konvergenzmarken, die wir ins Netz übertragen können - zum Beispiel das ZDF heute-journal, die Bunte oder Auto Motor Sport - und dazu brauche ich nicht ein Content-Haus exklusiv zu besitzen.

STANDARD: T-Online sitzt auf einem satten Finanzpolster von 3,6 Milliarden Euro. Sind in nächster Zukunft Übernahmen geplant?
Holtrop: Unser Fokus ist ganz klar Europa - nicht Nordamerika oder Asien. Und zwar Nord- und Osteuropa. In Westeuropa kann man nur noch anorganisch wachsen, also nicht mehr via Marketingausgaben, aber im Augenblick bin ich überhaupt nicht in Akquisitionslaune.

STANDARD: Sie sagten unlängst, die Industrie befinde sich in einem fundamentalen Transformationsprozess. Wie sehen die Visionen des CEO von Europas größtem Internetprovider aus?
Holtrop: Nach dem Hype und der Depression beginnt nun die Phase der Realität. Das Thema Online kommt wieder auf die Agenda, aber mit einer klaren Trennung zwischen dem Hype auf der Investment-und Kapitalmarktseite und dem tatsächlichen Wachstum, das zurzeit 30 Prozent im Jahr beträgt. (DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.3.2003)

Mit Thomas Holtrop, CEO des Magenta-Unternehmens T-Online International, dem größten europäischen Internetprovider, sprach Hannelore Gude Hohensinner

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t-online.de

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