Martin Nowak bei "IST Lecture": Wir haben auch heute "kein komplettes Verständnis der Evolution"
Wien - Trotz aller Fortschritte seit den ersten Arbeiten von Charles
Darwin vor 150 Jahren haben wir auch heute "kein komplettes Verständnis der
Evolution". Das erklärte der aus Österreich stammende, an der Havard University
(USA) forschende Biologe und Mathematiker Martin Nowak bei der ersten "IST
Lecture" am Institute of Science and Technology (IST) Austria in Maria Gugging
(NÖ). Die Vorlesung war Auftakt zu einer losen Reihe, mit der das IST
renommierte Wissenschafter auch der interessierten Öffentlichkeit präsentieren
will.
Was heute als Mutation bekannt ist und laufend für zufällige Veränderungen in
einer Population sorgt, war für Darwin noch unbekannt, erklärte Nowak. Ohne
Mutationen würden sich Unterschiede nämlich von Generation zu Generation
nivellieren und es gebe für die von Darwin erkannte Selektion, also die
natürlich Auslese, keinen Angriffspunkt mehr. Auch hatte Darwin mit falschen
Zahlen über das Alter der Erde zu kämpfen. So berechnete Lord Kelvin (1824-1907)
das Alter der Sonne auf 200.000 Jahre. Für die Evolution der Organismen wäre das
jedenfalls zu kurz.
Kooperation und Hilfsbereitschaft
Während derlei Missverständnisse mittlerweile ausgeräumt sind, ist bis heute
ein heiß umkämpftes Forschungsthema wie sich Kooperation und Hilfsbereitschaft
in der Evolution durchsetzen konnten. Auf den ersten Blick haben Egoisten, die
nur auf das eigene Wohl schauen, stets die Nase vorne. Unter anderem in
vereinfachten, aber immer und immer wieder durchgespielten Computermodellen
haben die Wissenschafter um Nowak mehrere Mechanismen ausgemacht, über die
Kooperation sich sehr wohl durchsetzen kann.
"Kin Selection"
So sorgt die sogenannte "Kin Selection" dafür, dass wir Verwandte
uneigennützig unterstützen. Je enger die Verwandtschaft, desto stärker der
Effekt. Auf der Ebene der Evolution bedeutet das, dass jene Individuen einen
Vorteil bekommen, die möglichst ähnliche Gene wie der sich aufopfernde Wohltäter
besitzen.
Gegengeschäfte
Weitere Effekte laufen über Gegengeschäfte im weitesten Sinne. So erhofft
sich ein Wohltäter, dass seine Aktion entweder vom Empfänger irgendwann
honoriert wird ("direct reciprocity"), oder er durch sein Handeln als edler
Spender im Ansehen innerhalb seiner Gemeinschaft aufsteigen könnte ("indirect
reciprocity"). Wichtig für letzteren Effekt ist allerdings - so seltsam es
klingen mag - der Tratsch innerhalb einer Gemeinschaft. Nur wenn über gute Taten
auch genügend geredet wird, hat der Wohltäter etwas davon.
Auch auf Gruppenebene kann sich Kooperation und uneigennütziges Handeln in
der Evolution durchsetzen, ist Nowak überzeugt. So wird eine gut kooperierende
Gruppe innerhalb einer Population unter Umständen auch mehr Wohlstand besitzen,
das Beispiel wird Schule machen und auch Personen anziehen. Letztendlich könnte
aber auch echte Gruppen-Selektion eintreten, dass ein Haufen von Egoisten durch
eine funktionierende Gemeinschaft effektiv ausgelöscht wird.
Kooperation als
grundlegender Antrieb
Auch wenn Menschen durch die Entwicklung der Sprache eine Sonderform der
Evolution eröffnet haben, gelten die Mechanismen für die Kooperation bei weitem
nicht nur für den Homo sapiens. Vielmehr ist für Nowak die Kooperation ein
grundlegender Antrieb für die Evolution, etwa wenn sich zwei einfache System zu
einem komplexeren Gebilde zusammenfanden. Bis heute gilt die Ansicht, dass
höhere Organismen auch dadurch entstanden sind, indem zwei primitivere sich zu
einer Lebensgemeinschaft zusammenfanden und dabei ihre Eigenständigkeit
aufgaben.
Ein erfolgversprechendes, wenngleich noch sehr junges Thema ist die
Erforschung von Krankheiten wie Krebs auf der Ebene der Evolution von Zellen. So
ist Nowak überzeugt, dass bei Krebszellen die sonst in Geweben und Organen
übliche Kooperation aussetzt und diese auf den Stand einer völlig egoistischen
Einheit zurückversetzt werden. Wenngleich auf diesem Gebiet noch viel
Forschungsarbeit geleistet werden muss, versuchen die Wissenschafter
mittlerweile, etwa die Erfolgsaussichten von Chemotherapien zu berechnen. (APA)